"Da stellt's mir ja erst recht die Haare auf"

24. August 2010, 18:49
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Stadtschwarze trifft auf Szeneklub-Gründer: Christine Marek und Thomas Eller über Drogendealer, Wahlwerbung und die zwei Gesichter der Ursula Stenzel

Standard: Frau Marek, waren Sie schon einmal im Flex?

Marek: Nein, ich war noch nie hier. Ich glaube, ich würde den Altersschnitt auch relativ stark heben.

Eller: Na ja, der liegt bei 25 bis 30. Zu uns kommen Jugendliche und Junggebliebene - und vor allem Musikliebhaber.

Standard: Wie viele Ihrer Gäste würden die Wiener ÖVP-Chefin erkennen?

Eller: Das Publikum ist vor allem im Sommer im Garten sehr gemischt, da gibt es ein ziemlich breites Spektrum. Angesichts der Plakate, von denen Frau Marek uns derzeit entgegenlächelt, würden sie schon einige erkennen.

Standard: Ursula Stenzel schimpft gerne aufs Flex. Gleichzeitig versuchen Sie mit Dinko Jukić und Sebastian Kurz die Wiener ÖVP jugendlich erscheinen zu lassen. Wie passt das zusammen?

Marek: Es hat, als das Flex aufgesperrt hat, Proteste von der ÖVP Wien gegeben. Das würde heute sicherlich nicht mehr der Fall sein. Eine Partei, die erfolgreich sein will, muss für Jung und Alt ein Angebot haben. Und es liegt in der Natur der Sache, dass es da Konflikte zwischen den Generationen gibt. Ich sehe meine Aufgabe auch darin, Kompromisse zu finden.

Eller: Das ist Balsam in meinen Ohren. Leider führt die ÖVP Innere Stadt den Krieg gegen das Flex bis heute weiter. Obwohl es objektiv keine Probleme mehr gibt, denn alle Messungen haben ergeben, dass das Flex absolut schalldicht ist. Ursula Stenzel unterstützt trotzdem einen Anwalt, der in der Nähe wohnt, und seit drei Jahren mit Schaum vor dem Mund gegen das Flex vorgeht. Er fordert, dass es zugesperrt wird. Als wäre es irgendeine Rumsen! Dabei ist es inzwischen eine Institution. Wir kommen in internationalen Rankings für die besten Musikklubs immer wieder unter die ersten drei.

Marek: Ich verstehe ihren Ärger und kann Ihnen anbieten, dass ich mit Ursula Stenzel reden werde - und wir treffen uns hier bei Ihnen. Ursula Stenzel ist einerseits eine sehr aufgeschlossene Person, gleichzeitig aber auch eine wirklich große Kämpferin für die Bewohner ihres Bezirks - von denen wird sie ja auch gewählt. Und genau diesen Spagat können wir vielleicht gemeinsam ein bisschen auflösen. Dass das Flex eine Institution ist, den Eindruck hatte ich im Zuge meiner Recherche auch. Mein 17-jähriger Sohn hat gleich gesagt: "Ja klar kenne ich das Flex!"

Standard: Die Augartenbrücke ist ein bekannter Drogenumschlagplatz, Herr Eller fordert seit Jahren mehr Polizei für das Grätzel. Was sagen Sie ihm, nachdem unter Schwarz-Blau Polizisten eingespart wurden?

Marek: Wir arbeiten mit Maria Fekter daran, jedes Jahr werden 450 neue Polizisten aufgenommen. Aber ich glaube, dass da auch unsere langjährige Forderung nach einer Stadtwache greifen kann: eine Stadtpolizei, die entsprechende Präsenz zeigt, und gerade in dem Bereich geht es ja in erster Linie nicht um Waffengebrauch, sondern um einen Präsenzordnungsdienst.

Standard: Könnte eine Stadtwache Ihr Problem lösen?

Eller: Ich glaube, das ist überhaupt nicht notwendig. Polizisten zweiter Klasse werden nur belächelt und verspottet. Seit 15 Jahren schafft es auch die Polizei nicht, die Drogendealer vom Flex wegzubekommen. Im Gegenteil: Als auf dem Schwedenplatz Überwachungskameras angebracht wurden, ist uns die ganze Drogenszene da hergetrieben worden. Wir haben dann Druck gemacht. Zeitweise wurde gut gearbeitet, aber nicht durchgehend. Oft wurde von der Polizei, und auch von Frau Stenzel, gesagt, das Flex sei selber schuld, weil die Jugendlichen halt Drogendealer anziehen würden. Das ist ja so, wie wenn ich sage, die Bank zieht den Bankräuber an oder der Supermarkt den Dieb.

