Günter Schmidt, Lehrmeister des Europa-Journalismus

24. August 2010, 19:58
30 Postings

Günter Schmidt, der langjährige Freund und Kollege aus Brüsseler Korrespondententagen, aus der Pionierzeit des österreichischen EU-Journalismus in den 1990er-Jahren, ist tot.

Ein großer Verlust. Er ist schon am Samstag gestorben, völlig überraschend, klärt mich Michael Jungwirth, der Wien-Chef der Kleinen Zeitung, auf. Er ruft aus Griechenland an, wo er mit der Familie Urlaub macht und wo ihn die vom ORF am Montag verbreitete Nachricht von Günters Tod erreicht hat, und auch er ist sehr betroffen.

Ich bin mit meiner Familie gerade auf ein paar Tage in Burgund in Frankreich, weit weg von Wien, von Brüssel. Hier hat mich Barbara Hoheneder über Günters Tod verständigt, die früher für die AZ und News und dann für Johannes Voggenhuber in Brüssel gearbeitet hat, die lange in Amsterdam war. Telefonate mit Hedwig Kainberger von den Salzburger Nachrichten folgen. Thomas Karabacek von der APA, Doris Kraus von der Presse – sie alle telefonieren jetzt kreuz und quer durcheinander. Das war eine eingeschworene Equipe in Günters besten Zeiten als ORF-Journalist in der EU-Hauptstadt.

Kein Zufall das alles, dass sein Tod uns nahegeht, quer durch Europa. Günter war in gewisser Weise unser Meister und Lehrmeister des Europa-Journalismus, jedenfalls ein großartiger Journalist, der sein Handwerk nicht zufällig bei Reuters und in London bei der BBC gelernt hat. Wir überlegen, wie wir uns, so weit entfernt, dementsprechend von ihm verabschieden können. Es liegt nahe, dies schreibend zu tun.

Dem ORF, seinem Arbeitgeber über Jahrzehnte, war die Meldung von Günter Schmidts Tod ja nur eine Kurzmeldung in der ZiB wert, wie ich via Internet gerade gesehen habe. Das finde ich schade. Die ZiB hatte er selber moderiert, als sie noch jeden Abend die Informationssendung schlechthin für Millionen Österreicher war. Ihn selber, den ruhigen, stets skeptisch-kritischen, oft auch grantelnden Geist hätte ein solcher Mininachruf wahrscheinlich gar nicht überrascht. Vor Kritik, auch nach innen hin, hat er sich nie gescheut. Das Oberflächliche, das Schnelle und Kurze im „neuen Journalismus“, die „Verzeilerung“ des Öffentlich-Rechtlichen hin zu Krach, Event und RTL, war ihm suspekt.

Vermutlich hätte er selber über eine Passage in der offiziellen Aussendung von ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz zu seinem Ableben genörgelt: Seine „profunden, exzellent aufbereiteten Beiträge“ seien ein wichtiges „journalistisches Tor zu Politik und Wirtschaft“ gewesen, heißt es da.

Nein, ein Günter Schmidt hat Beiträge nicht „aufbereitet“, wie das manch andere heute tun. Journalismus sei ja nicht Zuckerbäckerei, keine Aufbereitungsmaschine. Er hat Beiträge, wenn schon, gestaltet – präzise geschrieben oder gesprochen, auf Basis profunden Wissens, ohne Schnörkel und Garnitur, genau, einfach, informativ. Das Vorgeben von Wissen, das Aufgeblasene, wie es dem auf Wirkung und Quoten ausgerichteten ORF heute auch im Informationsbereich eigen ist, das hat ihn immer gestört.

Kollegen, die das journalistische Handwerk nicht beherrschten, „die nichts wissen“, wie er oft sagte, das war dem Diplomkaufmann ein Graus. Darüber konnte er streiten. Er hätte wohl auch über die Formulierung, wonach seine Beiträge ein „Tor zu Politik und Wirtschaft“ gewesen seien, die Stirn gerunzelt. Schmidt wollte die Zuseher und Zuhörer bestmöglich informieren, nicht Tore öffnen.

Über all das haben wir in den Jahren oft geredet. Man konnte mit Günter hervorragend nicht einer Meinung sein.

