"Dramatischer Anstieg" der Spitalskosten: 11,35 Milliarden pro Jahr

25. August 2010, 18:32
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Hauptverbandschef schlägt Alarm wegen Finanzierungsproblemen

Wien - Österreichs Spitäler verschlingen immer mehr Geld: Laut aktuellen Zahlen werden die Gesamtkosten heuer auf 11,35 Milliarden Euro anschwellen, im Vorjahr waren es 10,9 Milliarden. In den letzten drei Jahren seit 2007 stieg der Aufwand laut Hauptverband der Sozialversicherungen damit um 1,6 Milliarden Euro, das sind 16 Prozent - die Kosten wachsen damit deutlich stärker als die schwächelnde Wirtschaft.

Von einem "dramatischen Anstieg" spricht Hans-Jörg Schelling, Chef des Hauptverbandes: "Im Zuge der Krise explodiert nun das Finanzierungsproblem." Die nur schwach wachsenden Krankenkassenbeiträge decken einen immer kleineren Anteil der Kosten ab, die Länder müssen immer mehr (vom Bund überwiesenes) Steuergeld zuschießen, um die Versorgung aufrechtzuerhalten.

Weil Krankenhäuser in privatrechtliche Konstrukte ausgegliedert sind, schlägt sich dies auch in der weit gefassten Subventionsstatistik nieder. Von den 15 Milliarden Euro an Förderungen, die der Staat jährlich ausschüttet, entfällt laut Wirtschaftsforschungsinstitut ein Drittel auf die Spitäler.

Wer nach den Gründen für die hohen Kosten fragt, lernt verschiedene Realitäten kennen. "Die beste medizinische Hightech-Versorgung kostet eben Geld", heißt es aus dem Gesundheitsministerium. Auch die Länder, die rund 80 Prozent der Spitäler betreiben, argumentieren gerne mit dem medizinischen Fortschritt, teureren Medikamenten oder besser qualifiziertem Personal. "Doch das ist nur die halbe Wahrheit", sagt Schelling und sieht gravierende "Strukturprobleme". Der Gesundheitsökonom Ernest Pichlbauer drückt sich weniger zurückhaltend aus. "Die Länder betreiben eine atemberaubende Ausgabenpolitik, als gäbe es kein Morgen."

Ein Grundübel, das zuletzt auch die Expertengruppe für die Verwaltungsreform anprangerte: Die Österreicher sind Europameister im Krankenhausbesuchen. 27 Prozent der Bürger lassen sich jährlich in einem Spital behandeln, im EU-Schnitt sind es nur 15 Prozent - eine teure Vorliebe. Patienten könnten billiger und um nichts schlechter von niedergelassenen Ärzten betreut werden, meinen die Fachleute, eine wachsende Zahl wäre in Pflegeeinrichtungen besser versorgt. Kostenvergleich: Ein Akutbett im Spital kommt pro Tag auf 300 bis 600 Euro, ein Pflegeplatz auf 100 bis 200 Euro.

Reform als Larifari

"Die Großmannssucht der Landesfürsten" hintertreibe jedoch jeden Umbau, kritisiert Pichlbauer. Mit Spitälern sei eben, etwa bei Personalbesetzungen, viel Macht verbunden, während der Bund die unangenehme Aufgabe des Steuereintreibens übernehme. Auch das verworrene System selbst, in dem Akteure gegeneinander wirtschafteten, biete falsche Anreize. Beispiel: Mit mehr Prävention - Österreich hinkt da hinterher - könnten kostspielige Operationen gespart werden. Doch das würde die unter Spardruck stehenden Krankenkassen Geld kosten. Für sie ist es günstiger, wenn die Leute ins Spital gehen - den Steuerzahler kommt es teuer.

Anderer Dauerbrenner in den Expertenanalysen: die vielen kleinen, für ineffizient gehaltenen Spitäler, die nicht nur nach Meinung Schellings zu wenig kooperierten und auf Spezialisierung setzten. Als Negativbeispiel gelten Kritikern die beiden Krankenhäuser, die gerade in Baden und Mödling praktisch nebeneinander gebaut werden. Niederösterreich verbucht mit zehn Prozent auch die höchste Kostensteigerung (Zahl 2008) aller Länder, Wien, Steiermark und Tirol liegen nur etwa bei der Hälfte.

All das ist mittlerweile auch zur Regierung vorgedrungen. SPÖ-Staatssekretär Andreas Schieder schlug vor, manche kleinen Spitäler zu schließen, um stattdessen Pflegeeinrichtungen auszubauen - und wurde auch von der eigenen Partei zurückgepfiffen. Die Koalition einigte sich daraufhin auf den kleinsten Nenner, mit den Ländern über "Synergien" zwischen den Spitälern zu verhandeln. Seither ward von der Gesundheitsreform nichts Neues mehr gehört.

Für "Larifari" hält Pichlbauer die zaghaften Pläne angesichts der herandräuenden Misere - schließlich drohten die Kosten durch die Alterung künftig um zusätzliche vier Prozent im Jahr zu steigen. Der Ökonom fordert die Entmachtung der Länder, alle Kompetenzen für den Bund und die Schließung von "überflüssigen" Spitälern: "Aber ich sehe keinen Politiker, der die Eier dafür hat. (Gerald John, DER STANDARD, Printausgabe, 26.8.2010)

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