Altruismus erstmals mittels natürlicher Selektion erklärt

25. August 2010, 19:08
  • Artikelbild
    coverfoto: nature

    Das Wissenschaftsmagazin "Nature" hat die Studie zur Entstehung der Eusozialität zu seiner Coverstory gekürt.

Harvard-Forscher verwerfen Konzept der Verwandtenselektion - Weg zu Selbstlosigkeit führt durch ein "evolutionäres Labyrinth"

Cambridge/Wien - Für die Erklärung der Entstehung von Insektenstaaten oder auch menschlichen sozialen Einheiten im Zuge der Evolution bedarf es keiner Erweiterungen der Theorie der natürlichen Selektion. Konzepte wie die sogenannte Verwandtenselektion sind für die Beantwortung der Frage, wie die Selbstlosigkeit in die Welt kam, nicht nötig, erklärt ein Harvard-Forschertrio, dem der aus Österreich stammende Martin Nowak, Edward O. Wilson und Corina Tarnita angehören.

Die Weitergabe von Genen an die Nachkommenschaft gilt spätestens seit Richard Dawkins' Klassiker "The Selfish Gene" als Hauptantrieb für die Evolution. Ein Individuum, das durch seine genetische Ausstattung an eine herrschende Situation besonders gut angepasst ist, wird mehr Nachkommen in die Welt setzen als weniger gut angepasste Artgenossen. So verändert sich die Population langsam aber sicher.

Nicht ganz ins ursprüngliche Konzept passt die Selbstlosigkeit von Individuen und die Entstehung von Insektenstaaten. In solchen eusozialen Gebilden verzichten ganze Klassen an Tieren auf die eigene Fortpflanzung, um der Königin oder sonst dem Staat zu dienen. Und auch in menschlichen Gesellschaften ist Altruismus ein durchaus häufig anzutreffendes Phänomen.

Eine Theorie zur Erklärung dieser evolutionären Errungenschaften, die dem Prinzip der Weitergabe der eigenen Gene widerspricht, ist die sogenannte Verwandtenselektion. Demnach ist die Weitergabe, wenn schon nicht der eigenen, dann doch von möglichst ähnlichen, also verwandten Genen ein Antrieb für die Evolution. Je genetisch enger verwandt zwei Individuen sind, desto eher ist eines davon bereit, selbstlos dem anderen zu helfen.

Nowak und seine Kollegen konnten nun anhand von Modellrechnungen im Wissenschaftsmagazin "Nature" (Bd. 466, S. 1057) beweisen, dass diese Erweiterung gar nicht nötig ist. Alleine die natürliche Selektion reicht aus, um eusoziale Gebilde entstehen zu lassen. Allerdings führt der Weg dorthin durch ein "evolutionäres Labyrinth": Als erste Voraussetzung müssen sich innerhalb einer Population Gruppen bilden, etwa wenn Nachkommenschaft von Eltern versorgt wird. Als Nächstes müssen sich Charaktereigenschaften ausbilden, welche das Umschalten zur Eusozialität fördern. Am wichtigsten ist die Errichtung eines eigenen Nestes, das auch verteidigt wird.

Schließlich müssen sich noch Gene ausbilden, die selbst Zusammenarbeit fördern. Die Grenze zur Eusozialität wird dann überschritten, wenn ein Weibchen und ihre Nachkommen nicht mehr ausschwärmen, sondern im alten Nest verbleiben. Für zwei Arten an sozialen Ameisen wurden tatsächlich schon Gene identifiziert, welche ein Verlassen des Nests unterdrücken.

