Rekruten als Abenteurer im "Action-Camp"

27. August 2010, 07:00
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Die sechs Monate beim Bundesheer sollen spannender und militärischer werden - Lokalaugenschein in der Vorzeige-Kaserne Großmittel

Ebenfurth - "Halb Mensch, halb Tier - das ist ein Panzergrenadier!" So lautet eine inoffizielle Bundesheer-Weisheit, denn Panzergrenadiere schießen nicht nur aus dem Panzer, sie müssen im Einsatz auch infanteristisch stürmen, also gut trainiert und schnell zu Fuß sein. Eine Elite-Truppe.

"Alpha-Trupp, nachziehen", ruft der Kommandant. Der Soldat schleicht mit schwarz bemaltem Gesicht und Sturmgewehr die Hauswand entlang. "Ecke frei", brüllt er zurück. Die Ziegelbaracke wird schnell erobert, und die Panzergrenadiere dringen vor bis aufs Dach. Dort hangeln sie sich an einer Seilrutsche weiter. "Das ist die Wüste von Großmittel, heißer als überall sonst", sagt ein Soldat. Weiter hinten kreuzen Schützenpanzer das Gelände.

Harte Ausbildung: Von Sanitäter bis C-Führerschein

Man könnte meinen, man sei im Krieg - aber zum Glück: Überall stehen Kameraleute und Fotografen, und Reporter stellen neugierige Fragen. Das österreichische Bundesheer hat eingeladen zum Lokalaugenschein in die Kaserne Großmittel-Felixdorf, eine halbe Autostunde südlich von Wien. Die Presse möge die Ausbildung von Grundwehrdienern und deren Sinn selbst beurteilen, heißt es in der Einladung.

Wie man das im Bundesheer selbst sieht, ist kein Geheimnis. "Sobald wir die Erwartungshaltung der Grundwehrdiener erfüllen und man ihnen erfolgreich den militärischen Sinn ihrer Tätigkeit erklärt, sind sie oft begeistert und zufrieden", erzählt Major Thomas Holzbauer den angereisten Journalisten. Und darauf, was das Heer ihnen in sechs Monaten beibringt, würden Wehrpflichtige noch viele Jahre zurückgreifen können. Angefangen bei der Ausbildung zum Sanitäter über den LKW-Führerschein bis hin zur körperlichen Fitness. Die Kaserne als Erlebnis-Camp.

Oberst Raimund Lammer, ein kerniger Tiroler mit leicht angegrautem Vollbart, berichtet gerne von sportlichen Erfolgsmomenten. Etwa als er vor einigen Jahren mit einer Truppe "g'radaus hinauf auf den Berg" ging. Oben auf der Spitze griff ein junger Rekrut gleich zum Handy. "Papa, ich hab' meinen Schwindel überwunden", habe er mit Tränen in den Augen gesagt. "Wir helfen ihnen, einen Stolz zu entwickeln und auch zu pflegen", sagt Lammer.

Mehr Action, mehr Erlebnis

Alpines Gelände kann die Kaserne Großmittel zwar nicht vorweisen, dafür wird dem Medientross vorgeführt, wie Sanitäter an einer Puppe die Reanimation von Unfallopfern üben, wie olivgrüne LKW durch steiniges Gelände manövriert und Schützenpanzer in rasantem Tempo durch Schlammlacken gesteuert werden - alles von Grundwehrdienern.

"Das ist eben die Erwartungshaltung, dass immer ein bissl Action dabei ist. Das ist gut für uns und gut für die Grundwehrdiener", sagt Major Holzbauer. Damit ist er ganz auf Linie mit Generalstabschef Edmund Entacher, Österreichs höchstem Offizier, der Ende Juli "mehr Erlebnis" und auch "mehr dienstlichen Sport" für Präsenzdiener angekündigt hat.

Grundwehrdiener: "Sechs Monate gehen schon"

Alexander Rumpl ist einer von 300 Grundwehrdienern, die derzeit in Großmittel stationiert sind. Seine ersten acht Wochen beim Bundesheer scheint er recht gelassen zu nehmen. "Die sechs Monate gehen", sagt der 19-jährige Wiener, "aber länger, glaub ich, wär's nichts für mich." Sein gleichaltriger Kamerad Stefan Rottensteiner stimmt zu.

