Rundschau: Blaue Welten und andere

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coverfoto: st martins press

Neil F. Comins: "What If The Earth Had Two Moons?"

Gebundene Ausgabe, 304 Seiten, St Martins Press 2010.

Bäng! So sieht also die neue Hintergrundfarbe der SF-Rubrik aus. Zu Ehren des neuen Mutterressorts Wissenschaft beginnen wir mit einem Sachbuch ... nur dass es die Sache ist, in der die Fiktion liegt. Es handelt sich dabei um eine Sonderform spekulativer Literatur, die zwar von Anfang an als Bestandteil dieser Seite geplant war - bloß kommt nicht mordsmäßig viel raus in dem Bereich. Ein Paradebeispiel wäre Dougal Dixon: Der schottische Geologe und Paläontologe ist vor mittlerweile 30 Jahren auf die Idee gekommen, verallgemeinerbare Mechanismen der Evolution auch auf hypothetische Welten zu übertragen. Das Ergebnis waren einige wunderschön im Stil von "Brehms Tierleben" illustrierte Werke: Das 50 Millionen Jahre in der Zukunft angesiedelte "After Man" (Prämisse: der Mensch ist ausgestorben), "The New Dinosaurs" (Prämisse: der Chicxulub-Asteroid ist an der Erde vorbeigerauscht und die Dinos bevölkern in weiterentwickelter Formenvielfalt die Gegenwart) und schließlich "Man after Man". In letzterem, mit dem Subtitel "An Anthropology of the Future" versehen, wird die ökologisch verwüstete Erde mit dem letzten vorhandenen Gen-Material wiederbesiedelt: dem des Menschen. Als die Projektbetreiber mitsamt den letzten Resten der Zivilisation verschwinden, bleiben die künstlich geschaffenen Halbmenschen-Spezies sich selbst bzw. der Evolution überlassen und besiedeln als neue Fauna nach und nach sämtliche ökologischen Nischen. Dieses Buch lappt stärker als die anderen in die Belletristik, da Dixon es anhand der individuellen Schicksale von Vertretern der halb- bis gar nicht mehr intelligenten Spezies aufzieht. Das grenzt unmittelbar an den Aufbau, den beispielsweise Stephen Baxter seinem Roman "Ursprung" aus dem "Multiversum"-Zyklus gegeben hat: Ein Kreis innerhalb der Phantastik schließt sich.

Neil F. Comins hat eine ähnliche Geschichte: Der Astrophysiker aus Maine hat sich nicht nur mit populären Irrtümern zum Thema Raumfahrt befasst, in den 90ern hat er auch mit "What If The Moon Didn't Exist?" einen kleinen Bestseller veröffentlicht. Fast 20 Jahre später gibt es dazu nun eine "Fortsetzung" - Thema der zehn neuen thought-provoking speculations on the solar system ist einmal mehr die Frage, wie es auf der Erde aussähe, wenn ihre astronomischen Rahmenbedingungen andere wären. Ganz wie bei Alternativweltgeschichten im engeren Sinne betont Comins im Vorwort die Bedeutung der "Was wäre, wenn ..."-Frage. Für alle, die in Genre-Begriffen denken, handelt es sich also gewissermaßen um Worldbuilding ohne Handlung. Fast zumindest, denn der astronomischen Analyse der zehn jeweils mit einem Fantasienamen versehenen Alternativ-Erden stellt Comins stets eine kleine belletristische Vignette voran. Durchaus mit Humor: In der Titelepisode etwa hat sich die Erd-Version Dimaan einen zweiten Mond eingefangen - ein System, das zwangsläufig zur Instabilität neigt. Galileo Galilei freut's - immerhin sind unter den Meteoriten, die das lunare Spannungsverhältnis am laufenden Band produziert, auch welche dabei, die die Häscher der Inquisition erschlagen.

Insgesamt gehört Dimaan aber zu den weniger interessanten Episoden; für den an das Vorläuferbuch erinnernden Titel wurde sie wohl eher zwecks Corporate Identity gewählt. Spannender ist da schon Dichron, eine Erde, deren Kruste etwas dicker ist als die der unseren. Tektonik und Vulkanismus im uns bekannten Stil kann es hier nicht geben - da sich die Hitze des Planeteninneren dennoch irgendwie Bahn brechen muss, schmilzt jede Region der Planetenoberfläche in Abständen von einigen Millionen Jahren einmal komplett ab. In der zugehörigen Vignette ist dies zum romanreifen Katastrophenszenario einer Arktis-Expedition verdichtet. Leben könnte sich laut Comins auch hier problemlos zu den verschiedensten Formen entwickeln - they would all, however, have one thing in common: somehow they would all know when the land under their feet was about to melt. Goldig. Zum Ausgleich für rein faktenbezogene Passagen zeigt sich Comins immer wieder von der launigen Seite, spricht etwa von the olden days der Astronomie und meint damit die Zeit vor 1996. Interessanterweise verbleibt er aber ausschließlich im Standardmodell der Kosmologie, geht weder auf Strings noch Branen ein - allerdings sind die im Buch behandelten Themen auch locker innerhalb der klassischen Gravitationsphysik abzuhandeln. Zwischen anspruchsvolleren Passagen fällt Comins auch immer wieder mal auf kindgerechte Einschübe - Never look at the Sun without approved eye protection. Doing so causes blindness. - zurück. Ganz so, als riefe er sich selbst in Erinnerung, dass er zu einem Allgemein-Publikum spricht. Einem US-amerikanischen übrigens: Sämtliche Einheiten werden in Fahrenheit, miles, yards und dergleichen angegeben.

