"Man hat Angst, sie nicht mehr loszuwerden"

24. August 2010, 18:35
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    foto: standard/cremer

    Automatische Gehaltsvorrückungen gefährden die Beschäftigung von älteren Menschen, sagt der Wissenschafter Helmut Kramer.

Ein besserer Kündigungsschutz für ältere Arbeitnehmer sei kontraproduktiv, sagt Ex-Wifo-Chef Helmut Kramer am Rande des Forums Alpbach

Ein besserer Kündigungsschutz für ältere Arbeitnehmer sei kontraproduktiv, sagt Ex-Wifo-Chef Helmut Kramer am Rande des Forums Alpbach. Im Gespräch mit Günther Oswald spricht er sich für verpflichtende Fortbildung aus.

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STANDARD: Österreich hinkt bei der Beschäftigung älterer Arbeitnehmer hinterher. Laut OECD arbeiten nur 41 Prozent der 55- bis 64-Jährigen. Wo müsste man ansetzen?

Kramer: Erstens: Institutionelle Erbschaften, etwa im Sozialversicherungs- und Pensionsrecht, müssen beseitigt werden. Zweitens: Wir brauchen einen Mentalitätswandel. Bei uns gilt es noch immer als etwas Negatives, wenn man im Alter einer Beschäftigung nachgeht. Die Frühpension wird als etwas Positives gesehen. Auffallend ist auch, dass es innerhalb Österreichs große Unterschiede gibt. Wer in Vorarlberg mit 60 nicht mehr arbeitet, gilt als Tachinierer. Weiter östlich gilt man als dumm, wenn man noch arbeitet.

STANDARD: Zu den institutionellen Erbschaften. Ältere Arbeitnehmer können in der Praxis schwerer gekündigt werden als jüngere. Gerichte heben Kündigungen von Mitarbeitern, die älter als 45 sind, häufig wegen Sozialwidrigkeit auf. Schaden solche Regelungen also mehr, als sie nutzen?

Kramer: Wahrscheinlich ja. Weil man die Leute zu sehr vor der Kündigung schützen will, werden sie in der Praxis erst gar nicht angestellt. Das ist sicher ein Hauptgrund für Unternehmen, warum man sich überlegt, ältere Menschen anzustellen. Man hat Angst, sie nicht mehr loszuwerden. Das ist bei behinderten Menschen ähnlich.

STANDARD:  Diskutiert wurde in Alpbach auch, ob das Senioritätsprinzip, also automatische Gehaltsvorrückungen mit dem Alter, schlecht für die Beschäftigung Älterer ist. Wie groß schätzen Sie dieses Problem ein?

Kramer: Das kann man schwer beziffern. In verschiedenen Kollektivverträgen wurde das auch bereits abgeschwächt. Aber Fakt ist auch, dass das Senioritätsprinzip in Österreich im internationalen Vergleich noch immer zu stark ausgeprägt ist. Bei der Änderung der Lebenseinkommenskurve steht sicher noch eine große Herausforderung vor uns. Man schadet mehr, als man nützt. Insbesondere, wenn man sagen kann: "Der ist unkündbar, und es gibt auch keinen Anreiz für den Mitarbeiter, sich weiterzubilden."

STANDARD: Müsste also der Staat mehr Angebote für die Erwachsenen-Fortbildung liefern?

Kramer: Nicht nur der Staat. Aber insgesamt tun wir sicher zu wenig für die Erwachsenenbildung. Die Idee von Sabbaticals in den Kollektivverträgen halte ich für vollkommen richtig. Es gibt aber noch zu wenige Angebote. Diese müssen so ausgerichtet sein, dass die Leute in der Lage sind, mit 55 oder 60 intellektuell und fachlich voll einsetzbar zu sein.

STANDARD: Wäre für Sie auch die Verpflichtung zur Fortbildung eine Option? Kann man das überhaupt machen?

Kramer: Das kann man sicher machen. In manchen Berufen gibt es die Verpflichtung nachzulernen ja bereits. Ärzte müssen soundso viele Kurse machen, damit sie die Zulassung behalten. Das könnte man sicher auch auf andere Bereiche ausweiten. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25.8.2010)

HELMUT KRAMER (71) war bis 2005 Leiter des Wirtschaftsforschungsinstituts. Heute ist er selbstständiger Wissenschafter und Vorsitzender der Plattform für Interdisziplinäre Altersfragen.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 156
1 2 3 4
nichtswisser
00
31.8.2010, 08:30
Auf diese Art wird man auch ältere Menschen leicht los

