Menschenrechte

Hemd näher als der Rock

Irene Brickner , 25. August 2010, 18:47

Soziale Menschenrechte ja, denn die betreffen alle, also auch mich

Der erste Anschein trügt. Hinter dem sonntagsredentauglichen Ergebnis der am Mittwoch vorgestellten Befragung, wonach mehr als zwei Drittel aller Österreicherinnen und Österreicher die Menschenrechte gerne aufgewertet sehen möchten, verbergen sich schwere Informations- und Bildungsdefizite.

Denn eine Reihe Auswertungsdetails zeigt, dass das Wissen der österreichischen Bevölkerung über die grundlegenden humanitären Garantien, die in einer globalisierten Welt immer wichtiger werden, zumindest höchst einseitig ist. Fast könnte man von einem gewissen Austro-Zentrismus sprechen, nach dem Motto: Soziale Menschenrechte ja, denn die betreffen alle, also auch mich.

Das ist im Grunde der altbekannte egoistische Standpunkt, wonach einem das Hemd näher ist als der Rock - und er zeigt sich auf einer anderen Ebene auch bei den Antworten über die Wichtigkeit der Förderung von Frauenrechten: 58 Prozent der Frauen, aber nur 38 Prozent der Männer sind dafür.

Dass hingegen den Rechten der anderen, der Abweichenden und "Fremden", keine große Wichtigkeit zuerkannt wird, erstaunt angesichts der in Österreich herrschenden Meinungshoheit zu diesen Themen wenig. Doch damit geht ein Risiko einher: Ein derart partielles Verständnis von Menschenrechten kann dazu führen, dass Ungerechtigkeiten akzeptiert, ja befürwortet werden. (Irene Brickne, DER STANDARD Printausgabe 26.8.2010)

Kommentar posten
22 Postings
ystein
00
26.8.2010, 18:29
unbequem aber wahr

für die menschenrechte sind bei uns alle, nur scheinbar ist sich nicht jeder klar, was für rechte da beinhaltet sind und "fremdenrecht" ist ein fremdwort bei uns!

kibi
00
26.8.2010, 18:21
traurig, aber wenig überraschend:

jeder ist für die menschenrechte hierzulande. nur zählt halt für viele nicht jeder mensch als "mensch".

Onkel Tom
22
26.8.2010, 14:02

Wam Fraui Brickner (wieder einmal) als "typisch österreichische Untugend" anprangert, hieß schon bei Plautus "Tunica propior pallio est" und ist, tschuldigen, eine ganz normale menschliche Reaktion. Normal, logisch, keineswegs abwegig.
Gegenteilig zu denken kann bloß zum individuellen und kollektiven Untergang (früher oder später) führen.

sotho talker
 
00
27.8.2010, 08:20
ganz im gegenteil

genau dieses führt früher oder später zum sicheren kollektiven und damit auch zum individuellen untergang.
es ist kein dauerhaftes erfolgsmodell im spieltheoretischen sinne.

"tit for tat" wäre ein besseres system, hat aber den nachteil ebenso in der völligen selbstzerstörung zu landen wenn alle es machen und der negativzyklus erstmal im gange ist. somit ist das beste system wohl ein "soziales" tit for tat welches von sich aus alle paar durchläufe versucht einen negativzyklus zu durchbrechen.

schlechte beispiele für übertriebenes tit for tat finden sie auf der welt genug. schlechte beispiele für selbstsucht ebenso.

das sind harte tatsachen. selbstsucht ist in diesem universum definitiv kein dauerhaftes erfolgsrezept.

überrascht?

alcharismi
 
00
26.8.2010, 19:05

Schöne lateinische Zitate. Sie hatten ja auch poena capitalis damals. Paßt also gut in die heutige Zeit.

kibi
00
26.8.2010, 18:33
logisch ist was anderes, nämlich ...

dass wenn jeder sich ausschließlich auf sein unmittelbares eigeninteresse beruft, wir insgesamt einen sehr unguten gesellschaftlichen zustand hätten. denken sie mal nach ...

zweifellos ist es aber derzeit so, dass gier und eigennutz gesellschaftlich etwas ausser kontrolle geraten sind. aber das reguliert sich schon früher oder später und das wird nicht angenehm werden. solidarität lernt man in der not.

die menschenrechte sind eine echte gesellschaftliche errungenschaft - jeder mensch egal wo kann sich darauf berufen - wenn ihm grundlegendes unrecht geschieht. ob es nützt oder nicht ist eine andere geschichte, die welt ist leider nicht perfekt. aber man kann daran arbeiten. und die menschenrechte sind ein werkzeug für diesen zweck.

Veronika, der Spargel wächst!
26
26.8.2010, 13:56
Man wünscht sich ja fast...