Die Wissenschafter räumen ein, dass der Weg zur Eusozialität alleine über die natürliche Selektion ein komplizierter ist. Staatenbildende Organismen haben sich im Zuge der Evolution entsprechend selten ausgebildet, die vergleichsweise wenigen Arten sind damit aber höchst erfolgreich, wie man etwa an Ameisen oder auch Menschen sieht. (tasch/DER STANDARD, Printausgabe, 26. 8. 2010)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 153
1 2 3 4
Mulla Nasrudin
01
30.8.2010, 21:10

Und hier ist, was Jerry Coyne und Richard Dawkins über den Artikel von Nowak/Wilson denken. http://richarddawkins.net/articles/... -selection

Eine Kreatur
30
28.8.2010, 13:19
ist doch wirklich beeindruckend ..

wie von angeblich "intelligenten" menschen bei der betrachtung elementarer dinge der faktor "intelligenz" völlig ignoriert wird ..

von ameisen auf menschen zu schließen, ist ein ziemlich starkes stück .. als ob es nicht so etwas wie willensbildung, eindrücke und einflüsse von der umgebung gibt .. und bei ameisen zu sprechen, dass sie einen "charakter" bilden ..

manchmal scheint mir das gehirn bei "wissenschaftlerInnen" und "forscherInnen" spezieller wissenschaftlicher richtungen völlig auszusetzen .. zb. genetik usw. ..

fortpflanzung kann auch durch andere faktoren in populationen "gesteuert" werden, durch chemikalien usw. .. dass als altruismus zu bezeichnen ist schwachsinn, da das individuum an sich nichts dabei entscheidet ..

x aeins
00
28.8.2010, 14:36

Ameisen--> Menschen ... macht eh keiner ausser dir
jeder, der halbwegs vom Fach ist, unterscheidet zwischen Darwins Evolution, und der drübergesetzten kulturellen Evolution des Menschen

peter schmidt
 
00
26.8.2010, 21:28
vor vielen jahren habe ich mal ein beispiel gelesen.

"angenommen ein ausserirdisches raumschiff würde aus 1000metter höhe einen bauern dabei beobachten wie er mittels eines pferdes einen pflug durch einen acker zieht. dahinter gehen hühner und picken die aufgewühlte erde nach würmern durch".

was würden die ausserirdischen denken.? das der bauer pflügt damit die hühner was zu essen haben? das der bauer der sklave der hühner ist? dass das ganze eine art gottesdienst ist? ein umzug ? eine prozession? es gibt sicher 30 mögliche erklärungen für diese beobachtung wenn man nicht festgefahren ist.

na und so ist es bei den im artikel beschriebenen phänomenen auch. womögllich ist alles GANZ falsch.

x aeins
01
26.8.2010, 21:51

schon was von Konvergenz der Forschung gehört? Zuerst weiß man gar nichts, dann liegt man weit daneben, dann bissl daneben, dann nahe dran, dann sehr nahe dran...
so funktioniert Wissenschaft

Eine Kreatur
00
28.8.2010, 13:23
da sind sie aber schwerst daneben!

das ist nicht wissenschaft, was sie beschreiben ist raten auf grund flüchtiger eindrücke!

wissenschaftliches arbeiten verläuft definitiv anders!

wissenschaftliche schlussfolgerungen und schlüsse können erst auf grund ausreichender nachweisbarer und wiederholbarer fakten getroffen werden .. alles andere sind annahmen!

dass einflüsse neu interpretiert, entdeckt oder bewertet werden, ist ein anderes thema - dennoch sollte das wissenschaftliche werk davor in seiner grundaussage RICHTIG sein! das ist die grundlage, dass wissenschaftliche werke aufeinander aufbauen und sich ergänzen ..

x aeins
00
28.8.2010, 14:24

http://de.wikipedia.org/wiki/Lich... windigkeit
schau dir die historischen Werte seit Galilei an, dann weißt du, was Konvergenz bedeutet

Nick Tameer
00
28.8.2010, 17:21

Wo es nur um die Bestimmung gewisser Messwerte geht, dürfte diese Konvergenztheorie halbwegs zutreffen, aber Wissenschaft umfasst etwas mehr die Ermittlung solcher Werte. Der Versuch, den Fortschritt von Theorien - etwa die Kosmologie von Galilei, Newton und Einstein - in ein solches Schema zu pressen, wäre doch recht gewaltsam und nichtssagend.

x aeins
00
28.8.2010, 18:30

keineswegs
Einstein können sie ebenso als Messpunkt des Konvergenzschemas betrachten
vielleicht wissen sie,welchen Fortschritt Bohr und Heisenberg über Einstein hinaus machen konnten (Kopenhagener Deutung) --> nächster Messpunkt
und eine spätere Einbeziehung der Gravitation wird vielleicht bereits sehr nahe an die Ideallinie führen...