Ein weiteres zentrales Kapitel heißt Mynoa/Tyran, aufbauend auf jüngsten astronomischen Erkenntnissen über extrasolare Planeten, nämlich dass Gasriesen keineswegs so weit von ihrem Mutterstern entfernt sein müssen wie in unserem System. Hier kreist die Erd-Version Mynoa als Mond um den Neptun-großen Tyran. Ganz wie der Erdmond ist Mynoa dabei längst in eine gebundene Rotation eingetreten, wendet Tyran also stets dieselbe Seite zu. Die sich daraus ergebenden Unterschiede zwischen den beiden Hemisphären sind spektakulär: Auf der Tyran abgewandten Seite ähnelt der Tag-Nacht-Rhythmus dem uns vertrauten, ist lediglich etwas länger. Auf der "Vorderseite" hingegen schiebt sich täglich Tyran zwischen Mynoa und die Sonne - das Ergebnis sind Tage, deren hellste Phase stets von einer mächtigen Eklipse unterbrochen wird, und Nächte, die wegen des "Mega-Vollmonds" am Himmel nahezu taghell leuchten. In der zugehörigen Vignette erlebt Kolumbus auf seiner Fahrt nach Westen als erster Europäer einen vollständigen Tyran-Untergang und die Pracht des Sternenhimmels. Bald darauf plagt ihn aber ein heftiger "Jetlag" wegen des ungewohnten Tag-Nacht-Rhythmus auf der Rückseite. Comins spekuliert, dass sich unter diesen astronomischen Bedingungen zwei völlig voneinander getrennte Ökosysteme mit jeweils unterschiedlicher circadianer Rhythmik auf Mynoa entwickeln müssten. Generell lehnt er sich aber mit seinen Spekulationen zu Auswirkungen auf Biologie oder gar Psychologie der BewohnerInnen alternativer Erden nicht zu weit aus dem Fenster, sondern bleibt in seinem Metier. Er könnte aber mit Dixon ein dynamisches Duo bilden und AutorInnen fundiertes Rohmaterial beim Entwerfen von Welten liefern.

While exploring these alternative versions of Earth I came to really appreciate how making one change leads to myriad others, schreibt Comins den zentralen Satz des Buchs. Denn beim Ersinnen fiktiver Welten kann man zwar durchaus die Fantasie spielen lassen, muss sich aber dessen bewusst sein, dass man es stets mit einer Paketlösung zu tun hat. Wenn sich beispielsweise wie im Fall Futura eine Doppelgängerin der Erde 15 Milliarden Jahre in der Zukunft bilden würde, dann wäre das stellare Baumaterial nicht mehr dasselbe. Eine höhere Rate schwerer Elemente aber würde zu einer Welt mit stärkerer Tektonik, einem stärkeren Magnetfeld und einer anderen Zusammensetzung des Meerwassers führen - und so weiter und so weiter. Und manche Modelle gehen eben gar nicht: In nüchterner Weise zerpflückt Comins die alte SF-Idee von einer "Gegenerde" auf der anderen Seite der Sonne. Ist nicht möglich, weil nicht stabil. An den Lagrange-Punkten "vor" bzw. "hinter" der Erde ließe sich im selben Orbit ein Planet platzieren - doch wäre der am Himmel sichtbar, und niemals könnten AstronautInnen verblüfft auf eine verborgene Welt oder gar ihre "Spiegelbilder" treffen.

Im Nachwort wehrt sich Comins dann noch ausdrücklich gegen anthropische Missdeutungen seiner Bücher, sprich: Auslegungen, dass unsere kosmischen Rahmenbedingungen so passgenau darauf zugeschnitten scheinen, unsere Existenz zu ermöglichen, dass sie nicht zufällig diese Form angenommen haben können. - Eben nicht, sagt Comins: Wir haben uns zufällig unter diesen Bedingungen entwickelt - und es wäre eine ganze Reihe anderer Kombinationen denkbar, unter denen zumindest etwas Ähnliches wie wir entstehen könnte. Was in einen Satz mündet, der sich religiös geprägten Menschen nur schwerlich in seiner vollen Schönheit erschließen dürfte: Life exists because it can.

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