Der Wilde, den wir liebten

27. August 2010, 13:21
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40 Jahre seit dem Tod in Monza. Die Warum-Frage. Das überraschende Auffinden eines höchst sympathischen Halbbruders und die Mutmaßung, ob Ecclestone von einem Österreicher beerbt worden wäre

Jochen Rindt verunglückte am 5. September 1970 bei einem Trainingslauf zum Grand Prix von Italien. Beim Anbremsen der historisch wertvollen Parabolica-Kurve brach eine Bremswelle des Lotus, der Wagen bog abrupt ab und raste in die Leitschienen.

Heutzutage wäre es ein banales Szenario (Defekt, Auto knirscht übers Sandbett, die Kohlefaser-Schutzkapsel prasselt gegen knautschfähiges Hindernis, Fahrer wird zur Beobachtung ins Spital begleitet). Damals waren solche Unfälle tödlich, auch wenn es eine Theorie gibt, dass Rindt mit schwersten Beinverletzungen hätte überleben können, wäre er bloß ordentlich angeschnallt gewesen. So aber rutschte er unter den Gurten durch, das Gurtschloss brach ihm das Genick ... aber so genau wollte man es damals gar nicht wissen. Es passt zu jener Art von üblicher Risikobereitschaft und zum experimentell-schlamperten Umgang mit Material und Sicherheit. Allein in den sechs Formel-1-Jahren Jochen Rindts sind zwölf Grand-Prix-Fahrer zu Tode gestürzt, Jim Clark und Bruce McLaren waren die bekanntesten.

Wer als Österreicher an jenem Samstag vor 40 Jahren mindestens fünf Jahre alt war, erinnert sich, wo und in welcher Situation ihn die Nachricht traf. Was ihm in den Sinn schoss, und wie wildfremde Leute schluchzten. Es war eine echte große Tragödie. Die Zeit war günstig gewesen, um einen wie ihn als ganz abgehobene Erscheinung wahrzunehmen und als einmalig zu empfinden. Mitte der 1960er-Jahre konnte man etwas Strahlkraft gut vertragen. Politik und Kultur hatten fossile Strukturen, der Sport war im Zwischentief. Unsere Ski-Olympiasieger nahmen Schallplatten auf.

Und dann kam in der glamourösesten, weltoffensten, teuersten aller Sportarten ein Unsriger in die Höh, und was für einer: a Wüda mit ana Nosn.

Beziehungsweise, ganz im Gegenteil: a Narrischer ohne Nosn.

Man war sich einfach nicht im Klaren, ob er nun eine ganz besondere Nase hatte oder gar keine.

André Heller, der Rindt aus der speziell beleumundeten Abitur-Drillanstalt von Bad Aussee kannte (wenn auch um Jahrgänge getrennt), sagte: "Er hatte ein Gesicht wie eine Strecke, wo der Zug entgleist ist. Mit so einem Gesicht muss man was werden."

So spricht der Experte, schon ganz werdender Künstler, der sich mit Gesichtern auskannte. Heller schneuzte sich mit Bergaufbewegung, weil ihm die Großmutter erzählt hatte, dadurch würde seine Nase stupsiger werden. Dass ihn Rindts Nase fasziniert haben musste, liegt auf der Hand.

Auch Jochens Stimme ließ einen nicht kalt. Sie hatte etwas Näselndes wie in den Witzen, wo die Leute zum Arzt kommen, weil sie Polypen haben, aber da war auch etwas Metallisches, und ein Akzent vom heiseren steirischen Bellen. Dazu kam ein sehr souveränes Englisch mit intelligenten Kürzeln, sodass ein weites Feld für Wortwitz gegeben war. Zusammen mit der Leichtigkeit des Schmähs ergab sich eine, hm, Gesprächskultur, die jedenfalls nicht verwechselbar war mit dem üblichen Sportler-Sprech.

