Länder setzen sich durch: Koalition kippt Lehrer-Verordnung

24. August 2010, 18:32

Koalitionsspitze bremst Schmied bei Schulreform aus

Stellen wir uns vor, es ist Schulbeginn. Die Eltern vereinbaren mit ihrem Kind: Du bekommst in diesem Jahr fünf Paar neue Schuhe, die wir dir finanzieren. Wenn du unbedingt mehr Schuhe willst, dann darfst du die zwar mit unserer Kreditkarte zahlen, aber wir verlangen das Geld zurück. Fixieren wir doch schon jetzt einen Betrag, sagen wir, den Preis für das günstigste Schuhmodell. Egal, welche ich kaufe? Ja, egal. Na, so macht der Kauf von extrateuren Extratretern doch gleich viel mehr Spaß!

Absurd? Realität! Genau so funktioniert die Finanzierung der Landeslehrer im Pflichtschulbereich. Der mit der Kreditkarte ist in dem Fall der Bund, die Länder sind die, die überziehen und mehr teure Lehrer einstellen als geplant, aber nur "billige" zurückzahlen müssen an den Bund.

Zehn Millionen perdu

Dieses Konstrukt machte Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SPÖ) stutzig, und sie beschloss, den Ländern künftig ein bisschen genauer auf die Finger zu schauen, denn die überziehen die im Zuge des Finanzausgleichs zwischen Bund und Ländern ausverhandelten Stellenpläne regelmäßig. Schmied plante eine Verordnung zum Landeslehrer-Controlling, um "Kostenwahrheit und Transparenz herzustellen", da die "zinslose Vorfinanzierung" von überzähligen Landeslehrern den Bund jährlich zehn Millionen Euro kostet, die er sich bei korrekter Stellenbesetzung sparen könnte.

Laut den Daten aus dem Unterrichtsministerium stieg die Zahl der überzogenen Planstellen von 2005/06 bis 2009/10 von 750 auf 2000 Stellen. Das Problem: Der Rückerstattungstarif für Extratouren bei den Lehrereinstellungen ist relativ günstig bemessen, entspricht er doch dem durchschnittlichen Jahresgehalt von 38.000 Euro in der "Entlohnungsgruppe II L" (Junglehrer mit befristetem Vertrag). Nun ist es aber so, dass die Zahl der II-L-Lehrer kleiner ist als die Anzahl der überzogenen Planstellen - was so viel bedeutet wie: Die Länder stellen mehr ältere, also teurere Lehrer ein (Entlohnungsgruppe I L, Durchschnittskosten pro Jahr rund 58.000 Euro) - also ein Verlustgeschäft für den Bund, der nur 38.000 Euro refundiert bekommt.

Das hinderte die Regierungsspitze nicht, Schmieds Kontroll-und Rückforderungsvorhaben am Dienstag im Ministerrat den Garaus zu machen und den Controlling-Verordnungsentwurf zu kippen. Bundeskanzler Werner Faymann (SPÖ) will erst im kommenden Jahr bei den Finanzausgleichsverhandlungen über das Landeslehrer-Controlling reden.

Damit ist Schmieds Plan, künftig vierteljährlich zu kontrollieren, ob die Länder im vereinbarten Rahmen Lehrer anstellen, und bei Überziehung auch den "vollen" Preis zurückzufordern, von ihrer eigenen Regierungsspitze zum Scheitern gebracht worden.

Im Gegensatz zum freiwilligen Kontrollverlust von Kanzler und Vizekanzler versuchte die Unterrichtsministerin nach dieser politischen Grätsche der beiden Herren zumindest ihrerseits die Selbstkontrolle zu wahren. Im Gespräch mit dem Standard gab sich Schmied kampfbereit: "Aufgeschoben ist nicht aufgehoben, auch wenn ich die Verordnung gerne früher gehabt hätte. Fakt ist, der Rechnungshof hat recht: Die Abrechnung ist falsch, die Steuerzahler überweisen im Bereich der Landeslehrer zu viel Geld an die Länder." Es sei unumgänglich, "Klarheit bei der Abrechnung zu schaffen". Vizekanzler Josef Pröll (ÖVP) kann sich in seiner Funktion als Finanzminister jedenfalls schon darauf einstellen, "dass ich den durch diese fehlgeleitete Landeslehrer-Finanzierung entstehenden Fehlbetrag im Zuge der Budgetverhandlungen einfordern werde", kündigt Schmied an.

Problemzone Landeslehrer

Ihr Vorstoß in Sachen Landeslehrer-Finanzierung kommt nicht von ungefähr, gilt der Bereich unter Experten doch als eine der größten Problemzonen im österreichischen Bildungssystem.

