In den Anfang investieren

25. August 2010, 17:35
posten

Ursula Struppe, Leiterin der MA 17, Fachabteilung in Sachen Integration und Diversität der Stadt Wien, erzählt über rosarote Brillen und einseitige Bilder

Seit 2008 bietet die MA 17 mit dem Projekt "Start Wien" Integrationsbegleitung in den ersten Jahren für Neuzuwanderer an, meistens geht es hierbei um den Familiennachzug von Drittstaatsangehörigen. "Innerhalb der ersten Jahre entscheidet sich sehr viel, vieles läuft da schief oder gelingt. Wir wollen bewusst in den Anfang investieren", betont Ursula Struppe.

Integrationsbegleitung für Neuzuwanderer

Dabei wird den Neuankömmlingen persönliche muttersprachliche Beratung in 18 Sprachen, z.B. auf Chinesisch oder auch Hindi und Punjabi, angeboten. "In den meisten Fällen geht es dabei um den Wunsch der Menschen Deutsch zu lernen bzw. aus unserer Sicht, auch die Notwendigkeit Deutsch zu sprechen", erzählt die Leiterin. Informationen zu den verschiedenen Kursmöglichkeiten und die Vermittlung in passende, differenzierte Deutschkurse - je nach Alter, Lerntempo und Bildungshintergrund - sind wesentliche Beratungsthemen. Auch über die laut Struppe "komplizierten Regelungen" der Integrationsvereinbarung können sich Neuzuwanderer beim Startcoaching informieren.

Seit Projektbeginn im Oktober 2008 haben bisher rund 5.000 Neuzuwanderer das Programm "Start Wien" in Anspruch genommen. Dabei machen Neuzuwanderer aus dem ehemaligen Jugoslawien den größten Anteil aus, dicht gefolgt von zugezogenen Familienangehörigen aus der Türkei.

Anreize zum Deutsch lernen

Informationsmodule beispielsweise zum österreichischen Schul- und Gesundheitssystem gehören ebenfalls zum Startprogramm der MA 17. So gelten die drei Sprachgutscheine in der Höhe von jeweils hundert Euro, für diejenigen, die die Integrationsvereinbarung erfüllen müssen, nur dann, wenn man drei Infomodule absolviert hat. "Pro Modul kann nur ein Gutschein für einen Kursteil eingelöst werden", erklärt Struppe.

Die Sprachgutscheine sollen als Anreiz zum schnellen Spracherwerb dienen und auch die Kurs- und Vorfinanzierungskosten zur Erfüllung der Integrationsvereinbarung minimieren.
Für Struppe sind die Kurskosten im Vergleich zu anderen Einwanderungsländern wie Schweden oder Australien, wo Einwanderer in den Genuss kostenloser Sprachkurse kommen, viel zu hoch. "In Deutschland müssen die Neuzuwanderer nicht vorfinanzieren, sondern zahlen einen Selbstbehalt von einem Euro pro Einheit", so Struppe.

Einseitiges Bild

Dabei gäbe es auch viele in den Herkunftsländern gut ausgebildete Neuzuwanderer, die sich mit dem Erfüllen der Regelungen der Integrationsvereinbarung schwer tun, erzählt Struppe. Das Bild des Klischees vom ungebildeten Bauer aus Anatolien stimmt nicht mehr ganz: "Es stellt sich auch für uns überraschend heraus, dass beispielsweise die Familienzusammengeführten aus der Türkei in einem sehr hohen Ausmaß mehr als 12 Jahre Schuldbildung haben und fast 20 Prozent davon mit akademischen Abschluss", berichtet Struppe.

Sie kritisiert hierbei das in Medien, Politik und auch unter Migrationsforschern oft zitierte einseitige Bild bestimmter Klischeegruppen: "Es hat sich geändert, die Klischeegruppe der unqualifizierten Einwanderer im Rahmen des Familiennachzugs ist aktuell deutlich kleiner als die mit guter Ausbildung. Die, die heute kommen, sind durchaus qualifiziert." Sie habe das Gefühl, dass die Gastarbeiterproblematik als Argument verwendet werde, "um die Verschärfungen für die heute Kommenden zu diskutieren."

"Andere Baustelle"

Aber was ist mit der Gastarbeiter-Generation, der kein Startcoaching, keine Kursgutscheine oder Sprachkurse angeboten wurden sowie deren Nachkommen, auf die in der Debatte um mangelnde Anpassung und Qualifikation oft mit dem Finger gezeigt wird. "Das ist nicht unsere Baustelle, wenn es um Jugendliche geht ist beispielsweise das Jugendressort zuständig, das sind Wiener Kids, Bürger Wiens. Das sind einfach Wiener, die seit Jahren hier leben und Probleme haben oder auch machen, wie alle anderen Bewohner Wiens." Struppe plädiert dafür, "Migranten als normalen Teil Wien zu verstehen, und nicht als Gruppe mit Defiziten, die irgendetwas braucht."

Keine rosarote Brille

Dabei will Struppe nicht die rosarote Brille aufsetzen, sie weiß, dass ein hoher Anteil an Migranten wie in Wien, "wo jede/r Zweite internationale Wurzeln hat", für die Aufnahmegesellschaft auch eine Herausforderung darstellen kann. "Zum einen ist es für Menschen, deren Umfeld sich in Sprachgebrauch und Kultur wandelt, sehr irritierend. Man muss Verständnis dafür haben, dass es nicht jedem so leicht fällt, das geänderte Umfeld zu akzeptieren, das wäre auch zu romantisch", gibt Struppe zu Bedenken.

Aus diesem Grund werden von der MA 17 Projekte wie "Sei Dabei" gefördert, die im unmittelbaren Umfeld der Menschen, wie in Parks oder im Gemeindebau, Begegnungen auf Augenhöhe und Kommunikation ermöglichen. "Dabei stehen gemeinsame Interessen und Aktivitäten wie Kochen, Grillen oder Schach spielen im Vordergrund, nicht die Unterschiede", betont Struppe: "Oft sitzen Einheimische und Zugewanderte im gleichen Park, aber kommen nicht miteinander ins Gespräch. Alle Studien zeigen, dass räumliche Nähe allein, also Nachbarschaft nicht reicht, aber je mehr Kontakt miteinander Leute am Arbeitsplatz oder in Freizeit haben, desto signifikanter sinken die Vorurteile."

 

  • "Begegnungen auf Augenhöhe"
    foto: sei dabei

    "Begegnungen auf Augenhöhe"

  • Artikelbild
    foto: sei dabei
  • Artikelbild
    foto: sei dabei
Share if you care.