"Die Menschen gehen nicht ins Krankenhaus, weil ihnen fad ist"

26. August 2010, 18:56
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Hauptverbandschef Hansjörg Schelling fordert die Länder zum Sparen bei den Spitälern auf, die spielen den Ball zurück

Wien /St. Pölten - Schmunzeln musste sie, sagt die Wiener Gesundheitsstadträtin Sonja Wehsely (SPÖ), als sie las, was Hauptverbands-Vorsitzender Hans-Jörg Schelling in der Donnerstags-Ausgabe des Standard sagte: Er sieht gravierende "Strukturprobleme" , die die Gesundheitsausgaben der Länder stetig steigen lassen würden. "Schelling soll sich um seinen Bereich kümmern" , befindet Wehsely. Gerade der Hauptverband der Sozialversicherungsträger müsse den Ausbau des niedergelassenen Bereichs forcieren, denn: "Versuchen Sie einmal, am Freitagnachmittag einen Augenarzt zu finden." Wehsely ist überzeugt, dass Menschen "nicht ins Krankenhaus gehen, weil ihnen fad ist" .

Mehr Betten im Norden Wiens

Im Übrigen, betont die Stadträtin, erfülle Wien schon längst eine Forderung diverser Gesundheitsökonomen: Pflegebetten würden auf-, Akutbetten abgebaut. Und durch den Neubau des Krankenhauses Nord übersiedeln Betten aus mehreren Spitälern in das neue Haus in Floridsdorf; die Semmelweis-Frauenklinik, das Orthopädische Krankenhaus Gersthof und das Krankenhaus Floridsdorf werden aufgelöst. Damit soll auch das Problem gelöst werden, dass es im Westen der Bundeshauptstadt derzeit sechs Betten pro tausend Einwohner gibt, während es im Norden nur drei sind. Ziel ist ein Wien-weiter Schnitt von sechs Betten pro 1000 Einwohner.

Wien gehört zu den Ländern mit geringerer Kostensteigerung; im Ranking des Hauptverbands, das sich auf Zahlen von 2007 und 2008 bezieht, führt Niederösterreich mit zehn Prozent. Finanzlandesrat Wolfgang Sobotka (ÖVP) erklärt diese Zahl mit der Übernahme der da-maligen Gemeindespitäler in die Landesklinikenholding, die großteils zwischen 2006 und 2008 erfolgte.

Die Krankenhäuser Klosterneuburg, Neunkirchen und Wiener Neustadt seien erst 2008 in Landeskompetenz gekommen und zum Teil in "desolatem Zustand" gewesen, sagt Sobotka, vor allem was den (in einigen Bereichen viel zu hohen) Personalstand betroffen habe. Das habe zu Folgekosten geführt: "Wir mussten Fehler aus der Vergangenheit korrigieren" , sagt Sobotka. Das sei nun großteils erledigt, von 2009 auf 2010 steige der Gesamtaufwand für die niederösterreichischen Spitäler lediglich um 0,88 Prozent.

Schellings Vorwurf der Kostenexplosion lässt Sobotka im Standard-Gespräch nicht auf sich sitzen: "Wir werfen das Geld nicht zum Fenster hinaus, aber die Patienten werden aus dem niedergelassenen Bereich regelrecht zu uns gedrängt." Ohne die Finanzierung des Gesundheitssektors aus einer Hand werde sich das auch in Zukunft nicht ändern. Der Landesrat spricht ein altbekanntes Problem an: Während die Krankenversicherungen den niedergelassenen Bereich finanzieren, liegen die allermeisten Spitäler in der Finanzkompetenz der Länder. Ein Hin-und-Hergeschiebe von Kapazitäten (und damit Kosten) ist die Folge.

Lösungsvorschläge in Richtung Hauptverband will Sobotka nicht äußern, diese würden ohnehin ohne Reaktion verhallen. "Im Bund redet sich jeder auf den jeweils anderen hinaus. Wir lösen diese Probleme eben auf Umwegen." Etwa mit interdisziplinären Aufnahmestationen in den Spitälern, in denen die Ärzte an das Bett des Patienten kommen und innerhalb von 24 Stunden abklären sollen, woran er leidet - statt ihn tagelang von einer Krankenhausstation auf die nächste zu schicken und damit ein Bett zu belegen. Zehn solcher interdisziplinärer Stationen gibt es bereits, bis Ende 2012 will Sobotka einen flächendeckenden Ausbau in Niederösterreich.

Arbeitgeber Spital

Welche Wertschöpfung durch ein Krankenhaus in einer Region entsteht, das hat Gottfried Haber, Professor am Institut für Volkswirtschaft an der Universität Klagenfurt, im Auftrag des Landes Niederösterreich errechnet. Laut seiner Studie sind Krankenhäuser "konjunkturstabilisierende Großbetriebe" . Etwa für das Waldviertel: Allein das Landesklinikum in Waidhofen an der Thaya im Waldviertel, das Haber exemplarisch analysiert hat, geriere 1460 Euro Wertschöpfung pro 1000 Euro Mitteleinsatz. Und pro Million, die aufgewendet werde, entstünden in der Region 33,2 Arbeitsplätze.

Insgesamt sind in den drei Krankenhäusern im Waldviertel - Waidhofen an der Thaya, Zwettl und Gmünd - 1487 Mitarbeiter beschäftigt, von denen 87 Prozent aus der Region stammen. Inklusive der weiteren Wertschöpfungskette sichern die drei Krankenhäuser 2800 Arbeitsplätze, hat Volkswirtschafter Haber errechnet. (Andrea Heigl, DER STANDARD, Printausgabe, 27.8.2010)

 

 

 

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