Marek: Für die Drogenproblematik ist sicher die Polizei zuständig. Aber Tatsache ist, dass wir 20 Ordnungstrupps in Wien haben. Hier haben wir ein Potenzial, das derzeit ineffizient und nicht zielführend eingesetzt wird. Die Polizei übernimmt deshalb viel zu viel Verwaltungstätigkeit. Das bindet Ressourcen, die in Wirklichkeit z.B. auf der Augartenbrücke notwendig sind.

Standard: Sie sind der Ansicht, dass es in Wien jetzt schon zu viele Beamte gibt, gleichzeitig wollen Sie einen eigenen Wachkörper - dafür müsste man ja wieder neues Personal aufnehmen.

Marek: Ich kritisiere nicht, dass es zu viele Beamte gibt. Nur stimmt das Verhältnis zwischen den erbrachten Leistungen und der Anzahl der Personen, die dran arbeiten nicht. Es gibt sehr viele Doppelgleisigkeiten. Man muss sich anschauen: Wo kann man effizienter arbeiten? Es geht nicht darum, einfach Mitarbeiter abzubauen. Das wäre nicht nur dumm, sondern auch unsozial. Wenn man das Personal der 20 Ordnungsdienste zusammenfasst, hat man schon 500, 600 Leute für die Stadtwache.

Standard: Die sind aber nicht alle als Stadtwächter geeignet.

Marek: Absolut. Ich glaube auch, dass die, die sozialarbeiterische Arbeit leisten, nicht in eine Stadtwache gehören. Aber ein sehr großer Teil ist sofort einsetzbar. Die könnten ja multifunktional tätig sein. Als Serviceeinrichtung für die Bevölkerung.

Eller: Für mich wäre es wichtiger zu schauen, dass man mehr Streetworker in die Stadt bringt. Und dass man das auch fordert. Aber es klingt halt populärer, wenn man eine Stadtwache fordert. Die ganzen Wastewatcher, Ordnungsberater und U-Bahn-Aufseher - das hat schon was von Siencefiction. Oft hat man das Gefühl, Wien ist ein großes Korrekturzentrum, in dem versucht wird, jeden noch besser einzupassen, damit die Stadt noch besser funktioniert. Dabei funktioniert die Stadt eh schon so gut.

Marek: Das ist unbestritten, aber zu teuer. Und genau darum geht es. Es geht besser und effizienter. Denn es ist schon alles sehr festgefahren.

Standard: Wenn es um Drogenpolitik geht, scheinen Sie aber kein Problem mit der SPÖ zu haben. Denn gegen den von der Stadtregierung durchgezogenen Plan, den Karlsplatz noch vor der Wahl drogenfrei zu bekommen, hatte die ÖVP nichts einzuwenden.

Marek: Ich glaube, gerade Drogen sind ein Thema, das man gemeinsam angehen muss. Da müssen Drogenkoordinator und Polizei zusammenarbeiten. Und das funktioniert auch ganz gut. Ich muss nicht gegen etwas schreien, wenn die Ansätze richtig sind. Da gibt es aber noch viel größere Anstrengungen zu unternehmen. Denn auf der Augartenbrücke ist es wirklich schlimm. Aber das kann man nicht von heute auf morgen ändern.

Standard: Die Wiener SPÖ geht des Öfteren mittels Plakaten und Flyern im Flex auf Stimmenfang. Wie nah muss man denRotensein, um in Wien erfolgreich zu sein?

Eller: Also die Wiener Sozialdemokraten sind sicher unsere Freunde. Genauso wie die Grünen. Die haben das Flex vor 15 Jahren ermöglicht. FPÖ und ÖVP haben damals im Gemeinderat dagegengestimmt.

Marek: Die Wiener ÖVP ist seither sicher jünger geworden. Und ich bin ja auch noch nicht lange Chefin. Heute würden wir sicher nicht mehr gegen ein solches Projekt stimmen. Denn wenn wir wollen, dass junge Menschen in der Stadt wohnen, müssen wir auch entsprechende Angebote schaffen. Ich werde auch versuchen, andere, die das noch kritisch sehen bei uns, ins Boot zu holen.

Eller: Ihr Vorgänger Johannes Hahn hat vor der letzten Wien-Wahl den Donaukanal als zentrales Wahlkampfthema auserkoren. Somit hat er, das gestehe ich zu, das Thema extrem gepusht - und auch die Entwicklung. Da sind dann alle plötzlich unter Zugzwang gekommen.