Ende der 1960er-Jahre waren Jochen Rindt und sein Freund Jackie Stewart die Glamour-Figuren des Motorsports, Rindt mit mehr exotischer Ausstrahlung, sein Fahrstil war noch verwegener als der des Schotten.

Es gibt auch Neuigkeiten vierzig Jahre danach. Die Tatsache, dass Jochen einen um drei Jahre älteren Halbbruder hatte, wurde zwar nie absichtlich unter die Tuchent gesteckt, aber auch kaum je erwähnt. Jener Bruder hätte sich auch nicht gemeldet, musste erst in Deutschland aufgestöbert werden und entpuppt sich als fröhlich-agiler Ingenieur im Ruhestand, Golf-Handikap 19, der in diesen Tagen wieder klettern geht.

Ausgelagert nach Bad Ischl

Die Sache ist so: Eine steirische Dame war verheiratet und hatte den kleinen Sohn Uwe, als der deutsche Unternehmer Rindt mit dem eigenen Sportflugzeug in die Steiermark kam und die ebenfalls flugbegeisterte Lady kennenlernte. Scheidung, Heirat, neuer Lebensmittelpunkt Mainz (Rindts Gewürzmühle). Jochen kam mitten im Krieg, 1942, auf die Welt und wurde samt Brüderchen und Kindermädchen ins noch ruhige Bad Ischl ausgelagert.

Jochens Eltern hatten just zum allerfalschesten Zeitpunkt in Hamburg zu tun und wurden Opfer jenes Bombenangriffs von 1943, der als "Feuersturm" zur Kriegsgeschichte gehört. Die Kinder wuchsen bei den Großeltern in Graz auf. Als Jochen noch seine skurrilen Matura-Anläufe nahm, war der Bruder bereits beim Maschinenbaustudium in Braunschweig, mit freundlicher Unterstützung Jochens aus dem Fundus der Gewürzmühle. Jochen war Alleinerbe und finanzierte damit Rennautos und später die Villa am Genfer See.

Jetzt also zu Dr. Uwe Eisleben, daheim in Offenburg.

"Warum haben Sie sich nie zu Wort gemeldet als Jochen Rindts Bruder?"

"Ich hatte keinen Grund, an Jochens Lorbeeren teilhaben zu wollen. Wir hatten als Kinder die Ferien zusammen verbracht und uns immer gut verstanden. Dann ging ich ins Studium, und er hat mich dabei unterstützt. Da führte er schon ein sehr öffentliches Leben, das nicht das meine war. Ich konnte mich für die Rennerei nie begeistern und hatte immer den Eindruck, dass Jochen mit einem Fuß im Jenseits stand."

"Hat es Sie frustriert, dass Jochen Alleinerbe der Mühle war und Sie leer ausgingen?"

"Nicht im Geringsten, das war ja rechtlich völlig gedeckt. Ich musste bald auf eigenen Beinen stehen, damit habe ich auch eine schöne Karriere als Produktionstechniker im Maschinenbau geschafft, bis hin zur Verantwortung für Großanlagen. Mir ist im Leben nichts abgegangen. Übrigens hat mir Jochen noch 1970 einen Brief geschrieben, in dem er davon sprach, bald mit der Rennerei Schluss zu machen, dann könnten wir zusammenarbeiten."

"War Ihnen das kaufmännische Talent Jochens bewusst?"

"Absolut. Als Geschäftsmann war er knallhart und hatte eine Vorausschau in neue Dimensionen."

Jochen brauchte nie einen Manager, immerhin hatte er Bernie Ecclestone als engsten Freund. Bernie war zwölf Jahre älter als Jochen, hatte bei eigenen Rennversuchen gerade noch seinen Kragen gerettet und war nun Racing-Unternehmer mit jener Handschlagqualität, die man ihm auch 40 Jahre später nachsagt.

