"Splice": "Wir wollten das Monster zum Charakter machen"

25. August 2010, 17:06
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Vincenzo Natali über seinen Film "Splice", ein originelles Crossover von Horror- und Science-Fiction-Genre

Ein Wissenschafterpaar erschafft mit Gentechnik eine neuartige Kreatur: Der US-Kanadier Vincenzo Natali denkt in seinem Film "Splice" ein fantastisches Szenario bis zum horrenden Ende. Brett Michel sprach mit ihm.

Wien - Zwei Wissenschafter, Clive (Adrian Brody) und Elsa (Sarah Polley), experimentieren heimlich mit menschlichem Erbgut. Nach einigen Misserfolgen scheint ihr Eifer belohnt zu werden: Ein kleines, nacktes Ding entsteht, das rasant wächst und ziemliches Durcheinander schafft. Auf der evolutionären Überholspur scheint es sich zum Menschen zu wandeln - Elsa nennt die Kreatur Dren und entscheidet sich, sie als Mädchen großzuziehen. Der US-Kanadier Vincenzo Natali, ein Garant für originelles, schmal budgetiertes Genrekino, hat mit "Splice" ein Crossover aus Horror- und Science-Fiction-Film inszeniert, das den menschlichen Drang zur Reproduktion ein paar Schritte weiterdenkt.

Standard: Schon in Ihrem Teil von "Paris, je t' aime" - einem Film über Liebe! - gab es einen Vampir. Sind Monster Teil Ihrer DNA?

Natali: Yeah, der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.

Standard: Woher kommt das denn?

Natali: Ich weiß es nicht. Ein guter Analytiker hätte wohl eine Antwort parat. Ich hatte eine ziemlich gute Kindheit, aber so lange ich mich erinnern kann, habe ich schon Monster gemalt.

Standard: Bei "Splice" bekommt man den Eindruck, dass Sie eine natürliche Begabung haben, Geschichten visuell zu erzählen.

Natali: Ich habe zunächst als Storyboard-Zeichner gearbeitet. Das war der perfekte Job für mich. Es war wie eine Filmschule, weil man mir einfach ein Drehbuch gab und sagte: "Zeichne das!" Auf diese Weise habe ich die klassische Erzähltechnik gelernt. Bis heute entwerfe ich meine Filme selbst als Storyboard.

Standard: Wie eng arbeiten Sie mit der Abteilung für visuelle Effekte zusammen?

Natali: Sehr eng. Einer meiner besten Freunde leitete C.O.R.E. Digital Pictures, die im März leider schließen mussten. Sie haben die Effekte für "Splice" verantwortet und einen hochwertigen Konzept-Test durchgeführt, indem die visuellen Tricks erprobt wurden - vor bereits zehn Jahren, so lange wurde an dem Film schon gearbeitet! Ohne sie wäre der Film nicht möglich gewesen. Wir hatten nicht viel Geld - angesichts dessen, was wir auf die Leinwand bringen wollten.

Standard: Das ursprüngliche Konzept muss sich vom jetzigen Resultat sehr unterschieden haben. Ich habe gehört, dass Sie von der Vacanti-Maus inspiriert wurden, der ein menschliches Ohr am Rücken zu wachsen schien.

Natali: Ja, es war so schockierend. Zugleich war es traurig, denn die Maus war nackt, hatte kein Fell, sah so verletzlich aus. Auch wenn es die Maus nicht in den Final Cut schaffte, ihr Geist tat es sehr wohl.

Standard: Die Betonung von Gender-Themen kam dagegen neu hinzu, nehme ich an?

Natali: Der erste Entwurf beinhaltete schon einen Geschlechtswechsel. Eigentlich war das Grundgerüst von Anfang an da. Ich habe eher Dinge weggelassen. In einem frühen Entwurf gab es mehr Charaktere, mehr Zündstoff. Es handelt sich um ein derart explosives Thema - der ganze Bereich der Gentechnik, man konnte in so viele Richtungen gehen.

Standard: Im Mittelpunkt steht das Wissenschafterpaar - hat das Verhältnis der beiden einen Bezug zu Ihrem Leben?

Natali: Ein klein wenig. Ich wollte einen Film über eine Kreatur machen, der sich mit einem Beziehungsdrama überlagert. Ich dachte, das macht ihn einzigartig: das Verhältnis zwischen dem Monster und den Menschen, die es geschaffen haben, bis zum äußersten Punkt zu erforschen. Meistens ist die Kreatur im Schatten verborgen, man sieht sie nur kurz. Wir wollten aus dem Monster einen eigenen Charakter machen.

Standard: Es gibt eindeutig Bezüge zu "Frankenstein"...

Natali: Ja, daran kommt man nicht vorbei. Ich meine, es ist ein wesentlicher Bestandteil, und das ist auch okay. Ich liebe James Whales "Frankenstein"-Filme.

Standard: In der Szene, in der Sarah Polley der Kreatur die Kleidung auszieht, wunderte ich mich, wie hingezogen ich mich zu dieser fühlte. Eine seltsame Erfahrung.

Natali: Was daran wirklich schockiert, ist, dass wir eigentlich alle solche Stadien als Fötus durchlaufen- die ganze Evolution. Wir haben Kiemen, einen Schwanz ...

Standard: Aber keine Flügel!

Natali: Keine Flügel, meistens zumindest. Aber all das ist Teil des Lebens. Der einzige Unterschied bei Dren ist, dass es bei ihr außerhalb des Mutterleibs zu geschehen scheint.

Standard: Vieles hängt von der Leistung von Delphine Chaneac ab, die Dren in ihrer ausgereiften Form spielt. Wo haben Sie sie gefunden?

Natali: Beim Casting in Paris, sie war die erste, die vorsprach - nach 200 anderen dachten wir immer noch an sie. Sie hat Dren eigentlich erst erschaffen, weil sie sie zu einem Geschöpf machte, um das wir uns sorgen, das wir lieben.
(Übersetzung: D. Kamalzadeh / DER STANDARD, Printausgabe, 26.8.2010)

 

Ab Freitag im Kino.

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    Mutter und Kind - zumindest auf einer übertragenen Ebene: Die Wissenschafterin Elsa (Sarah Polley) sieht sich in "Splice" ihr selbstgeschaffenes Wesen ein wenig genauer an.

     

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    Vincenzo Natali: Monster begleiten ihn schon seit Kindheitstagen.

    Natali, 41, feierte seinen Durchbruch mit "Cube", einem Thriller, der zur Gänze in einem Würfel spielt. Als Nächstes wird er bei der lange erwarteten Verfilmung von William Gibsons "Neuromancer" Regie führen. Er lebt in Toronto.

     

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