Mehr Jobs durch weniger Überstunden

26. August 2010, 08:37
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Überstunden sollen nach einem Vorschlag von Wifo und ÖGB für Unternehmen teurer werden, der Wirtschafts­minister bremst

Wien - Um die Beschäftigung in Österreich zu erhöhen, fordern sowohl Wirtschaftsforscher als auch Gewerkschaft die Reduktion der Überstunden. Der Gewerkschaftsbund (ÖGB) will Überstunden für Arbeitgeber teurer machen, das Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo) will hingegen die Steuerbegünstigung für die Arbeitnehmer abschaffen. Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner bremst, hieß es am Donnerstag im Ö1-"Morgenjournal".

Derzeit sind die ersten zehn Überstunden im Monat steuerfrei, der Arbeitnehmer bekommt also mehr Geld. In der jetzigen Beschäftigungssituation sei das wenig sinnvoll, sagt Wifo-Finanzexpertin Margit Schratzenstaller: "Man sollte nicht Anreize dafür schaffen, dass einzelne Beschäftigte sehr viel arbeiten, wo andererseits die Arbeitslosigkeit sehr hoch ist." Schratzenstaller schlägt daher vor, die steuerliche Begünstigung von Überstunden kurzfristig abzuschaffen. Das gesparte Geld - rund 200 Mio. Euro - könnte der Staat zur Budgetsanierung verwenden.

Der ÖGB will laut Generalsekretär Bernhard Achitz anders vorgehen. Sein Ansatz: "Die Überstunden werden vom Arbeitgeber angeordnet. Die Arbeitnehmer können nicht einfach, wenn es ihnen passt oder sie mehr Geld brauchen, länger dableiben und Überstunden verrechnen. Wenn man Überstunden weniger attraktiv machen möchte, dann müssen sie vor allem für den Arbeitgeber teurer werden."

Zwei Möglichkeiten

Achitz sieht zwei Möglichkeiten, Überstunden zu verteuern: Erstens könnte man den Überstunden-Zuschlag, den Arbeitgeber ihren Beschäftigten zahlen müssen, auf 75 Prozent erhöhen. Derzeit müssen sie für eine Überstunde 50 Prozent des Lohns draufzahlen.

Möglichkeit zwei wäre die Einführung einer Überstundenabgabe, so Achitz. Arbeitgeber, die Überstunden anordnen und damit verhindern, dass mehr Leute in Beschäftigung kommen, sollten eine Arbeitsmarktabgabe zahlen und so das Arbeitsmarktservice (AMS) mitfinanzieren. Außerdem sollten sie die die Krankenversicherung mitfinanzieren, "weil ja Überstunden nachweislich krank machen und erhöhte Kosten im Gesundheitssystem verursachen." Eine solche Abgabe oder höhere Zuschläge wären laut Achitz schon zum Jahreswechsel umsetzbar.

Mitterlehner kann den Überlegungen von Wifo und ÖGB wenig abgewinnen. Die Rechnung sei für ihn höchstens quantitativ, auf dem Papier nachvollziehbar, so Mitterlehner im Morgenjournal-Interview. Betriebe würden ja nicht sofort neues Personal einstellen, sondern mit dem eigenen Potenzial über die Runden zu kommen. Der richtige Ansatz wäre vielmehr, die Flexibilisierung zu erweitern. Betriebe hätten das Interesse, Arbeitsspitzen abzudecken, und die gebe es aber auch in negativem Sinn, dass weniger Arbeit da ist.

"Strikt dagegen" ist Mitterlehner, was die vom ÖGB geforderte Abgabe betrifft. "Das bringt in der Praxis gar nichts." Aufgeschlossener ist der Minister gegenüber dem Wifo-Vorschlag, die steuerliche Begünstigung für Überstunden zu streichen - "im Rahmen einer Gesamtsteuerdiskussion". Aber auch da könne man nichts reduzieren, ohne bei der Flexibilisierung eine Verbesserung zu erreichen. "Das muss man mit den Sozialpartnern besprechen", so Mitterlehner.

Mehr Flexibilität bedeutet für Mitterlehner vor allem längere Durchrechnungszeiträume, wie er erläutert. Außerdem sollten pro Woche 60 Stunden Arbeitszeit erlaubt sein. In den nächsten Jahren würden mehr qualifizierte Arbeitskräfte benötigt. Mit restriktiven "Milchmädchen-Modellen" schädige man den Standort Österreich.

Positives Echo

Auch SP-Sozialsprecherin Renate Csörgits will die Überstunden reduzieren. Schon jetzt arbeiteten Österreichs Vollzeitkräfte mit 42,9 Wochenstunden im internationalen Vergleich überdurchschnittlich viel. Laut einer IFES-Studie empfinde mittlerweile jeder dritte Beschäftigte Zeitdruck und Überbeanspruchung durch Überstunden als Belastungsfaktor. Weniger Überstunden würden nicht nur weniger Früh- und Invaliditätspensionen bedeuten, sondern auch mehr Arbeitsplätze, argumentierte Csörgits in einer Aussendung.

Die Grüne Arbeitnehmersprecherin Birgit Schatz unterstützt ebenfalls die ÖGB-Forderung nach einer Anhebung der Überstundenzuschläge. Damit Unternehmen dann nicht auf All-in-Verträge ausweichen, will sie diese begleitend abschaffen. Mehr Arbeitszeitflexibilität lehnt Schatz nicht grundsätzlich ab, sie verlangt aber mehr Ausgewogenheit. "Wenn die Industrie und Arbeitszeitflexibilisierung spricht, will sie einfach Personalkosten sparen."

Wirtschaftsbund-Generalsekretär Peter Haubner indes ist gegen die Verteuerung bzw. die Verringerung von Überstunden, in der Krise habe schließlich der Überstundenabbau die Beschäftigung gesichert. (APA)

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    Wirtschaftsminister Mitterlehner ist gegen den Vorschlag von Wifo und Gewerkschaft und spricht von einem "Milchmädchenmodell".

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