Revolution in Schwebe

27. August 2010, 18:20
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Gelungen ist ein Balanceakt zwischen Kunst und Kritik - Die Architektur muss man suchen

Und dann das. Dramatisch beleuchtet, dramatisch in Szene gesetzt, dramatisch über den Köpfen der Besucher hinwegschwebend, als wäre die tonnenschwere Masse da oben leicht wie eine Feder, die in einer süßen Windböe vom Himmel fällt. Antón García Abril, Architekt und Autor der Installation Balancing Act, ist ein Meister des Gleichgewichts. In der Corderie-Halle des Arsenale setzte er zwei 20 Meter lange Betonträger übereinander, aber nicht irgendwie, sondern anhand einer fein berechneten Choreografie aus der Welt der physikalischen Kräfte.

"Ich kann mir nicht helfen. Ich habe das Bedürfnis, mit schweren Elementen leichte Räume zu gestalten" , sagt der 41-jährige Spanier. Wie schon bei seinem eigenen Wohnhaus in Las Rozas, Madrid, verblüfft er den Betrachter mit Unerwartetem. Normalerweise werden industriell gefertigte Elemente im Brückenbau eingesetzt. Hier tanzt das 25 Tonnen schwere Ding auf einer selbstgeschweißten Stahlfeder und ist der perfekte Auftakt für die 12. Architekturbiennale in Venedig, die heute, Samstag, eröffnet wird.

"People meet in architecture" lautet der übergeordnete Titel der Schau. Und selbst wenn der Großteil der Exponate eine tiefgehende Auseinandersetzung mit dem beauftragten Thema vermissen lässt, gebührt der Direktorin Kazuyo Sejima - erstmals wird die Biennale von einer Frau angeführt - eine gehörige Portion Respekt. Nach vielen gescheiterten Versuchen ist die Biennale, die in den letzten Jahren nicht durch Subtilität auffiel, endlich wieder ein Hort des Neuen, endlich wieder ein Hort des feinen Experiments - ohne Zaha und ohne Frankie O.

"Wir leben in einer Zeit radikaler Änderungen" , sagt Sejima, "deswegen ist es wichtig, dass die Architektur auf diese Änderungen mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln reagiert. Am Ende würde ich mir wünschen, dass wir dank dieser Ausstellung etwas genauer wissen, in welche Richtung sich unsere Gesellschaft entwickeln wird und welche Träume die Zukunft für uns birgt."

Und tatsächlich: Von Träumen (und Albträumen) sind auf dieser kunstaffinen Architekturbiennale so viele Exponate geprägt wie nie zuvor. Die Bandbreite ist groß. Die Volksrepublik China zog sich zurück ins letzte Eck des Arsenale, bearbeitete die alten Stahltanks mit Brecheisen und Stange und lässt daraus viele kleine, allem Anschein nach unzensurierte Schwalben aus durchsichtigem Acrylglas entfliehen.

Griechenland baute eine Holzarche, jawohl: eine Arche, und packt mit ein, was nötig ist, um die Reise in die Zukunft zu überstehen: einen Laptop mit Navigationssystem und MP3-Player, eine ganze Batterie an Pflanzensamen und Gewürzen und einen Backbordmotor zur Flucht.

Deutschland wiederum lässt in seinem Pavillon die "Sehnsucht" walten - so das umschweifende Motto des diesjährigen Beitrags von Cordula Rau, Eberhard Tröger und Ole W. Fischer. Gestillt wird vor allem jene nach einer bequemen Sitzgelegenheit in dunkelrotem Plüsch. Mehr ist nicht drin.

Neben ein paar Pavillons, die sich - wie übrigens auch der österreichische Beitrag unter Kommissär Eric Owen Moss - im krampfhaft pluralistischen Ausstellen vieler einzelner Projekte verzetteln, ist die Summe der unscheinbaren und wenig in Erinnerung bleibenden Länderbeiträge damit bereits erreicht. Der ganze große Rest ist zumeist simpel und einprägsam, bisweilen berührend und radikal, in jeder Hinsicht aber aufschlussreich und interessant.

Rumänien stellt einen einfachen White Cube in seinen Pavillon. "Ich wünsche mir, dass jeder einzeln hineingeht und den Raum auf sich wirken lässt" , sagt Architekt Tudor Vlasceanu. Mit exakt 94,4 Quadratmetern entspricht er dem Lebensraum eines durchschnittlichen Bukaresters. Mit einer Bevölkerungsdichte von 8500 Einwohnern pro Quadratkilometer zählt die rumänische Hauptstadt zu den dichtesten Ballungsräumen Europas. Vlasceanu: "Ich weiß schon, dass Bukarest nicht die wichtigste und spannendste Stadt Europas ist. Aber wir haben ein Problem, das auf diesem Kontinent recht selten ist. Wir wissen nicht, wohin mit den Menschen."

Obwohl die Niederlande auch nicht gerade dünn besiedelt sind, stellt sich dort ein Problem ganz anderer Art dar: "In den Niederlanden stehen 4326 architektonisch wertvolle, historisch bedeutende oder sich unter Denkmalschutz befindliche Bauwerke seit Jahren leer" , sagt Ole Bouman, Kurator und Direktor des Niederländischen Architekturinstituts (NAI). "Das ist nicht nur eine Verschwendung wertvoller Flächenressourcen, sondern auch eine Vernachlässigung unserer kulturellen Verantwortung." Jedes einzelne dieser Gebäude wurde nachgebaut und schwebt nun als federleichte Styroporskulptur über den Köpfen der Besucher. Der Aufstieg in den ersten Stock lohnt, ganz gleich, wie viele Blasen an den Füßen einen davon abzuhalten versuchen.

Nicht entgehen lassen sollte man sich übrigens auch den Hylozoic Ground im kanadischen Pavillon. Der Torontoer Architekt und Designer Philip Beesley verliert sich in den Abgründen kinetischer Architektur und baut technoide Lebewesen aus Plastik, Gummi und Papier. Die frei hängenden Skulpturen bewegen sich wie Farne in der Meeresströmung, wie Tiefseequallen und Kraken.

"Auch wenn das viele beunruhigen mag - ich bin davon überzeugt, dass wir mit der uns vertrauten statischen Architektur nicht mehr weit kommen werden" , sagt Beesley, ein Anhänger des Hylozoismus, des Glaubens daran, dass Materie lebt. "In ein paar grundlegenden Bereichen wie etwa in der Nahrungsmittelversorgung brauchen wir dringend Unterstützung. Je früher wir uns damit anfreunden, desto besser. Es muss sich etwas in Bewegung setzen."

Auf der Architekturbiennale ist vieles in Bewegung. Pritzker-Preisträgerin Kazuyo Sejima hat bewiesen, dass verkrustete Systeme dazu da sind, aufgebrochen zu werden. Der Jahrmarkt der Eitelkeiten dürfte überstanden sein. (Wojciech Czaja, ALBUM/DER STANDARD - Printausgabe, 28./29. August 2010)

  • "Superbia 1:1"  im rumänischen Pavillon ist eine vereinfachte Darstellung des Lebensraums Bukarest. Genau 94,4 Quadratmeter hat jeder Bewohner zur Verfügung.
    foto: wojciech czaja

    "Superbia 1:1" im rumänischen Pavillon ist eine vereinfachte Darstellung des Lebensraums Bukarest. Genau 94,4 Quadratmeter hat jeder Bewohner zur Verfügung.

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