Der Rechnungshof kam 2007 in seiner Analyse der "Lehrpersonalplanung" zur Empfehlung, "im Sinne einer Zusammenführung von Aufgaben- und Ausgabenverantwortung auf eine Übertragung der Diensthoheit über die Landeslehrer an die Schulbehörden des Bundes hinzuwirken" .

In einem aktuellen Positionspapier des IHS zur Schulverwaltung werden die Landeslehrer "als der relevanteste Regelungsbereich" bezeichnet. Zur Zuständigkeitsfrage ist dort zu lesen: "Eine Verlagerung der Bundeskompetenzen zu den Ländern ist aufgrund der vorliegenden Evidenzen nicht sinnvoll." Schon 2007 hieß es in einer von Bildungsministerin Elisabeth Gehrer (ÖVP) beim IHS in Auftrag gegebenen Studie auch angesichts der "Probleme der Informationszurückhaltung der Länder" : "In der Alternative der Umschichtung von Länderagenden zum Bund vs. Bundesagenden zu den Ländern spricht nichts für die Verlagerung zu den Ländern (außer abstrakten und inhaltsleeren Subsidiaritäts- und Anti-Zentralismus-Argumenten). (Lisa Nimmervoll, DER STANDARD, Printausgabe, 25.8.2010)

Kommentar posten
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OM_75
00
25.8.2010, 19:26

Jeden Tag das Gleiche!
Ist das Glas jetzt halb voll
oder
halb leer?

Kalvarienberg
00
25.8.2010, 13:41
"Man hat Angst, sie nicht mehr loszuwerden"

springflower
00
25.8.2010, 13:30
Willkommen in Absurdistan!

j.ohn
01
25.8.2010, 13:16

Es wird wirklich immer unglaublicher in diesem Land - statt der seit Jahrzehnten beschworenen Verwaltungsreform werden kontinuierlich jene gestärkt, die jeder sinnvollen Reform im Wege stehen. Als wenn's nicht reicht dass es sich eine korrupte Oligarchie richten kann wie sie will, stärkt man auch noch die selbstherrlichen und vollkommen abgehobenen Feudalherren in Ihren Ländereien. Und falls es sich finanziell gar nicht mehr ausgeht, kann man ja immer noch das Pflegegeld kürzen...

Kritiker1A
10
25.8.2010, 14:08
Bei der Wien Wahl könnten die Wähler endlich die SPÖ auf unter 10% drücken und damit den Gfrastern zeigen, was Sie von dem Ganzen halten.

Bleibt aber leider nur ein Traum.

micschool
13
25.8.2010, 13:00
ich finde schmid sollte zurücktreten...

aber NICHT, weil sie schlechte Arbeit machen würde- nein!!!
Sondern weil sie nicht nur von der VP(das ist ja eh klar) sondern seit neuestem auch von ihren Parteifreunden im Regen stehen gelassen wird, wo es nur geht.
Das ist eine Sauerei!

Beim Rücktritt Faymanns wären jedoch die Schäden für das Ansehen der Politik erheblich geringer als bei einem ähnlichen Schritt von BM Schmid, die in ihrem Fachgebiet zumindest kompetent wenn schon nicht aller Liebkind ist.

Schilcherfreund
01
25.8.2010, 12:30
Vielleicht sollte Frau Schmied mal ganz klar und deutlich sagen:

Der Herr Bundeskanzler und der Herr Vizekanzler haben natürlich wie jede Bürgerin und jeder Bürger auch das Recht, Ihre Meinung zu diesem Thema zu äußern.

Ich bin aber auch gerne bereit, den beiden Herren je eine Kopie der entsprechenden gesetzlichen Bestimmungen zu geben, oder aber kurz gesagt: Das fällt nicht in ihre Kompetenz.

Atlantis-Couple
11
25.8.2010, 12:47
Stimmt nicht

Hier geht es um den Finanzausgleich. Und der liegt nicht in der Kompetenz des Bildungsministeriums.

Und die hochgejubelte "Ersparnis" von 10 Mio pro Jahr (etwa ein Promille des Bildungsbudgets) wäre eine Verschiebung der Kosten zu den Ländern, aus der Sicht des Steuerzahlers also ein Nullsummenspiel.

LL MM
02
25.8.2010, 13:21

Und 10 Mio sind es nur dann, wenn ein Junglehrer mit unbefristetem Vertrag 58.000 Euro wert sein soll. Was er aber bei weitem nicht kostet. Da geht es höchstens um 1 bis 2 Mio. Euro. Wenn überhaupt.

onlooker
11
25.8.2010, 13:07
10 mio als nullnummernspiel zu bezeichenen ist kühn

irgendwo müssen doch diese beträge aufscheinen,
sonst würde der RH ja nicht wissen, dass es diese beträge überhaupt, von buchhaltung scheinen sie wenig zu verstehen, jeder posten muss aufscheinen,
da gibt es kein nullnummernspiel,

Ich gebs zu
01
25.8.2010, 13:41
Es wäre auch ein Nullsummenspiel, wenn 100 Millionen verschoben würden.

