Türkei räumt Mitschuld ein

25. August 2010, 17:21
20 Postings

Behörden schützten Mordopfer Hrant Dink nicht

In einem für die Türkei bisher einmaligen Vorgang hat die Regierung jetzt eingeräumt, Mitschuld an der Ermordung des armenischen Journalisten Hrant Dink zu haben. Wie die Tageszeitung Hürriyet am Mittwoch berichtete, wollen das Außen-, Innen- und Justizministerium eine gemeinsame Erklärung gegenüber dem Menschenrechtsgerichtshof in Straßburg abgeben, in der sie einräumen, eine Mitschuld am Tod des Journalisten und Menschenrechtlers zu haben, weil die Behörden Dink nicht geschützt haben, obwohl das Mordkomplott gegen ihn bekannt gewesen sei.

Dink, Chefredakteur der türkisch-armenischen Wochenzeitung Agos, war am 19. Jänner 2007 von einem rechtsradikalen Jugendlichen auf offener Straße erschossen worden. Der Mord hatte weltweite Empörung ausgelöst und in der Türkei selbst zu einer bis dahin beispiellosen Solidarisierung mit der Familie des Journalisten und der armenischen Minderheit insgesamt geführt.

Hrant Dink war unter anderem ins Fadenkreuz der Rechtsradikalen geraten, weil man ihn zuvor angeklagt und verurteilt hatte, in seinen Artikeln "das Türkentum" beleidigt zu haben. Gegen diese Verurteilung hatte Dink genau eine Woche vor seiner Ermordung beim Menschenrechtsgerichtshof eine Klage eingereicht.

Diese Klage wurde nach seinem Tod von seiner Familie aufrechterhalten und erweitert. Unter anderem beklagte die Familie vor dem Gerichtshof in Straßburg, dass die Behörden es fahrlässig unterlassen hätten, Hrant Dink zu schützen und sein Recht auf Leben dadurch aufs Spiel gesetzt hätten.

Wie die Anwältin der Familie, Fethiye Çetin, dem Standard bestätigte, hat das Gericht in Straßburg bereits entschieden, die Türkei in allen Punkten zu verurteilen. Allerdings ist das Urteil noch nicht offiziell und soll erst in zwei Wochen übermittelt werden.  (Jürgen Gottschlich aus Istanbul/DER STANDARD, Printausgabe, 26.8.2010)

  • Der Mord an Hrant Dink löst bis heute Empörung aus
    foto: epa/tolga bozoglu

    Der Mord an Hrant Dink löst bis heute Empörung aus

Share if you care.