Experimente am Familienkörper

  • Verve Pictures, Region 2
    foto: verve

    Verve Pictures, Region 2

Ein ungewöhnlicher Thriller aus Griechenland: "Dogtooth" von Yorgos Lanthimos

Vater und Mutter achten sehr auf ihre Kinder. In einer lichtdurchfluteten modernen Villa mit Pool, abgelegen und von hohen Mauern geschützt, lebt die fünfköpfige Familie. Der Vater verlässt als Einziger das Anwesen, um seiner Arbeit nachzugehen. Die Mutter unterrichtet den Nachwuchs und beaufsichtigt die Freizeitaktivitäten. Manchmal bringt der Vater eine Spielkameradin mit - vor allem für den Jungen.

Der Grund für die Isolation der Familie bleibt ungeklärt. Die Außenwelt wird den Kindern als gefährlich vermittelt. Wenn die Kamera dem Vater an seinen Arbeitsplatz folgt, erschließt sich dem Publikum allerdings nicht, worin diese Gefahr bestehen könnte. Alles wirkt ganz normal da draußen, dafür nimmt das Geschehen in der Villa zunehmend befremdlichere Züge an.

Yorgos Lanthimos' Spielfilm mit dem zunächst mysteriösen Titel "Dogtooth" / "Kynodontas" bezieht seine atmosphärische Spannung zum einen aus diesem Kontrast, zum anderen jedoch aus der eigenwilligen Ausgestaltung der familiären Lebenssphäre, die man auch unter das Motto "die hohe Kunst der Realitätsverweigerung, ihre Grenzen und Konsequenzen" stellen könnte. Denn das labile Gebilde droht zu kippen - und dabei geht es nicht ganz unblutig zu.

Man hat die zweite Kinoregiearbeit des 1973 geborenen Griechen, die in der vergangenen Saison via Festivals Furore machte und jetzt auf DVD erscheint, deshalb manchmal als Horrorfilm kategorisiert (und mit einer Altersfreigabe ab 18 versehen). Dabei kann man sie mit etwas Fantasie auch als Parabel auf griechische Verhältnisse lesen - oder einfach als sehr eigenwilligen und gelungenen unterkühlten Psychothriller zwischen Sozialrealismus und Groteske genießen. (Isabella Reicher / DER STANDARD, Printausgabe, 27.8.2010)

 

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