Eine "Raubersg'schicht" mit Kamera

26. August 2010, 18:36
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SPÖ-Mandatar Christian Faul kam einem Fotografen im Parlament zu nahe - Journalisten sehen eine inakzeptable Attacke, Faul einen "Tupfer" auf die Schulter nach permanenter "Perlustrierung von oben"

Für den Vorsitzenden der Journalistengewerkschaft, Franz C. Bauer, ist es eine "Entgleisung, die in unserem Parlament eine neue Dimension darstellt". Für die Vereinigung der Parlamentsredakteure "inakzeptables Verhalten", das der freien Berichterstattung widerspreche. Für die Grünen "jenseitig", für das BZÖ ein Rücktrittsgrund. Und für den Verursacher der Debatte?

"Ein kleines Missverständnis", aber eigentlich will Christian Faul über das Foul, das ihm nach der Nationalratssondersitzung am Mittwoch vorgeworfen wird - die "Raubersg'schicht", wie er sie nennt - gar nichts sagen, dann sprudelt es aber doch aus dem SP-Abgeordneten heraus. Er soll im Hohen Haus einen Fotografen attackiert haben, indem er diesen am Kameragurt zog, sodass die Linse gegen dessen Auge prallte.

Zum Standard sagt Faul, er habe dem Mann "nur auf die Schulter getupft". Außerdem fühlten sich auch andere Abgeordnete "durch diese Perlustrierung von oben verfolgt. Mich kann man schon filmen, aber von hinten abschießen - Nein! In Wahlkampfzeiten will ich schon gar nicht, dass meine Parteiunterlagen auf dem Pult herangezoomt werden von freien Fotografen, die für irgendwelche Krawallblätter Fotos machen müssen. Die Fachjournalisten halten sich ja dran. Bei den Freien aber wissen wir ja nicht, ob die nicht von einer anderen Partei angeheuert sind", fürchtet der steirische Mandatar, der soeben einen Wahlkampf bestreitet.

"Frechheit sondergleichen"

Den Vorwurf des Fotografen Georges Schneider weist Faul ebenso zurück wie eine angebliche Attacke auf ein ATV-Kamerateam. Vier Abgeordnete aus anderen Fraktionen würden das notfalls vor Gericht bezeugen. Der Vorwurf sei "eine Frechheit sondergleichen". Überhaupt "geht es mir auf die Nerven, dass wir Abgeordnete nur noch als Faulenzer und Drecksäcke hingestellt werden", klagt Faul. Er fordert eine "Glasbalustrade, durch die man nicht mehr hinunterfotografieren kann". Faul fiel schon einmal durch sehr expressive Rhetorik auf, als er Gerald Grosz (BZÖ) mit einem Krokodil verglich ("Große Pappen, kleines Hirn"). Gerhard Deimek (FP) soll die Fotografen "Meuchelmörder" genannt haben.

Schneider, ein selbstständiger Fotograf, dem branchenintern keinerlei Hang zum Paparazzi anhaftet und dessen Schilderung des Vorfalls Kollegen bestätigen, betont, er habe den Journalisten-Kodex nicht verletzt. Er und Faul hoffen auf ein Gespräch mit Nationalratspräsidentin Barbara Prammer (SP) und den Parlamentsredakteuren. Martin Graf (FP) will das Thema in der Präsidiale behandeln. (Lisa Nimmervoll Thomas Schweinberger, DER STANDARD; Printausgabe, 27.8.2010)

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    Ein astrologischer Ausritt im Hohen Haus, hinter dem das BZÖ alkoholische Inspiration vermutete, veranlasste Christian Faul (SPÖ) am 19. Mai 2009 zu einem Alkotest - Ergebnis: 0,0 Promille.

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