Bei zwei Typen dieses Kalibers hätte allein schon die Berater/Fahrer-Konstellation ein ganz spezielles Erfolgsgespann ergeben, die gegenseitige Anziehung eröffnete aber zusätzliche Lebensqualität - von lachend angerissenen Geschäftsideen bis zu gemeinsamen Urlauben mit Damen, Freunden, Motorbooten. Dazu gehörte die sagenhafte Schule jener "practical jokes", die ein Bursch aus der steirischen Provinz als bestandene Aufnahmsprüfung in die neue Welt empfinden durfte.

Gin Rummy in der Box

Es sollte noch ein paar Jahre dauern, bevor Backgammon zum typischen Spiel des Rennzirkus wurde, Mitte der 1960er-Jahre war zumindest im Ecclestone-Kreis das Kartenspiel Gin Rummy angesagt, natürlich um Geld, in verträglichen Maßen. Rindt liebte es und konnte auch zwischen zwei Trainingssessions schnell abklopfen mit Bernie - welch wunderbarer Fahrerlager-Zauber, man stelle sich das heute vor.

Ein gewisser Respekt vor Geld war typisch für beide, das reichte von Kleinlichkeiten bei Dinner-Rechnungen bis zu himmlischen Skizzen von Geschäftsmodellen weit jenseits der damaligen Vorstellungskraft. Darum kommt es über die Jahrzehnte immer wieder zum Recycling des Themas, wie Bernie und Jochen sich wohl die ganze Formel 1 gekrallt hätten.

Tatsache ist, dass Jochen spätestens 1968 die feste Überzeugung hatte, dass in der Formel 1 unglaublich viel Raum für unternehmerische Fantasie sei und dass er heil über die Runden kommen müsse, um dann mit Bernie ein Joint Venture aufzuziehen.

Wie sich das wohl im heutigen Rückblick auf Ecclestones 30-Jahre-Weltherrschaft über die Formel 1 ausgewirkt hätte?

Ecclestone sagte lang nach Rindts Tod: "Ich hätte keinen Aufeinanderprall der Charaktere zu befürchten gehabt ... Jochen war doch sanft wie ein Baby."

Wie das wirklich ausgegangen wäre, da lassen sich ein paar Partien Gin Rummy drauf spielen, offener Einsatz. (Herbert Völker - DER STANDARD PRINTAUSGABE 27.8. 2010)

Wissen:
Geboren wird  Jochen Rindt am 18. April 1942 in Mainz. Jochen wächst bei den Großeltern in Graz auf. Erstes Rennen  1961, 1964 aufsehenerregender Formel-2-Sieg in England gegen die  Weltelite. 1965 Sieg im 24-Stunden-Rennen von Le Mans auf einem privaten Ferrari. Mit Cooper-Maserati ab 1966 in der Formel-1-Weltklasse, der  erste Grand-Prix-Sieg gelingt aber erst 1969 auf Lotus. 1970: Dramatischer Sieg in Monaco vor Jack Brabham. Rindt gewinnt en suite in den
Niederlanden, Frankreich, Großbritannien und Deutschland. Todessturz beim Training zum Grand Prix von Italien am 5. 9. 1970. Rindt wird posthum Weltmeister.

Rindt im Bild:
Die Galerie Westlicht in Wien zeigt ab 3. September die Fotoausstellung "Der erste Popstar der Formel 1" mit 140 Fotos zu Jochen Rindt. Der "Popstar"-Titel schmückt auch ein bemerkenswertes Fotobuch von Ferdi Kräling (Verlag Delius Klasing).

Die Wiener Filmproduktion Cinecraft hat einen anspruchsvollen 100-Minuten-Film, "Jochen lebt", produziert. Er läuft am 29. August in 3sat, am 6. September um 20.15 Uhr in Servus-TV, ab 9. September im Metro-Kino, Wien, und im Annenhof-Kino, Graz. In diesem Film ist erstmals auch Jochens Halbbruder Uwe Eisleben zu sehen.

  • Jochen Rindt 1967 beim Großen Preis von Belgien auf Cooper-Maserati.
    foto: ferdi kräling

    Jochen Rindt 1967 beim Großen Preis von Belgien auf Cooper-Maserati.

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