Auszug aus einem Arbeitsvertrag eines grossen österreichischen Konzerns:
"Punkt A) Das Arbeitsverhältnis beginnt am ....... und wird auf unbestimmte Zeit, unter Berücksichtung des Punktes X), abgeschlossen."
"Punkt X) Es gilt als Vereinbart, dass es sich um ein höchstbefristetes Arbeitsverhältnis handelt, welches jedenfalls mit dem letzten Tag des Monats endet in dem der AN jenes Lebensalter erreicht, das ihn zum frühestmöglichen Eintritt in den Ruhestand unter Berücksichtigung der pensionsrechtlichen Bestimmungen berechtigt, wobei eine vorherige Kündigung nach Punkt A) erfolgen kann."
Hier ist erkennbar, dass die AG gar nicht interessiert ältere AN länger zu beschäftigen, sondern diese so rasch wie möglich in den Ruhestand zu schicken.

Beobachter76
00
26.8.2010, 15:07
Befristete Arbeitsvertrag

Ein Unternehmen kann ein befristete Arbeitsvertrag mit Arbeitnehmer abschliessen.

Aber bitte nicht Zeitarbeit, weil dabei die Personalbereitstellungsfirma verdient ordentlich. Der Arbeitnehmer zahlt. Sowas braucht man nicht.

Ich versteh das Problem nicht.

marksu
01
26.8.2010, 12:30
in einer gesellschaft wo der jungendwahn in jeder werbung propagiert wird,

werden es ältere menschen immer schwer haben.

das altern kann man nicht verhindern, aber erfahrung muss im job wieder anerkannt werden. diese jobs (handwerk) werden allerdings immer seltener.

die jobinhalte werden immer austauschbarer und viel beliebter ist das jobbild der jungen, dynamischen, flexiblen mitarbeiter, die bis zum umfallen ende dreissig tag und nacht durcharbeiten.

liebes oesterreich
00
26.8.2010, 00:25

In der Slowakei dürfen Frauen mit 50 in Regelpension gehen.....

KL
21
25.8.2010, 19:03

"Der ist unkündbar, und es gibt auch keinen Anreiz für den Mitarbeiter, sich weiterzubilden."

Stimmt! Nichts motiviert sosehr wie eine gehoerige Portion Existenzangst. Das Wort "Anreiz" so zu verwenden ist schon ein Zuckerl.

Verpflichtende Fortbildungen? Klingt theoretisch gar nicht mal schlecht.

Testweise sollte also bitte Herr Kramer in den naechsten Jahren eine Qualifikation in Sanskrit erwerben. Mal sehen wies um den Lernfortschritt so bestellt ist wenn er verpflichtend etwas zu lernen hat was ihn vielleicht gar nicht mehr interessiert.

Leute die zufrieden mit ihrem Beruf oder Taetigkeit sind arbeiten oftmals automatisch laenger. Fuer Leute mit solchen Jobs ist es leicht mehr zu fordern, fuer einen Kanalreiniger vielleicht weniger.

Petzi Petz
30
25.8.2010, 18:33
Hohes Gehalt im Alter?

Warum eigentlich? Wenn man jung ist, braucht man das Geld doch eher oder nicht? Junge Familie, Auto, Wohnung. Ältere bekommen selbst nur wegen abgesessenen Jahren mehr Gehalt bei gleicher Leistung. Und das Argument "Erfahrung" zählt nicht in jedem Bereich: wir haben Technikerinnen, frisch von der Ausbildung mit neuestem Wissensstand, bekommt die Hälfte bezahlt wie eine andere Anfang 50, die jedoch nicht mehr bereit ist, sich tatsächlich weiterzubilden. Doch aufgrund ihres Alters und der Jahre wird man sie praktisch nicht mehr los. Die junge Kollegin kommt sich aber auch veräppelt vor weils die Arbeit der andern mitmachen muß. Das ist doch schrecklich für alle Beteiligten oder seh ich das falsch?

okami
00
26.8.2010, 15:58
Sie sehen das nicht falsch, sondern unvollständig

Es gibt nämlich (viele!) Menschen, die zu sehr geringen Einstiegslöhnen zu arbeiten begonnen haben, mit dem Versprechen der zukünftigen Steigerungen. Das Versprechen wird schlicht nicht eingelöst.

