Lernen vom Wissenschaftsweltmeister

24. August 2010, 19:15
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Mit der neuen Forschungsstrategie 2020 will man hierzulande den Anschluss an die Weltspitze schaffen

Dass es bis dahin noch ein weiter Weg ist, zeigt ein Vergleich mit der führenden Forschungsnation Schweiz.

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Als die Nati, also Fußballnationalmannschaft der Schweiz, kürzlich in Österreich gegen die heimischen Kicker antrat, hielt sich die Niederlage in Grenzen: Die Eidgenossen, die im Unterschied zu Österreich bei der WM waren und dort sogar den späteren Weltmeister Spanien besiegten, gewannen mit 1:0. Die Schweizer hatten aber auch nicht gerade ihre stärkste Mannschaft aufgeboten. Etwas eindeutiger ist die aktuelle Fifa-Rangliste. Auf der belegt die Schweiz Platz 17, während Österreich abgeschlagen auf Rang 60 rangiert.

Sieht es in unserer sommerlichen Lieblingssportart - Tennis-Champ Roger Federer wollen wir hier einmal unerwähnt lassen - im direkten Vergleich mit den Schweizern im Moment eher ungünstig aus, so endet ein Vergleich mit der Wissenschaftsnation Schweiz im Debakel, ganz egal, welchen Indikator man heranzieht. Was auch nicht wundern sollte, denn die Schweiz gilt, zumindest laut "EU-Innovationsanzeiger", als aktueller Forschungs- und Innovationsweltmeister.

Das lässt sich anhand zahlreicher Indikatoren leicht belegen: So wird zum Beispiel nirgendwo in der Welt pro Einwohner (die Schweiz hat 7,8 Millionen, Österreich 600.000 mehr) mehr wissenschaftlich publiziert wie in der Confoederatio Helvetica. Und das, was wissenschaftlich publiziert wird, ist erstklassig: Auch bei den Zitationen pro wissenschaftlichen Aufsatz sind die Forscher aus der Schweiz weltweit führend (siehe Tabelle rechts unten).

Schweizer Erfolgsrezepte

Was aber sind die Erfolgsgeheimnisse der Schweiz? Und was könnte man sich hier für die neue Forschungsstrategie, mit der man an die innovativsten Länder der Welt anschließen will, von den Eidgenossen abschauen? Der forschungspolitisch wesentlichste Unterschied zur Schweiz besteht in den aufgewendeten Mitteln und vor allem: der Art der Verteilung.

Während die Schweiz als EU-Spitzenreiter rund 0,83 Prozent ihres BIPs für Grundlagenforschung ausgibt, waren es in Österreich 2009 laut Statistik Austria 0,41 Prozent. Die Ausgaben für Forschung und Entwicklung (F&E) gemessen am Bruttoinlandsprodukt liegen in der Schweiz beim EU-Ziel von drei Prozent, in Österreich bei 2,7 Prozent.

Noch größere Unterschiede zeigen sich bei der Verwendung der Mittel, konkret: im Verhältnis der Förderung von Grundlagenforschung zu angewandter Forschung, das in der Gegenüberstellung Österreich-Schweiz nahezu spiegelverkehrt aussieht.

Bei den Wissenschaftsweltmeistern fördert die öffentliche Hand die Grundlagenforschung traditionell am stärksten: Der Schweizerische Nationalfonds (SNF), das Pendant zum Forschungsfonds FWF in Österreich, hatte 2009 ein Budget von rund 565 Millionen Euro. Der FWF konnte im Vergleich dazu im Vorjahr gerade einmal 147,6 Millionen Euro vergeben.

Deutlich mehr Geld bekommt bei uns dagegen die anwendungsorientierte Forschung: Allein die Forschungsförderungsgesellschaft FFG verfügte im Vorjahr über ein Budget von 377,6 Millionen Euro, während die Schweizerische Förderagentur für Innovation (KTI) gerade einmal 82 Millionen Euro ausschüttete. Deren Geld geht an Unis oder Fachhochschulen, die gemeinsam mit einem Umsetzungspartner aus der Wirtschaft davon Projekte einreichen. Staatliche Förderung für F&E in Unternehmen gibt es in der Schweiz überhaupt nicht.

"Grundlagenforschung in der Industrie funktioniert nicht, der Ansatz ist ein komplett anderer. Deshalb gibt es bei uns eine klare Trennung", erklärt Martin Fischer vom Schweizer Staatssekretariat für Bildung und Forschung. In Österreich stammen hingegen 13 Prozent der Mittel für F&E in Unternehmen aus direkten oder indirekten staatlichen Förderungen.

Da ließe sich nun leicht einwenden, dass die Schweizer Industrie das insbesondere dank ihrer Pharma-Riesen solche staatlichen Zuwendungen auch gar nicht nötig hat. Allein, auch Firmen wie Roche, Sandoz oder Syngenta sind einmal aus sich herausgewachsen, ohne Geld des Bundes.

Ausgeprägte Internationalität

Einen anderen offensichtlicher Wettbewerbsvorteil des Innovationssystems der Schweiz ist für Helga Nowotny, Präsidentin des Europäischen Forschungsrats (ERC), die "ausgeprägte Internationalität" des eidgenössischen Forschungssystems. Die Wissenschaftsforscherin, die sowohl Professorin an der Uni Wien (Platz 132 im THES-Ranking) wie auch an der ETH Zürich (Platz 20) war, verweist in dem Zusammenhang darauf, dass die Mehrheit der 36 Schweizerischen ERC-Grant-Gewinner 2009 keine gebürtigen Schweizer sind, sondern gezielt aus dem Ausland verpflichtet wurden.

Wie das die Schweizer Top-Unis machen, weiß wiederum die Informatikerin Monika Henzinger aus eigener Erfahrung. Die ehemalige Forschungschefin von Google, die heute Professorin an der Uni Wien ist, war zwischendurch an der EPFL tätig, der Eidgenössischen Technischen Hochschule von Lausanne.

Dort würde man keine themenbezogenen Professuren ausschreiben, "sondern lädt jedes Jahr im Frühjahr die weltweit besten Bewerber ein und bietet dann den besten eine Stelle an", so Henzinger. "Und wenn keiner von denen annimmt, stellt man lieber keinen Wissenschafter ein und wartet auf das nächste Jahr."

Wir Österreicher warten derweilen auf den nächsten Winter, der eh schon bald wieder kommt. Weil zumindest in der Nationenwertung des Skiweltcups werden wir die Eidgenossen sicher wieder biegen. (tasch, apa/DER STANDARD, Printausgabe, 25.08.2010)

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  • Im Forschungsmatch gegen die Schweiz ist Österreich chancenlos.
    foto: friesenbichler

    Im Forschungsmatch gegen die Schweiz ist Österreich chancenlos.

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