...Frau Brickner würde in einem Land leben, wo tatsächlich die Menschenrechte nichts zählen, nur um einmal zu merken, was für einen hohen Stellenwert die Menschenrechte in Österreich haben.

striga
 
01
27.8.2010, 21:04
@ veronika ...

ach, lass mich raten: du siehst deine eigenen menschenrechte voll verwirklicht.
lass mich noch einmal raten: du bist ein mann, gebürtiger österreicher mit deutscher muttersprache, aus einem elternhaus, das nicht ganz arm und nicht ganz ungebildet ist/war und dir eine solide ausbildung ermöglich hat.
du bist also NICHT: weiblich, ohne österreichische (oder zumindest EU-) staatsbürgerschaft, schwarz, arm, "nichtdeutscher muttersprache", moslem, ...
natürlich gelten alle menschenrechte für alle, auch in österreich. aber manche haben's ein bisserl schwerer, ihre rechte auch durchzusetzen.

milizia fatale
01
26.8.2010, 12:54
is so schlimm

wenn es so weiter geht, muss man befürchten, dass dank der kath. kirche die polygame ehe noch vor der homoehe rechtlich durchgesetzt wird.

sotho talker
 
01
26.8.2010, 12:26
mich würde interessieren

ob in den schulen die menschenrechte überhaupt in den lehrplänen noch vorkommen.

aber das ist den schülern wohl nicht zuzumuten, wer weiß, am ende machen sie davon auch noch gebrauch!

oder sie erkennen frühzeitig diesen unterschied zur realität, beginnen gar selbstständig zu denken!

die 1-2 hanseln die daraufhin den unterricht stören weil sie glauben es sei ihr "menschenrecht" würde ich übrigens billigend in kauf nehmen.

der effekt für diesen joke ist kurz und der vorteil überwiegt.

Madame Zivilcourage
50
26.8.2010, 08:31

Und das im ach so katholischem Österreich.
Liebe deinen Nächsten wie dich selbst gilt wohl nur für Österreicher unter sich.

Die völlig durchgeknalle Stimme der Vernunft
21
26.8.2010, 10:09
Ich glaube immer noch

- und vieles Bestätigt mein (Vor)Urteil - dass die gelebte Religions-Praxis im Allgemeinen und die Katholen-Praxis in vielen Fällen "Hasse deinen Nächsten (mindestens) wie dich selbst" lautet.

Deshalb: es gibt keinen Gott, gutes tun ist menschlich.

Schneeglöckchen
 
03
26.8.2010, 08:40

Liebe auf Anordnung kann mMn sowieso nicht funktionieren.

stefan81
34
26.8.2010, 08:26

oh mein gott wie schrecklich. was sind wir österreicher nicht für ein ignorantes, böses volk.

man kanns auch mit den menschenrechten übertreiben. heutzutage wird ja bereits jeder auswuchs sofort als menschenrecht bezeichnet.

sotho talker
 
22
26.8.2010, 12:20
es gibt halt einen unterschied

sie dürfen schreiben was sie wollen. dürfen ihre meinung sagen.
ich bin nicht ihrer meinung aber ich würde mich dafür einsetzen sie ihre meinung sagen zu lassen als menschenrecht.
sieht man sich ihre (zahlreichen) postings an weht allerdings ein anderer geist und dieser geist widerspricht den ideen von menschenrechten, aufklärung und humanismus.
die rechte die sie so selbstverständlich nutzen gründen sich also auf etwas wogegen sie vehement auftreten. ist das logisch?
denn umgekehrt wäre es keineswegs logisch davon auszugehen existierten diese rechte nicht, könnten sie ihre meinung ebenso offen sagen.
außer sie würden ihre meinung stets an den gerade "mächtigsten" bzw. dem "mainstream" anpassen.

was ich nicht unterstellen möchte :)

uinsel
00
26.8.2010, 07:58

"Ein derart partielles Verständnis von Menschenrechten kann dazu führen, dass Ungerechtigkeiten akzeptiert, ja befürwortet werden." <--- merkt man jedes mal bei wahlen in diesem land.

maxbz
36
25.8.2010, 20:51
"Dass hingegen den Rechten der anderen, der Abweichenden und "Fremden", keine große Wichtigkeit zuerkannt wird, erstaunt angesichts der in Österreich herrschenden Meinungshoheit zu diesen Themen wenig."

Das ist eine falsche Behauptung.

Die Menschenrechte werden hier in Österreich auch praktisch so hoch gehalten, wie in nur sehr wenigen anderen Ländern dieser Erde.
Das sollte man mal festhalten und anerkennen statt hier alles madig zu machen.

uinsel
80
26.8.2010, 07:59

sie kennen wohl nicht so viele länder auf dieser erde..

Warpsignatur
00
26.8.2010, 20:18

offenbar mehr als Sie...

Mary the Strange
01
26.8.2010, 08:47
...

Jaja, Sie haben ja sooooo Recht.... In der Türkei , dem Irak, in China etc. wird sicher besser auf die Wahrung der Menschenrechte geachtet,...

Oder an welche Länder denken Sie???

uinsel
00
27.8.2010, 06:57

negativbeispiele aufzählen hilft weiter, oder wie?

nur weils woanders scheisse is, müssens wirs nicht versuchen, besser zu machen, oder was?

das wär genauso wie wenn ich meine kinder nur sonntags schlagen würde und mir gut dabei vorkomm, weil in anderen ländern schlagen sie ihre kinder täglich. kinder gehören nicht geschlagen. menschen gehören nicht verachtet.

Kiembeni
02
25.8.2010, 19:46
Das kann nicht dazu führen

"Ein derart partielles Verständnis von Menschenrechten kann dazu führen, dass Ungerechtigkeiten akzeptiert, ja befürwortet werden."

denn es ist ja schon lange so weit!

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