Vor ein paar Monaten habe ich mit Günter Schmidt das letzte Mal gesprochen. Er hatte angerufen, und wollte nur so ein bisschen plaudern. Das tat er nicht oft, aber doch immer wieder so im Abstand von ein paar Monaten. Er wolle mir nur sagen, wie gut er es fände, dass ich als Europa-Korrespondent wieder nach Brüssel zurückgekehrt bin, und dass er die Berichterstattung genau verfolge. Bei einem wie ihm konnte man sicher sein, dass er das genauso meint, ohne Hintergedanken.

Ich solle nur nicht aufhören, eine kritische, seriöse Stimme zur Europapolitik zu bleiben, gerade in Zeiten einer schrecklichen Provinzialisierung, wie die österreichische Politik sie durchmache. Der Journalismus, „unser Journalismus“, müsse Haltung bewahren, dürfe nicht nachgeben, sich nicht arrangieren mit den billigen Begehrlichkeiten der Mächtigen in Politik und Wirtschaft. Das Provinzielle hasste er, wenn man versuchte, die Leute für blöd zu verkaufen.

Das war sehr typisch für ihn. Europa hat ihn immer fasziniert, es war ihm einfach wichtig. Günter Schmidt hat (auch mich) immer wieder getadelt, wenn er mit meiner Arbeit nicht einverstanden war, aber er hat im Hintergrund oft ermuntert, nicht feig zu sein, hat gute Arbeit gerne gewürdigt. Man konnte mit ihm vorbehaltlos offen reden und diskutieren, und dabei viel lernen.

Er war schon 1992 nach Brüssel gegangen, und hat dort bis 2002 das ORF-Büro geleitet. Er hätte gerne weitergemacht, aber der Küniglberg wollte ihn in die Frührente schicken, von seinem Wissen nicht weiter profitieren. In diesen zehn Jahren (als Folge von 1989) hat Europa eine wahre Revolution erlebt, Geschichte gemacht. Und Österreich trat 1995 der EU bei. Schmidt hat das alles unmittelbar erlebt und beschrieben. Das war seine größte Stärke: Er wusste ungemein viel, und konnte das leicht fassbar erzählen.

Viele, viele Stunden haben wir mit ihm bei Tagungen, Ministerräten, EU-Gipfeln verbracht, in allen Ländern der Union. Zahllose gemeinsame Abendessen waren mit ihm quasi politikwissenschaftliche und historische Seminare. So werde ich ihn immer in Erinnerung behalten, einen Spitzenjournalisten und Analytiker, der der Devise folgte, dass man als Journalist mindestens dreimal so viel wissen muss wie man schreibt – und nicht umgekehrt, wie das da und dort geschieht.

Eine seiner Lieblingserzählungen zum Schluss, aus den frühren 1990er-Jahren. In Brüssel tagte die Nato, und es nahm an einer Sitzung auf Botschafterebene auch (damals eine Sensation) der sowjetische Botschafter teil. Als dieser das Nato-Hauptquartier verließ, versuchte Schmidt in einem Pulk von Fernsehjournalisten ein paar Sätze für einen ORF-Beitrag zu erhaschen. Der Botschafter bat aber um Verständnis, nichts sagen zu können, sinngemäß mit den Worten: „Verzeihen Sie, das Land, als dessen Botschafter ich in die Sitzung gegangen bin, existiert nicht mehr. Ich muss mir erst Instruktionen holen“. Die Sowjetunion war zwischenzeitlich aufgelöst worden, Boris Jelzin hatte sich an die Spitze von Russland gesetzt.

Auch nach Jahrzehnten im Job konnte er sich leidenschaftlich für die Politik und die Wirtschaft, für die Zusammenhänge der internationalen Politik, begeistern. Er konnte Tag und Nacht arbeiten. Bewundernswert, wie er „Aufsager“ für die ZiB unter Zeitdruck manchmal aus dem Stegreif aufzeichnete oder live machte. Österreichs Verhandlungen über einen EU-Beitritt, die Geburt der Währungsunion, das Verschwinden der Grenzen in Europa, und und und: Günter Schmidt, der Spitzenjournalist von europäischen Format, hat das Wissen der Nation darüber entscheidend geprägt.

Ich verneige mich vor einem großen, integren Kollegen.

  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.