Die letzten großen Erfahrungen

26. August 2010, 17:05
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Das Österreichische Filmmuseum widmet seine aktuelle Retrospektive einer ganz besonderen Beziehung: "Autokino" zeigt Filme vom Fahren aus vier Jahrzehnten

Wien - Eine deutsche Bezeichnung gibt es nicht für diesen Begriff. Das sagt etwas aus über das kulturelle Phänomen, das er beschreibt: Road Movie nannten die Amerikaner gleich ein ganzes Filmgenre. Es handelt natürlich weniger von der (Land)Straße als von dem, was man auf ihr unterwegs, on the road, so erleben kann. Es geht ums Fahren und um die fahrbaren Untersätze, und insofern hat das Österreichische Filmmuseum jetzt eine schlüssige deutsche Entsprechung gefunden: "Autokino" heißt die Schau, die Filme vom Fahren versammelt, 50 Arbeiten aus den Jahren 1940 bis 1976.

Es ist keine reine US-Kino-Schau. Auch wenn keine andere Nationalkinematografie quantitativ mit dessen Road-Movie-Output mithalten kann, so gibt es doch verstreute Beispiele anderswo - wie Dino Risis Il sorpasso (1962). Vittorio Gassman hält darin einmal einen kleinen Monolog über Autoszenen in den Filmen von Michelangelo Antonioni. Er selbst fährt einen weißen Lancia Aurelia, gerne auf der titelgebenden Überholspur.

Gassman verkörpert einen Automobilistentypus, den man häufig findet: rastlos, unbehaust, unterwegs ohne konkretes Ziel. Nach und nach stellt sich heraus, dass er weder über relevante Mittel noch Bindungen verfügt. Er ist noch nicht auf der Flucht wie die motorisierten Delinquenten in der großartigen Autoklau- und Autozertrümmerungsorgie Gone in 60 Seconds (1974) - die nebenbei bemerkt auch das Hochgeschwindigkeitsfahrerlebnis physisch in den Kinoraum vermittelt. Das Suchen hat er schon aufgegeben. Das Freiheitsversprechen der Automobilität und der scheinbar unbegrenzte Vorrang für Individualverkehrsteilnehmer halten nicht - eine bittere Erkenntnis, nicht nur für die modernen Outlaws in Dennis Hoppers Easy Rider (1969).

Man könnte das Road Movie als Fortsetzung des Frontier-Westerns mit anderen Fahrzeugen definieren. Damals wurden die Routen durchs Territorium gezogen. Jetzt können und müssen sie befahren werden. Dabei macht man entscheidende Erfahrungen. Das gilt spätestens seit den Befreiungsbewegungen der 1960er-Jahre auch für Frauen. In Francis Ford Coppolas oft übersehenem Frühwerk The Rain People von 1969 bricht Nathalie (Shirley Knight) eines Morgens auf und aus. Sie ist verheiratet und schwanger mit dem ersten Baby. Aber sie weiß nicht, ob sie schon eine Mutter sein kann, wenn sie noch nicht einmal genau versteht, was eine Ehefrau ausmacht.

Bald liest sie am Straßenrand einen ehemaligen College-Footballhelden auf (James Caan). Der trägt noch seinen Kriegernamen "Killer", seit einer Kopfverletzung hat er aber das Gemüt eines Kindes. Das ungleiche Gespann fährt von New Jersey bis nach Nebraska, von Motel zu Motel. Nicht zuletzt der jazzige Score, der das Fahren und Driften begleitet, lässt einen daran denken, dass die französische Nouvelle Vague auch die US-Altersgenossen zu freierem Filmemachen und zum Verlassen der Studio-Sets animierte.

Drifter und Raser

The Rain People legt Verbindungen zu anderen Filmen der Schau - die ist überhaupt schön dicht gestrickt und schlägt einen Bogen von avantgardistischen Miniaturen bis zu Überlandrennspektakeln à la Cannonball! (1976). Sie huldigt der aktionistischen wie der existenzialistischen Spielart des Road Movies: Nathalie ist zum Beispiel eine bodenständigere Verwandte von Barbara Lodens Aussteigerin Wanda (1970). Wenn sie sich zurechtmacht, erinnert sie aber auch an eine verführerische Noir-Delinquentin (wie Annie in Gun Crazy, 1950), sie spielt mit dem Image der Femme fatale. Einmal erreichen Nathalie und Killer tatsächlich ein Autokino, in dem Arthur Penns Bonnie & Clyde (1967) angekündigt ist.

Eine dunkle, kompakte Rarität im Programm hat den Autostopper gleich als Titelhelden: The Hitch-Hiker (1953) von Ida Lupino. Die britische Schauspielerin machte um 1950 vorübergehend als Regisseurin rasanter B-Movies Karriere, bevor sie sich der Inszenierung von TV-Serien verschrieb. Hier erzählt sie die "wahre Geschichte von einem Mann, einer Knarre, einem Auto. Die Knarre gehörte dem Mann. Das Auto hätte Ihres sein können."

Zwei brave Ehemänner, die in Mexiko eine heimliche Auszeit planen, werden samt Auto von einem Gewaltverbrecher gekidnappt und durchs wüste Grenzland getrieben. Irgendwann sind sie wieder Fußgänger. Im Autokino, dessen Fahrten nicht selten frontal an sozialen oder gebauten Strukturen enden, ist das geradezu ein Gnadenakt.  (Isabella Reicher, DER STANDARD - Printausgabe, 27. August 2010)

Bis 6. Oktober

  • Autokino in Reinform: Im letzten Drittel von "Gone in 60 Seconds" 
liefert das gelbe Fordmodell "Eleanor" dem Polizeifuhrpark von L. A. ein
 gnadenloses Rennen. 
    foto: filmmuseum

    Autokino in Reinform: Im letzten Drittel von "Gone in 60 Seconds" liefert das gelbe Fordmodell "Eleanor" dem Polizeifuhrpark von L. A. ein gnadenloses Rennen. 

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