"Habe keine Alternative zum Schreiben gesehen"

27. August 2010, 19:12
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Viele Junge hätten zu wenig Mut und trauten sich zu wenig zu, appelliert Schriftsteller Thomas Glavinic im Gespräch - Leute, die gar nicht wissen, was sie wollen, tun ihm leid

STANDARD: Herr Glavinic, seit wann können Sie vom Bücherschreiben leben?

Glavinic: Seit der Veröffentlichung meines ersten Romans. Aber bevor es so weit war, hatte ich schon acht oder neun geschrieben, allerdings sind die irgendwann im Papiermüll gelandet.

STANDARD: Wieso?

Glavinic: Ich denke, das gehört dazu. Die ersten 3000 Seiten schreibt man für den Papierkorb. Ich glaube, es war Thomas Bernhard, der das gesagt hat, und er hat recht.

STANDARD: Als Sie 16 waren, hat einmal eine Lehrerin spöttelnd vor der ganzen Klasse gesagt: "Der Glavinic will Schriftsteller werden." Und Sie haben erwidert: "Ich bin Schriftsteller." Sehr selbstbewusst.

Glavinic: Nicht unbedingt selbstbewusst, eher töricht und naiv. Aber für mich war eben immer klar, dass ich Schriftsteller und nichts anderes werden will. Ich habe für mich keine Alternative zum Schreiben gesehen.

STANDARD: Und Ihre Eltern haben Sie bei Ihrem Berufswunsch unterstützt?

Glavinic: Im Gegenteil, die wollten, dass ich etwas Solides mache. Sie konnten sich nicht vorstellen, dass man vom Bücherschreiben leben kann. Ich habe daran nie gezweifelt, andere vor mir konnten ja auch davon leben.

STANDARD: Aber auch nicht sofort.

Glavinic: Natürlich nicht, ich habe mich auch bis zu meiner ersten Veröffentlichung mit Taxifahren, Spendensammeln und anderen Gelegenheitsjobs über Wasser gehalten, aber letztlich nur dafür, das Schreiben zu finanzieren. Ich habe mich auch bei dreißig Werbeagenturen als Texter beworben. Zehn davon wollten mich sofort anstellen, nachdem sie meine Bewerbung - ich hab die übrigens alle ganz formlos per Fax geschickt - gelesen hatten.

STANDARD: Verraten Sie, was in Ihren Bewerbungen stand?

Glavinic: "Sehr geehrte/r Herr/Frau Scheff, xxx ist kein Aktenzeichen, und es katalogisiert auch keinen einsitzenden Kriminellen. Es ist mein irrwitzig überzogenes Konto bei der Bank yz. Ich ersuche Sie, Geld darauf zu überweisen. Im Notfall arbeite ich sogar dafür. Mit freundlichen Grüßen, Thomas Glavinic." Das ist jetzt bestimmt auch nicht die Krone der Originalität, aber es hat seinen Zweck erfüllt. Es war wirklich faszinierend, wie viele Angebote darauf kamen.

STANDARD: Für die Jobsuche im kreativen Bereich sicher eine gute Idee ...

Glavinic: Hätte ich mich in einem anderen Bereich beworben, hätte ich mir überlegt, wie ich es dort anstellen muss, um an einen Job zu kommen. Man muss überall kreativ sein und ein wenig Mut zum eigenen Weg aufbringen, will man etwas erreichen. Viele junge Leute haben davon zu wenig und trauen sich darüber hinaus zu wenig zu. Das hat viel mit Erziehung und der eigenen Einstellung zu tun. Anstatt sie zu ermuntern, sie selbst zu werden, bringt man jungen Leuten bei, wie sie sein sollen. Daraus resultiert Beschränktheit auf allen Gebieten. Gerade in Österreich glaubt man immer, Großes findet woanders statt, nie bei sich selbst, nie im eigenen Umfeld, man selber könne nichts Großes schaffen. Das ist doch Unsinn. Wenn man will, dann kann man.

STANDARD: Aber nicht jeder weiß so genau wie Sie, was er will.

Glavinic: Das ist schlimm, ja. Ich meine das nicht herablassend, wenn ich sage, solche Leute tun mir leid.

STANDARD: Was raten Sie einem Maturanten, der keinen Plan hat?

Glavinic: Einige Zeit nichts zu tun. Am besten ins Ausland zu gehen und Eindrücke zu sammeln. Reisen ist das Beste, was man da tun kann. Es gibt Länder, in denen man mit wenig Geld lange gut leben kann. Wenn man zurückkommt, weiß man mehr.

STANDARD: Haben Sie heute noch Existenzängste?

Glavinic: Ja, immer mehr. Geld zu verdienen wird mit den Jahren immer wichtiger für mich. Das ist wohl eine Erscheinung des Älterwerdens. Früher habe ich auch eine Lesung für wenig Geld gemacht, das tue ich nicht mehr. Da ist mir meine Zeit zu kostbar. Schreiben ist meine Besessenheit, dabei erlebe ich die größten Glücksmomente. Ich will Geld verdienen, damit ich das, was ich kann und will, tun kann: schreiben. (Judith Hecht, DER STANDARD, Printausgabe, 28./29.8.2010)

THOMAS GLAVINIC, geboren 1972 in Graz, war Taxifahrer, Bergbauer und Werbetexter und schreibt seit 1991 Romane, Essays, Erzählungen, Hörspiele und Reportagen.

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    Wusste, was er wollte: schreiben. Dafür hat er anfangs eine Menge Jobs gemacht. Existenzängste hat er aber
    immer noch. Junge ermutigt Glavinic: mutig verfolgen, was man möchte.

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