Und: es geht um das Gesamteinkommen während des gesamten Lebens und das soll nicht nur anders/gleichmässiger verteilt werden sondern das soll insgesamt verringert, also letztlich doch anders verteilt werden.
Nämlich von denen die es bekommen sollten zu denen, die es nicht zahlen wollen.

sonne-licht
 
00
25.8.2010, 18:10
diskreminierungen am arbeitsmarkt

du bist zu qualifiziert,
meistens wannst was in der firma verbessern willst
du bist ein mann im kaufmännischen bereich werden frauen bevorzugt, dank heini-hossek, oder du bist schon mit 40 jahren zu alt da junge billiger sind bzw. mehr subventioniert werden vom staat!

zerst sollens die erarbeiteten jahre qualifikationen und erfahrungen in einer branche akzeptieren und gerecht entlohnen, die unternehmer bevors immer fordern!

des gehört gesetzlich festgelegt, ahso des wärs ja schon!

und jetzt an die pension denken, so ein blödsinn, die durchrechnungszeiträume ändern sich alle "damlang" des ist reine spekulation was in zehn oder zwanzig jahren ist geschweige den in 30 jahren!

per verser
00
25.8.2010, 18:01

der neoliberale marktfaschismus sieht vor, daß die gruppe der "neuen selbstständigen" sich ab 50 drastisch vergrößert - damit die älteren die chance kriegen, sich aus eigener kraft die fetten pfründe zu erwirtschaften und chefis zu werden.

tramezzino
10
25.8.2010, 17:45
automatische gehaltsvorrückungen

gibt´s nur mehr bei beamten. bei angestellten hat man in einer gruppe vielleicht 3 oder 4 vorrückungen und dann ist´s aus.

Auf dem Narrenschiff
00
25.8.2010, 21:49
Und wenn man was kann,

rückt man in die nächste Gruppe und dann gibts wieder 5 Vorrückungen!

philippe glatz1
00
25.8.2010, 17:06
"Der ist unkündbar, und es gibt auch keinen Anreiz für den Mitarbeiter, sich weiterzubilden."

So ein Bloedsinn. Mitarbeiter, die sich weiterbilden, tun das in der Regel aus Interesse und nicht dem Arbeitgeber zu Gefallen. Das waere zu viel der Buckelei. Einer, der seit laengerer Zeit immer die gleiche Taetigkeit ausuebt muss ja wohl Lust auf Veraenderung bekommen.

doublefuzzy
00
25.8.2010, 16:52
wahnsinn, was fuer kalauer, das haette auch jede/r passantIn ...

... so irgendwie vor sich hingrummeln koennen!

Werkzeug
 
00
25.8.2010, 16:51
Werkzeug
 
00
25.8.2010, 16:38
Man kriegt jeden los aber man läßt nichts aus um Arbeitnehmerrechte abzuschaffen

Der Starke braucht nicht geschützt zu werden es ist
der Schwache der des Schutzes bedarf.
Arbeiter kosten im Alter das doppelte?
Angestellte kosten im Alter das doppelte?
Wie viele Arbeitslose55+ sind Akademiker im Verhältnis zu anderen AN.Bitte Daten mit Quellennachweis!
Weiterbildung bis wohin und wofür?Um dann von einer
Facharbeiterschwemme oder sonstigen Schwemme
zu sprechen.
Wenn alle Akademiker werden, dann würden die meisten von diesen um €900 arbeiten.
Und im Alter kriegen sie einen geringfügigen um €450
bis zum 70 Lebensjahr.
In diesem Falle sind die Pensionen doch gesichert
oder ist das jetzt kontraproduktiv?
Man könnte ja noch die Kranken auf einen nicht vorhandenen Arbeitsplatz hin therapieren um sie an
Flucht zu hindern.

Der Querdenker
02
25.8.2010, 16:31

Ich habe Angst den Herrn Helmut Kramer mit seinen Vorschlägen nicht so leicht loszuwerden

okami
00
26.8.2010, 15:53
Hab ich mir auch schon gedacht ;-))

tigermuecke
04
25.8.2010, 15:32

Wenn Ältere leicht gekündigt werden können, hat auch der Staat etwas davon, denn die Pension wird u.a. aus dem Durchschnitt der letzten 15 Jahre berechnet, sinkt also entsprechend. Es gibt sicher auch zu wenige Unternehmen, die Ältere anstellen wollen, wer reißt sich z.B. schon um eine Sekretärin über 50? Auch die Arbeitsumgebung in Industrieunternehmen hat sich in den letzten 10 Jahren sehr geändert - oberstes Prinzip ist Kosten sparen, dazu immer schnellere und mehr Leistung für weniger Gehalt, verstärktes Mobbing etc. Leute über 50 sind dadurch oftmals ausgebrannt und froh in Pension gehen zu können. Die Arbeitsbedingungen sollten zuerst geändert werden, damit Leute gerne länger arbeiten.