Der Steuerzahler müsste in jedem Fall blechen.

lothar.matthäus
30
25.8.2010, 14:35
Das Geld muss ja von jemandem aufgebracht werden!

Das Gerede vom Nullsummenspiel ist doch bloß hirnloses Gefasel!

Die Gebarung öffentlicher Mittel hat nach den Gesetzen von Rechtmäßigkeit und Sorgfalt im Sinne des Steuerzahlers zu geschehen!

*

Ich gebs zu
01
25.8.2010, 19:49
Könnten Sie bitte den Verfasser des Kommentars anbrüllen

und nicht mich?

lothar.matthäus
21
25.8.2010, 20:20
Die redet

ja keinen Stumpfsinn, das machen ja Sie!

*

Mario Ahner
10
25.8.2010, 13:03

Wenn diejenigen, die einstellen, auch dafür zahlten, wäre das sicher kein Nullsummenspiel, sondern billiger.

Ich gebs zu
02
25.8.2010, 13:11
Sie übersehen, dass die Gemeinden und Länder

nach Vorgaben des Bundes arbeiten müssen. Die Formel "Der zahlt, aber d e r schafft an." ist also eine unhaltbare Vereinfachung.

lothar.matthäus
30
25.8.2010, 14:39
Sie haben Sinn für Humor!

Dass sich die Länder aber nicht an die Vorgaben des Bundes halten, dürfte Ihnen irgendwie entgangen sein!

*

Ich gebs zu
00
25.8.2010, 19:53
Sie offenbar nicht.

Kritiker1A
01
25.8.2010, 14:08
Wir zahlen also sollten wir anschaffen !!!!

Ich gebs zu
02
25.8.2010, 19:58
Ohne Ironie: Wie stellen Sie sich das vor?

Soll es vor jedem Stellenplan ein Referendum geben?

Wie an oben stehendem Artikel erkennbar, schaffen es nicht einmal Journalisten, die dafür ja bezahlt werden, die Fakten halbwegs korrekt wiederzugeben. Wie wäre das erst, wenn alle irgendwie mitreden sollten?

Ich verstehe schon, dass eine saubere Regelung anders aussieht. Was mich aber auch irritiert, ist die völlig faktenwidrige Vereinfachung. Die Länder haben nachvollziehbare Argumente (vgl. die Stellungnahme von Schmieds Parteigenossen Niessl und die der befragten Landesschulratspräsidenten).

Ein einfaches Beispiel: Während sich BM Schmied für die Klassenschülerhöchstzahl 25 feiern lässt, müssen die Länder die dafür nötigen Lehrer aufbringen.

annea
00
25.8.2010, 17:38

Jedes Volk hat die Politiker, die es verdient...

ÖVP, die abzocker der nation
00
25.8.2010, 12:53
stimmt nicht

es ist in wahrheit eine machtverschiebung in richtung länder, wie in so vielem anderem auch, und das stärkt die position der länder und deren aufgeblasene verwaltung.

es genügt bereits einen wasserkopf in wien zu haben. wir brauchen nicht noch 9 provinzwasserköpfe. schliesslich hat österreich eine bevölkerung in der größe von bayern.

schafft die regionalkaiser und deren (schein-)landtage bedingungslos ab! AMS/pension für die arbeitslosen politgünstlinge und beamten!

Schilcherfreund
01
25.8.2010, 12:51
Danke für die fachliche Korrektur!

Zum Nullsummenspiel: Da geht es aber auch um die verursachungsgerechte Zuordnung von Kosten!

orangenpresse
 
00
25.8.2010, 12:29
schule ganz abschaffen.

oder total privatisieren. ja, weniger staat mehr privat...um welche beträge gehts da? was hat die verstaatlichung der hypo alpe adria gerade gekostet? und welche lehren haben wir aus der totalen unkontrollierbarkeit der länderbudgets und den handlungen der verantwortlichen (blödes wort) personen gelernt?
wie immer gehts nicht um reform, nicht um sinnvolle verwendung der steuermittel sondern um machterhalt. übrigens bei den genannten zahlen kann es sich nicht um gehälter der lehrer handeln ( siehe gehaltstabelle ) sondern um den gesamtaufwand je planstelle inkl. aller nebenkosten. ein artikel der halbherzig und voll mit teilwahrheiten ist sollte so nicht im standard zu finden sein.

le concierge
01
25.8.2010, 12:25
Das wirklich frustrierende daran ist

Nächstes Mal pilgert das Volk an die Wahlurnen und es werden wieder dieselben Parteien und die gleichen Leute gewählt als wär nichts gewesen

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