"In jedem Ton der Musik ist das Leben"

27. August 2010, 13:02
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Laut, lustig und liebenswürdig: Radu Mihaileanus jüngster Film "Das Konzert" begeistert nicht nur die Filmkritik, sondern auch das Publikum

Die Geschichte ist so komplex wie unglaubwürdig: Andrej Filipow, früher Dirigent des Bolschoi-Theaters in Moskau, wird während des kommunistischen Regimes aufgrund seines politischen Widerstandes zum Putzmann degradiert. Sein Traum ist es, wieder sein Orchester zu dirigieren - allesamt MusikerInnen, die mittlerweile ebenfalls miesen Brotjobs nachgehen. Ein Fax im Büro des Direktors, in dem er gerade den Boden wischt, bringt die Wende: Das renommierte Pariser Théâtre du Châtelet sucht dringend Ersatz für ein amerikanisches Orchester. Andrej sieht seine Chance und ein turbulenter anarchistischer Reigen bricht los - in zwei Wochen soll das Konzert in Paris stattfinden.

Genre

Ein ehemaliger KGBler managt die Truppe, eine junge Star-Violinistin muss für den Auftritt in Paris gewonnen werden und das alles vor dem Hintergrund des Mordes an zwei MusikerInnen. Als Farce, Komödie, Tragikomödie und Drama ist der Film bezeichnet worden. Die Antwort auf die Frage, welchem Genre "Das Konzert" zuzuordnen ist, beantwortet, so scheint es, auch alle weiteren Fragen. Etwa warum RussInnen laut sind und Wodka trinken. Oder warum es "natürlich" das fahrende Volk ist, das Pässe fälscht, ständig tanzt, guter Laune hat und kriminell ist. Dass die Klischees mit Absicht dick aufgetragen sind, ist nicht zu übersehen. Macht das aber die Geschichte und den Plot lustig?

Irritationen

Komödien arbeiten mit stereotypen Bildern und Übertreibungen. Die Reproduktion von Klischees ist der Preis für einen guten Lacher: Der Franzose ist arrogant und vertrottelt, der jüdische Musiker denkt nur ans Feilschen und Verkaufen und Männer sind, wenn es um die gemeinsame Sache geht, Freunde - auch wenn sie Feinde sind. Am Schluss führt die junge, begabte und natürlich schöne Solistin (sehr überzeugend: Mélanie Laurent) das gesamte Orchester zur perfekten Harmonie.

Zwei Arten von Irritation stellen sich ein. Die eine aufgrund des unverhohlenen Pathos, mit dem die Musik als gemeinschaftsstiftende Heilbringerin über alle sozialen und ethnischen Grenzen gefeiert wird. Die andere aufgrund der subtilen Gegenläufigkeiten, die den Film durchsetzen. Wenn beispielsweise die MusikerInnen, an Deportierte erinnernd, an der Autobahn entlang in ihren dunklen Mänteln und ihrem schäbigen Gepäck zum Flughafen gehen. Was anderes, könnte man achselzuckend konstatieren, ließe sich dem entgegensetzen, als die Musik und das Lachen?

Geschichte

"Das Konzert" ist, wenn man so will, ein Experiment. Mihaileanu erlaubt sich zu zeigen, was sein könnte, auch wenn das nicht plausibel ist. Wie schon in "Zug des Lebens" (1998) und "Geh und lebe" (2005) setzt er ins Bild, was denkunmöglich erscheint. Er macht Verlierer zu Siegern, das Ende zu einem möglichen Anfang, die Katastrophe zum Fest. Es ist ein Stück „verkehrte Welt" und darin liegt das Vergnügen für die ZuseherInnen. Dass es hier in komplexe Vorgänge der Zeitgeschichte geht - vom Kalten Krieg bis zu den Oligarchen der russischen Gegenwart -, ist essenziell: Jene, die zu Opfern gemacht wurden, tricksen frech die Herrschenden aus, erlangen Würde und Gerechtigkeit. Die Rollenverteilung (gut - böse) ist dabei klar und die Identifikation der ZuseherInnen mit den - sonst kaum geliebten - "Helden" fällt leicht. Laut, chaotisch und völlig unangepasst ist dann gut, wenn es im Kino ist.

  • Artikelbild
    foto: le concert
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