Marek: Aber es ist noch immer viel zu wenig passiert. Es fehlt der rote Faden. Es gibt ein paar Hotspots, die weder miteinander verbunden sind noch ein durchgängiges Konzept haben. Und es ist eine sehr große Chance, ein Naherholungsgebiet in der Stadt zu entwickeln.

Eller: Es gibt jetzt immerhin einen Masterplan, der sehr ausgereift ist.

Marek: Da sind ja auch nur Einzelprojekte aufgelistet.

Eller: Das Gesamtkonzept ist der Mensch, der am Kanal entlangflaniert. Und der flaniert sehr wohl von der Urania zum Motto am Fluss bis runter zur Summerstage.

Marek: Das geht noch viel schöner.

Eller: Aber wer ist denn diejenige, die gegen jedes Projekt queruliert? Die Frau Stenzel. Und wenn ich mir anschaue, welche Design- und Architekturkonzepte sie unterstützt, stellt's mir ja erst recht die Haare auf!

Marek: Da geht's aber schon um ein Konzept, das die Stadt zu erarbeiten hat. Da ist die Zuständigkeit rein bei der Stadt, nicht beim Bezirk.

Standard: Also wenn die ÖVP den Planungsstadtrat stellen würde, würde die Entwicklung des Donaukanals schneller vorangehen?

Marek: Ja. Bernhard Görg hat als Planungsstadtrat da überhaupt die ersten Schritte gesetzt.

Standard: Sie wollen das Ressort Stadtplanung aber ohnehin nicht - mit Pipifax lasse sich die ÖVP nicht abspeisen, kündigten Sie kürzlich an.

Marek: Es geht darum, dass einzelne Ressorts, etwa die Kultur, zu Pipifax verkommen sind. Weil die Förderperioden auf fünf Jahre ausgedehnt wurden und jetzt vergeben werden. Und ein Ressort, in dem die rote Stadtregierung schon den ganzen Kuchen verteilt hat, kann man nur noch verwalten. Auch was die Planung betrifft: Sie macht nur dann Sinn, wenn auch Wohnbau oder Infrastruktur dabei ist. Aber mit Planung an sich bist du nur für Interventionen und Widmungen zuständig.

Standard: Dann lieber gar nicht regieren?

Marek: Ich gehe einmal davon aus, dass die SPÖ nicht nur Ressorts abgeben würde, in denen es nichts zu tun gibt.

Standard: Dass die SPÖ im Oktober so viele Stimmen verliert, dass sie freiwillig ein Schlüsselressort hergibt, ist aber eher unwahrscheinlich.

Marek: Das ist Verhandlungssache, warten wir einmal die Wahl ab.

Standard: Würden Sie auch Wahlwerbung für die ÖVP im Flex zulassen?

Eller: Im Prinzip ist es das demokratische Recht jeder Partei, vor dem Flex zu werben. Das einzige Problem, das ich mit Wahlwerbung habe, ist die Ausländerhetze der FPÖ. Das würde ich nicht zulassen. Da würde ich meine Security hinschicken - und sie quasi ausweisen. (Martina Stemmer, DER STANDARD, Printausgabe, 25.8.2010)

CHRISTINE MAREK (42) startete ihre politische Karriere Mitte der Neunziger bei der ÖVP Meidling. 2002 zog sie in den Nationalrat ein. Fünf Jahre später wurde sie Staatssekretärin im Wirtschaftsministerium, seit 2007 ist sie Familienstaatssekretärin. Letzten Winter wurde die gebürtige Bayerin außerdem Chefin der Wiener Schwarzen. Nachdem Johannes Hahn als EU-Kommissar nach Brüssel wechselte, fiel die Wahl nach mehrwöchiger Suche auf die Alleinerzieherin, die großteils in Oberösterreich aufgewachsen ist.

THOMAS ELLER (43) ist in Innsbruck geboren und kam vor 26 Jahren als Hausbesetzer nach Wien. In der Aegidigasse 13 veranstaltete er eine Reihe von Konzerten, bevor er 1990 das alte Flex in Meidling gründete. Eller war maßgeblich an der Übersiedlung des Lokals an den Donaukanal beteiligt und arbeitete jahrelang als Geschäftsführer. Derzeit ist er für das Musikprogramm verantwortlich. Für den 1995 eröffneten Neubau bei der U-Bahn-Station Schottenring erhielt der Musikklub eine Subvention von der Stadt.

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