Mork vom Ork
02
25.8.2010, 16:35

Sie sind also experte in der Beurteilung von Bürokräften und Industriearbeitsplätzen.

Soso, die Leute werden immer mehr ausgebrannt...

Nur merkwürdig, dass gleichzeitig der Gesundheitszustand und die Lebenserwartung immer mehr steigen, die Massenkrankheiten immer noch Alkohol und Zigaretten als ursache haben, die ZAhl der Arbeitsunfälle konstant sinkt usw usf.

Irgendwie hab ich schon das gefühl, dass die Freizeit für so manchen Gesundheit gefährlicher ist als die Arbeit ;)

"WILLKOMMEN" - im Sumpf der Verblödung!
 
05
25.8.2010, 15:29
die armutsfalle für einen großen teil der bevölkerung wird geöffnet.

von der erwerbstätigkeit in die arbeitslosigkeit bis hin zur mindestsicherung wird für viele ein vorgezeichneter lebensweg sein.

auch besser ausgebildete wird es treffen, da auch diese ab einer gewissen altersschwelle in der gesamten kosten-nutzen-rechnung nicht mehr finanziell rentabel sind.

durch längere zeiten der erwerbslosigkeit werden dann viel mehr leute in der mindestpension landen, als sie selbst vermutet hätten.

eine realität die ein wenig zynisch klingt, doch dieses system wird so etwas leichter finanzieren lassen.

Wolfgang56
09
25.8.2010, 15:21
Was soll das?

Jahrelang waren die "heutigen alten Eisen" gut genug um den Unternehmen Profite / Dividenden zu erwirtschaften, wenn einer dann über 50 ist, der ist zu alt, etc., der muß weg!
Dann steht er beim AMS oder sonstwo, Jobs gäbe es, aber zu alt!
Solange hier keine brauchbare Lösung für das Problem existiert, braucht man nicht über Heraufsetzung des Pensionsalters, ältere länger im Job halten, etc., diskutieren.
Ältere Arbeitnehmer sind leistungswillig, sofern sie von den Unternehmen nicht kaputt gemacht wurden und möchten bis zur Pension arbeiten. Laßt sie doch und hört mit den Verunglimpfungen (Tachenierer, etc) einmal auf!

st.laurent
00
25.8.2010, 18:23
zu ergänzen ist noch, dass die leistungsfähigkeit und ertragsorientierung

bei älteren, die in einem normalen und gesunden (betrieblich gesehen) unternehmen arbeiten merkbar höher sind. ein weiterer gesichtspunkt sind das wirtschaftliche verständnis, die übersicht und ganz wichtig die art und weise des umgangs mit den kunden.

José Atento
30
25.8.2010, 14:49
<Bei uns gilt es noch immer als etwas Negatives, wenn man im Alter einer Beschäftigung nachgeht. >

Diese Einstellung sollte man grundlegend änden. Wie? Durch Anreize!

Gehaltssprünge, die nur aufgrund des Alters passieren müssen dringend weg. Das widerspricht der Tatsache, dass die Leistungsfähigkeit im Alter deutlich nachlässt. Der Stand der Bildung (technologischer Fortschritt!) sinkt oft ebenfalls mit dem Alter.
Das wird mit der Erfahrung jedoch annähernd kompensiert. Aber wieso sollt man mit 60 J. viel mehr verdienen als z.B. mit 40?

Der Kündigungsschutz sollte jedenfalls gleich sein wie bei Jüngeren. Ältere sollten auch flexiblere Arbeitsmodelle (Teilzeit, etc.) wählen können.

Unser System basiert auf dem Lebensmodell 'Auf Pump leben'. Da kann man oft im Alter nicht so einfach zurückstecken, wie es natürlich wäre...

philippe glatz1
01
25.8.2010, 17:09

Wenn jeder schon in jungen Jahren genug verdient, gibt es keinen Grund fuer Erhoehungen auf Grund des Alters. In der Regel ist es aber so, dass die Jungen auf Grund ihrer Jugend zu wenig verdienen. Also irgendwann sollte jeder schon gerecht und seiner Leistung entsprechend entlohnt werden.

José Atento
00
27.8.2010, 23:29

Das Gehalt kann auch bis 40 oder 50 Jahre durchaus steigen. Aber dann ist es angebracht dem Alter entsprechend zurückzustecken und auch vom Gehalt wieder Abstriche zu machen. Das wäre nur fair gegenüber den Jungen, die in solch einem Modell schon mehr verdienen könnten. Besonders in dem demographischen Problem, in dem wir stecken, ist das gegenwärtige Modell vollkommen falsch.

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