Reply? No: Delete! - "Spam-Oper" in Wien uraufgeführt

25. August 2010, 12:45
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Produktion der Gruppe progetto semiserio im Schauspielhaus bietet verwirrenden szenischen Mail-Müll ohne markante Musik

Wussten Sie, dass der Begriff "Spam" eigentlich eine Abkürzung für "Spiced Ham" ist und in den 1930er Jahren für Dosenfleisch verwendet wurde? Oder, dass im vergangenen Jahr weltweit 86 Trillionen Spam-E-Mails verschickt wurden? Manches bleibt vom Besuch der "Spam-Oper" "Gain extra inches!", die gestern, Dienstag, Abend im Wiener Schauspielhaus uraufgeführt wurde, durchaus hängen. Doch hätte man dazu kein Musiktheater gebraucht. Denn sowohl die Musik von Periklis Liakakis, als auch die von Regisseurin Annika Haller verantworteten szenischen Geschehnisse hatten große Mühe, den vor das Langzeitgedächtnis geschalteten Aufmerksamkeitsfilter der Besucher zu überwinden.

Ehrenschutz

Gewiss ist "Spam" ein technologisches, wirtschaftliches und zivilisatorisches Phänomen, mit dem auch hierzulande nahezu jeder konfrontiert wird. Offenbar bis in höchste politische Ebenen, schließlich hat sich Kulturministerin Claudia Schmied  nicht nehmen lassen, den "Ehrenschutz" dieser Produktion zu übernehmen... Ebenso gewiss ist, dass man die 75 Minuten, die diese Produktion der Gruppe progetto semiserio dauert, nicht mit dem Wegklicken von unerwünschtem Mail-Müll im elektronischen Posteingang verbringen möchte. Eine wirklich gelungene, künstlerische Auseinandersetzung mit der "Spam"-Plage war allerdings nicht auszunehmen.

Georg Steker (Konzept, Libretto und Gesamtleitung) hat ordentlich Internet-Recherche betrieben und "aus 80 Prozent original belassenen Spam mails" ein Libretto gebastelt, in dem auch ein Spammer selbst zu Wort kommt. Die allgemein bekannten Spam-Inhalte wie Ketten- und Bettelmails, Angebote zum Erwerb potenzsteigernder Mittel oder billiger Markenuhren oder das Erschließen garantiert sicherer und rechtskonformer Geldströme nach dem überraschenden Tod afrikanischer Potentaten (bitte Übermittlung Ihrer Kreditkarten- und Kontodaten nicht vergessen!) werden durch Aufteilung auf stets wechselnde Charaktere weder witziger noch bühnenwirksamer. Dazu gibt es verwirrende Bastelaktionen mit großen Kartons, bei denen Hochhäuser entstehen, und wechselnde Kostüme zwischen Bardamen-Outfit und Ganzkörperpyjama.

Stimme

Wenn es, selten genug, etwas zu singen gibt, dann schlägt sich die Sopranistin Genoveva dos Santos am Besten, auch Bartolo Musil und Katrin Schurich versuchen, mit Anstand über die Runden zu kommen. Erstaunlich, wie wenig sich die Musik von Periklis Liakakis in den Gehörgängen festsetzt. Zur fetzigsten Nummer, einem Spam Rap, ist eine Internet-Adresse als Quelle angegeben. Zum Wiederhören anklicken? Bloß nicht, denn nicht das Empfangen, erst das Reagieren auf Spams aktiviert die Spy Ware, die den eigentlichen Schaden anrichtet. "Remember: Spam ist just e-mail and can easily be deleted with a click of your finger", heißt es abschließend. Ein Rat, der sich in diesem speziellen Fall auch an Opernfreunde richten kann. (APA)

 

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