Schräges Blättern im alten Jazzbuch

26. August 2010, 17:09
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Trompeter Franz Hautzinger eröffnet am Freitag das Hauptprogramm des Jazzfestivals in Saalfelden

Wien - Man weiß irgendwann so ungefähr, was man kann, welchen Stellenwert man hat. Eine Einladung des britischen Klassikers der freien Improvisation, also Derek Bailey, nach London zu Duo-CD-Aufnahmen, löst aber doch freudigen Stress aus. "Allerdings", meint Trompeter Franz Hautzinger, dem die Einladung widerfuhr, "ist es schon vorgekommen, dass Bailey, nachdem die Leute, die er eingeladen hatte, angereist waren, selbst nicht im Studio erschien."

Tatsächlich kam Gitarrist Bailey "etwas später, da sein Fahrer krank wurde, und er einen anderen auftreiben musste, aber er kam. Wir haben eine halbe Stunde gespielt, dann gab es Tee-Pause, dann wieder Spiel. Am Ende fragt er noch: ,Willst du noch irgendwas?'. Das war's. Er hatte Klasse, und für mich war es schon eine Befriedigung zu sehen, dass ich auf dem Level mithalten kann, dass es kein Gefälle gibt."

Es gab für den Burgenländer, der vom Jazz kam, allerdings auch schon ganz andere, betrübliche Zeiten. Eine Lippenlähmung hatte ihm sein Instrument quasi weggenommen, ganze zehn Jahre dauerte diese Phase. Hautzinger blieb allerdings bei der Musik, arrangierte und komponierte, machte alle möglichen Jobs ("Auch im Archiv des Musikantenstadls wären wohl noch Arrangements, die ich gemacht habe, zu finden"), um dann doch wieder bei der Trompete zu landen. Die Probleme mit der Lippe wurden plötzlich überwindbar.

Hautzinger kann sich somit als Glückspilz unter den Pechvögeln betrachten. So entsetzlich dieser Verlust von Spielmöglichkeiten gewesen sein mag ("Ich hatte meinen Ton verloren"), so sehr führte diese Erfahrung schließlich auch zu einem eigenen Zugang zum Instrument. Dieser gipfelte in dem Projekt Gomberg, bei dem Hautzinger, mittlerweile ein versierter Vertreter des freien, mit feinsten Geräuschgesten arbeitenden Improvisierens, ganz kollegenfrei quasi zu sich selbst fand. "Ich wusste irgendwie nie, wo ich hingehöre. Gomberg hat mich erlöst, diese CD hat mich befreit von alle Stilen, es kam etwas Eigenes zum Vorschein."

Mittlerweile meint Hautzinger, dass es mit der Spieleinsamkeit auch schon wieder reicht. Er sucht auch das soziale Element im Musizieren, und so wird er der Einladung nach Saalfelden im Quintett folgen und beim Projekt Third Eye auch wieder näher am Wörtchen Jazz agieren. "Vor langer Zeit habe ich mich aus dem Jazz, der mich natürlich musikalisch sozialisiert hat, herausgezogen. Ich kam zwar auch früher nach Saalfelden, aber irgendwie näherte ich mich den Genre von außen an. Jetzt wollte ich den Spieß umdrehen und das Ganze wieder von innen heraus erarbeiten, mir die ganze Jazzgeschichte vergegenwärtigen. Seit Monaten bin ich übend dahinter, habe quasi das alte Jazzbuch wieder aufgemacht." Man muss natürlich nicht fürchten, dass Hautzinger plötzlich mainstreammäßig zu swingen beginnt.

"Selbst wenn ich mich bemühe, kitschig zu spielen, kommt etwas Schräges heraus. Das ist eine verlässliche Konstante, darum muss ich mich nicht gesondert kümmern." In diesem schrägen Sinne will Hautzinger in Saalfelden "mit offenem Herzen einfach schöne Musik machen. Solche Festivals sind ja, ob sie wollen oder nicht, immer auch Wettbewerbe. Das will ich auslassen." Wie immer es am Freitag klingen mag, es wird wohl auch nicht von ewiger Dauer sein. "Wenn ich irgendwo drinnen bin, dauert es etwas, dann wird es mir zu eng. Dann gehe ich eben wieder." (Ljubiša Tošić, DER STANDARD - Printausgabe, 27. August 2010)

Jazzfest Saalfelden, 06582 / 706 60-11, 19.00 Uhr.

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    Trompeter Franz Hautzinger (Jahrgang 1963) nähert sich dem Jazz an.

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