Beide sind gleich nach ihrer Schulzeit eingerückt. Wie war die erste Woche? Rottensteiner überlegt kurz, bevor er etwas sagt. "Am ersten Tag Schuhe, Sturmgewehr, Helm, die ganze Kampfausrüstung fassen, das war schon hart", sagt er, "und dann das frühe Aufstehen, ganz schnell Zähne putzen, rasieren, duschen - und alles mit den anderen." Rottensteiner huscht ein Lächeln übers Gesicht, das wohl sagen soll: Muss ich nicht noch einmal haben. "Die erste Woche steht im Zeichen des Drills", sagt Rumpl ganz offen.

Erste Woche Militär als "Kulturschock"

"Natürlich gibt es einen gewissen Kulturschock", räumt Major Holzbauer ein. "Mancher kommt mit der kurzen Hose und Flip-Flops. Drei Stunden später ist er Soldat." Dennoch höre er von den meisten Rekruten, sie seien zufrieden und auch motiviert. Auch wenn er natürlich wisse, dass es in manchem Freundeskreis schick ist, "das Bundesheer ganz mies und anstrengend zu finden".

Um die post-militärische Schelte zu verringern, erprobt das Heer in seinen Kasernen bundesweit Reformschritte. Die eher unlustigen Chargendienste sollen reduziert (zum Beispiel, indem elektronische Sicherheitstüren die Wachen ersetzen), die Dienst- und Essenszeiten für Rekruten sollen flexibler werden, und sogenannten Funktionssoldaten, die nach der kurzen Grundausbildung in Kanzleien oder Küchen versauern, soll an "Erlebnistagen" der militärische Betrieb näher gebracht werden.

Reform läuft bereits in Pilotprojekten

Derzeit werden die heuer begonnen Reformschritte evaluiert - auch mithilfe eines Fragebogens, den jeder Rekrut ausfüllte -, erste Ergebnisse werden Ende 2010 präsentiert.

Zwar hänge ein spannender Grundwehrdienst auch von den wirtschaftlichen Möglichkeiten ab, geben Bundesheervertreter in Großmittel zu. Aber: Der "Rekrut Wurschtsemmerl", der nach vier Wochen Grundausbildung nur mehr im Soldheim als Küchenhilfe werkt, soll weitestmöglich der Vergangenheit angehören.

Für manche Präsenzdiener könnte es ganz sicher spannender sein. Rekrut Rumpl etwa wird in den kommenden Tagen für  zwei Monate zum Assistenzeinsatz an die ungarische Grenze vergattert. Ein Panzergrenadier wird er nicht werden. "Das einzige, was ich bis jetzt mit Panzern gemacht habe, ist Panzer waschen", sagt Rumpl. (Lukas Kapeller/derStandard.at, 27.8.2010)

  • Beim Bundesheer lernt der Grundwehrdiener nicht nur tarnen und täuschen...
    foto: hbf/pusch

    Beim Bundesheer lernt der Grundwehrdiener nicht nur tarnen und täuschen...

  • ... sondern auch zu schießen...
    foto: hbf/pusch

    ... sondern auch zu schießen...

  • ... und Häuser einzunehmen.
    foto: hbf/pusch

    ... und Häuser einzunehmen.

  • Der militärische Laie erfährt in Großmittel, dass Panzer viel schneller sind als sie aussehen.
    foto: hbf/pusch

    Der militärische Laie erfährt in Großmittel, dass Panzer viel schneller sind als sie aussehen.

  • Sport steht im Alltag des Präsenzdieners ganz oben auf dem Programm, ...
    foto: kap

    Sport steht im Alltag des Präsenzdieners ganz oben auf dem Programm, ...

  • ... so werden Gleichgewichtsstörungen behoben.
    foto: kap

    ... so werden Gleichgewichtsstörungen behoben.

  • Mit der Seilrutsche vom Hausdach.
    foto: hbf/pusch

    Mit der Seilrutsche vom Hausdach.

  • Grundwehrdiener in Großmittel: "Erste Woche im Zeichen des Drills."
    foto: kap

    Grundwehrdiener in Großmittel: "Erste Woche im Zeichen des Drills."

  • Rekrut Rumpl (re.): "Panzer nur beim Waschen gesehen."
    foto: kap

    Rekrut Rumpl (re.): "Panzer nur beim Waschen gesehen."

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