Die Mariedl macht's auch ohne

25. August 2010, 09:42
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Unterhaltsame Untiefen: Werner Schwabs Fäkaliendrama "Die Präsidentinnen" im Wiener 3raum-anatomietheater

Ohne Gummihandschuhe nämlich. Und zwar bis zu den Achselhaaren in den Abort hineingreifen, um etwaige Verstopfungen zu beseitigen. Hubsi Kramar inszeniert Werner Schwabs 1990 uraufgeführtes Fäkaliendrama "Die Präsidentinnen" im Wiener 3raum-anatomietheater in der Beatrixgasse knallbunt und mit Mut zur Hässlichkeit: pink-rotes Bühnenbild trifft auf Stützstrümpe und Oma-Sandalen.

Drei Damen, fleischgewordene Albträume eines jeden Nachbarn, dem sein Privatleben lieb ist, und Prototypen der "alten Bissgurn", treffen sich zum Kaffeeklatsch. Dann wird losgeschimpft.

Die Figuren sind überzogen, aber wunderbar klar gezeichnet. Da ist die lüsterne Grete (grandios gespielt von Travestiekünstlerin Lucy McEvil), zweimal geschieden und furchtbar selbstgerecht. Die eigene Tochter vom Ehemann als Kind sexuell missbraucht - kein Grund sich ob der unterlassenen Hilfeleistung schuldig zu fühlen, denn es ist schließlich alles Sache der Vorsehung. Und "Hineingreifen in die Vorsehung kann man sowieso nicht".

Das "Hineingreifen" bleibt der arbeits- und abortfixierten Mariedl (Lilly Prohaska) überlassen, wofür sie von allen verabscheut wird. Allen voran von der bigotten, übersparsamen Erna (bitterböse: Roswitha Soukup), die gar nicht verstehen kann, wie man sich so eingehend mit dem "Stuhl" anderer Menschen beschäftigen kann.

Der Meinungsaustausch der drei vom Leben und der Vorsehung geknechteten Weiber gipfelt in einem absurden Tagtraum, den Mariedl radikal zerstört und dafür von Erna und Grete kurzerhand zur Strecke gebracht wird. Danach geht man zur Tagesordnung über: Schlagermusik und noch mehr Klatsch.

Ein Ausflug in die tiefsten Untiefen der österreichischen Seele - Verdrängung der Nazivergangenheit inklusive. Kein Wohlfühl-Kuschelabend, aber höchst unterhaltsam. (vro/DER STANDARD, Printausgabe, 25.8.2010)

Bis 25. 9., 3raum-anatomietheater, Wien, 20.00

  • Die Vorsehung meint es nicht gut mit ihr: Gretes (Lucy McEvil) Traum, 
mit einem feschen Tubaspieler durchzubrennen, ist zerplatzt.
    foto: mario lang

    Die Vorsehung meint es nicht gut mit ihr: Gretes (Lucy McEvil) Traum, mit einem feschen Tubaspieler durchzubrennen, ist zerplatzt.

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