Nick Tameer
00
29.8.2010, 21:31

Kann ich, wenn ich mich dabei ein wenig anstrenge, es auch so hinkriegen, dass das Ganze am Schluss etwa wie die Streckenkarte der London Underground aussieht?

x aeins
00
29.8.2010, 23:33

im Idealfall, ja
manchmal ist es ein Umweg über Lemberg, und sie landen in der Taiga: was ebenso zu neuen Erkenntnissen verhelfen kann

peter schmidt
 
00
27.8.2010, 01:11
und in welchem Stadium sind wir jetzt:)

metall81
00
27.8.2010, 06:20
Kommt auf das....

...Gebiet an.

MundMs
02
26.8.2010, 20:31
Schließlich müssen sich noch Gene ausbilden, die selbst Zusammenarbeit fördern.

Soll diese schwachsinnige Fromulierung suggerieren, dass es wie weiter unten schon behauptet, Gene gäbe, die festlegen ob man zum Egoisten wird oder nicht?

Wenn tatsächlich Gene für ein Verhalten genügen, dass man als Zusammenarbeit bezeichnen könnte und sich diese Gene im Laufe des Lebens eines Individuums nicht ändern, wie erklärt man sich dann, dass Menschen im Laufe ihres Lebens sich vom Egoisten zum Altruisten entwickeln oder umgekehrt?

Wie wird mit diesen empirischen Daten in diesem rein empirischen Beweis umgegangen...? gelten sie als Messfehler? oder wird tatsächlich aufgrund der empirischen Unschärfe dieser Beobachtung, jene Beobachtung zu Gunsten der harten empirischen Faktizität der Theorie als nicht relevant

Eine Kreatur
00
28.8.2010, 13:29
diese "expertInnen" in der gentechnik ignorieren vorzugsweise und sehr gerne den fakter "intelligenz" ..

letztens einen artikel von einem völlig verrückten "wissenschaftler" gelesen, der angab, dass wir menschen genetisch nicht "vorgesehen" sind langfristig und verantwortungsbewusst zu denken - unsere gene sind für "jäger aus der steinzeit" geschaffen mit ihrer begrenzten sozialen wahrnehmung ..

dieses axxxx-loch ignoriert jegliche erkenntnis, die humanismus oder philosophie oder sonstirgendwas hervorgebracht hat und sieht menschen als genetisch gesteuerte roboter .. vermutlich kann seiner meinung nach nur eine "elite" selbstständig denken und die masse muss/kann nur vor der kriechen .. wunderbares weltbild, das sich da in gewisse wissenschaftliche bereiche eingeschlichen hat ..

Sleuth
00
28.8.2010, 01:54
So simpel ist es nicht.

Die Gene alleine tun nicht viel.
Die Genexpression ist (für mich) der interessante Punkt.

Zwischen einem Bodybuilder und mir sind nicht die Gene komplett verschieden; ersterer hat nur alles dafür getan das die Expression bestimmter Gene so hoch wie möglich ist.

Verhalten ist hormonell gesteuert und die Hormonproduktion,- und sekretion wird komplex reguliert.

Die Gene sind die gemeinsame Grundlage und die Expression ermöglicht eine individuelle Anpassung.
Genmutation und Selektion wiederum ermöglichen Anpassung über viele Generationen hinweg, bis hin zur Entstehung neuer Arten.

Für ihre Frage heißt das: Gene verändern sich nicht, Genexpression und damit auch (aber nicht notwendigerweise) Verhalten/Einstellung etc schon.

x aeins
01
26.8.2010, 21:48

glaub sie sind mit ihrem Anthropomorphismus auf dem falschen Dampfer: es kann ja hier nicht um eine Theorie menschlichen Verhaltens gehen, sondern um Modelle zwecks besseren Verständnisses einiger Grundvorstellungen
ausserdem denk ich sie haben vielleicht ein semantisches Problem: "Zusammenarbeit", "Egoismus" bedeuten doch wohl in solchem Zusammenhang bissl was anderes als im tägl. menschl. Sprachgebrauch

Nick Tameer
00
27.8.2010, 20:28

"Egoismus" ist in diesem Zusammenhang natürlich schon deshalb ein ein allenfalls als Metapher tauglich Begriff, weil er Bewusstsein, die Auswahl zwischen Alternativen und Entscheidungen impliziert. Gene, das würde natürlich auch Dawkins nicht betreiten, können also nicht "egoistisch" sein. Auch Tiere können es (vielleicht, aber auch nur ansatzweise, abgesehen von ein paar Primaten und Vögeln) nicht sein. Je nachdem, wie ihr Instinkt sie leitet, finden sie ihre Lust in "eogistischem" oder "alruistischem"
Verhalten.

Dennoch ist mir suspekt, wie sehr sich sich Dawkins auf den eigentlich Ausdruck "egoistisch" festlegt.

metall81
00
28.8.2010, 06:48
Dennoch ist mir suspekt, wie sehr sich sich Dawkins auf den eigentlich Ausdruck "egoistisch" festlegt.

Ich verstehe nicht wieso sich alle an dem Ausdruck so aufhängen. 90% der Dawkins-Kritiker haben dies als alleiniges Argument.

Wenn wir im Chemieunterricht lernen, dass das Natrium ein Elektron loswerden WILL und das Chlor ein Elektron aufnehmen WILL, stößt sich auch niemand an der Formulierung. Obwohl, wie ich glaub niemand (außer vielleicht ein paar Panpsychisten)bestreiten wird, dass ein Atom keinen Willen hat.

Eine Kreatur
00
28.8.2010, 13:33
eine ameise hat ein "ego"?

eine eigene wahrnehmung von sich selbst als individuum? oder hat das etwa ein atom?

die konstante verwendung von begriffen menschlicher eigenschaften auf tiere usw., verursacht mehr schaden, als sie glauben ..

und ihr chemieunterricht war wohl denkbar schlecht .. denn wenn die lehrkraft nicht einmal in der lage ist, energiezustände so zu erklären, sondern von einem eigenen "willen" der chemikalien spricht ..

Nick Tameer
00
28.8.2010, 17:37

Eigentlich ist ja dabei noch nicht einmal von Tieren selbst die Rede, sondern eben von deren Genen.

Hinzu kommt, dass die Bedeutung von "egoistisch" im Deutschen noch etwas von der des englischen Ausdruck "selfish" abweicht, bei dem die Konnotation zu "Gedankenlosigkeit" ["du denkst immer nur an dich"] stärker akzentuiert ist, während "egoistisch" eher mit kalter, bewusster Rücksichtslosigkeit konnotiert.

metall81
00
28.8.2010, 13:39
Warum denn so aggressiv?

Wollen sie ernsthaft diskutieren (Sie haben, wie ich sehe, ja durchaus Vernünftiges zu sagen), oder pöbeln? In dem Ton vergeht mir echt jede Lust auf eine Replik.

Neo-Darwin
 
01
27.8.2010, 22:46

Dawkins sagt dazu folgendes:

Gene sind natürlich nur chemische Strukturen,
die nichts "wollen" oder "wünschen".
Doch sie reagieren so,
als ob sie "Wünsche" und "Ziele" hätten,
nämlich die eigene optimale Fortpflanzung.
Deshalb ist es praktikabel, zu sagen "Gene wollen ..."
wenn man sich bewusst ist,
dass das nur eine anthropomorphe Diktion ist.

Nick Tameer
00
28.8.2010, 09:02

Dass das Dawkins klar ist, habe ich auch nie für zweifelhaft gehalten. Dennoch scheint mir seine Wortwahl so etwas wie eine untergründige Botschaft zu transportieren und obwohl ich eigentlich jeder seiner Aussagen, von der ich gehört habe, zustimmen würde, konnte ich mich nie dazu entschließen, ihn zu mögen.

Neo-Darwin
 
00
28.8.2010, 10:43

In der wissenschaftlichen Debatte
geht es nicht darum, jemanden zu mögen.
Es genügt,
wenn Sie seinen Aussagen zustimmen.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 153
1 2 3 4

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.