"Wir müssen jetzt schon kämpfen"

30. August 2010, 10:32
726 Postings

Die 24-Stunden-U-Bahn verärgert die Wiener Taxifahrer - Lokalaugenschein zwischen Angst, Trotz und Nostalgie

Wien - Antonio biegt gerade in die Wiener Ringstraße ein, und sein Motor klingt irgendwie wütend. Wenn man ihn fragt, was er von der neuen Nacht-U-Bahn hält, weiß man warum. "Ich hoffe, die Leute werden reinspeiben. Ich hoffe, es gibt tausend Probleme", sagt der kleingewachsene Taxifahrer mit dem dichten, schwarzen Haarschopf zum Gelächter seiner Kollegen.

Freitag, 24 Uhr, Taxistand am Stubenring. Antonio, gebürtiger Serbe - "eigentlich heiße ich Duje, aber sagen Sie Antonio" -, gesellt sich zu seinen Kollegen, die rauchend an ihren Autos stehen. Es ist das letzte Wochenende ohne neue Konkurrenz. Das gemeinsame Feindbild ist leise, gut vernetzt und meist pünktlich: die Wiener U-Bahn. "Die Junkies, die Alkoholiker, die da unten sein werden", schimpft Antonio. "Die meisten Frauen trauen sich dann eh nicht fahren", so hofft er zumindest.

Manche Kollegen stimmen ihm lauthals zu, andere stellen die bange Frage: Wie viele Kunden verlieren wir an die 24-Stunden-U-Bahn? Wie viel Geld, das bisher in Taxis blieb, versickert im Untergrund?

Taxi-Innung rechnet mit Einbußen

Fest steht: Ab 3. September wird die U-Bahn jede Freitag- und Samstagnacht und vor Feiertagen durchfahren. In den Nachtstunden macht sie alle 15 Minuten Halt. Das Streckennetz von 70 Kilometern, befürchten Standesvertreter, könnte den Taxis wertvolle Wege beschneiden. "Auf jeden Fall gibt es Einbußen", prophezeit Christian Gerzabek, Innungsobmann der Wiener Taxiunternehmer, im Gespräch mit derStandard.at. Spätnachts werde sich das Geschäft in die Außenbezirke verlagern, die Fahrten werden kürzer - und damit weniger profitabel.

Der 24-Stundenbetrieb wird laut Stadt Wien 5,1 Millionen Euro pro Jahr kosten, Gerzabek rechnet mit weit mehr. "Um das Geld könnte man zwischen ein und vier Uhr in der Nacht ja jedem Gast ein Taxi zahlen", bezweifelt Gerzabek die Wirtschaftlichkeit. Sein Fazit: "Ein Wahlkampfgag."

Das junge Partyvolk jubelt

Damit spricht er Taxilenker Antonio am Stubenring aus der Seele. Der redet sich unter dem Johlen der anderen Fahrer richtiggehend in Rage: "Am Anfang wird‘s ein großes Trara geben, alles schön geputzt. Das erste Mal wird der Häupl mitfahren. Meine Stimme kriegt er sicher nimmer."

Vom jungen Partyvolk, das die Wiener Innenstadt kolonisiert, hört man anderes. Bis weit nach Mitternacht flanieren rund um den Schwedenplatz kichernde und turtelnde, zuweilen auch lallende und torkelnde Menschengruppen. "Sicher werden wir in der Nacht mit der U-Bahn fahren. Dann können wir auch zwischen den Clubs wechseln", sind sich zwei Schulkolleginnen in engen, schwarzen Kleidern schnell einig. Angst vor finsteren Gesellen in der U-Bahn hätten sie keine.

Vor allem Schüler, Lehrlinge und die sprichwörtlichen armen Studenten werden den Taxifahrern eher nicht die Treue halten. Freitag und Samstag sind die stärksten Tage im Taxigeschäft. Hunderte Wagen kreisen um die Lokalmeilen der Innenstadt. Zumindest vorläufig noch.

Zwischen Zweckoptimismus und Existenzangst

Zurück am Taxistand Stubenring: Radek Bostik zupft sich gerade eine rote Gauloise aus seiner Brusttasche. "Ich bin Nachtfahrer", sagt er, lässig an seine E-Klasse gelehnt, "aber ich habe keine Angst vor der Nacht-U-Bahn." Dann erzählt der bullige Mittdreißiger mit dem weit aufgeknöpften Hemd von seiner Nachtroute. Die fängt an bei der teuren Innenstadtdisko "The Box" und führt ihn später in den 21. oder 22. Bezirk, dann zu den Großraumdiskos der Randbezirke, bis er sich langsam wieder dem 1. Bezirk nähert. "Ich geh nicht Kaffee trinken, ich plauder nicht. Ich mache mein Geschäft", sagt Radek. "Und ich lass mich nicht überholen."

Während er sich wieder hinters Steuer wuchtet, ruft er noch: 220 Euro Umsatz mache er pro Nacht, was ihm nicht alle Taxifahrer glauben. Kollege Antonio blickt Radeks Mercedes sorgenvoll nach. Er sieht die Zukunft düsterer: "Wie sollen wir Taxler unsere Rechnungen bezahlen? Wir kämpfen eh schon ums Überleben. Aber bitte, wenn's in Wien mehr Arbeitslose wollen."

"Haben alle Stürme überlebt"

Die politische Debatte hat Antonio genau verfolgt: 54 Prozent hatten bei der Wiener Volksbefragung im Februar für die Nacht-U-Bahn gestimmt. Wenn es nach ihm ginge, hätten die Taxilenker den Aufstand geprobt. "Wenn wir, 5000 Taxler, auf der Ringstraße im Schritttempo bis zum Parlament fahren", schwärmt er, "und dann weiter zum Rathaus und ein Hupkonzert machen - das hätte sicher was genutzt." Dann braust er mit einem Auftrag davon.

So schwanken Wiens Taxichauffeure zwischen Schwarzmalerei und trotzigem Optimismus. Der 43-jährige Goran Buzejka ist zuversichtlich. Er habe sich vorbereitet und mit fast allen seinen Kunden über die Nacht-U-Bahn geredet. "Ich habe eine Umfrage gemacht, vor allem mit weiblichen Fahrgästen. 90 Prozent sagen, sie werden nicht umsteigen." Ein paar Kilometer weiter, im 2. Bezirk, lauert Slobodanka Radisavljevic vor dem "Praterdome" auf Fahrgäste mit schweren Beinen. Auch sie sagt: "Ich fahre seit 1985 und habe viele Stürme erlebt. Als die Nachtbusse kamen, haben auch schon alle schwarzgemalt."

Kürzere Wege, weniger Geschäft

Es stimmt schon: Der Taxifahrer, der goldenen Zeiten nachweint, gehört zum Inventar des Wiener Nachtlebens. Doch das Lamentieren hat auch seinen Grund: Taxifahren war früher tatsächlich ein besseres Geschäft. Seit in den 80er Jahren die sogenannte Bedarfsprüfung abgeschafft wurde, stieg die Zahl stetig, auf derzeit 4340 Taxikonzessionen für rund 6000 Lenker. Gleichzeitig wurde das Öffi-Netz immer dichter. "Es ist dasselbe wie bei den Fiakern: Ein Traditionsgewerbe kommt unter die Räder", warnt Innungsobmann Gerzabek. 1500 Autos zu viel seien unterwegs. "Es ist schon jetzt ein beinharter Verdrängungswettbewerb."

Auch Gerald Grobfeld, stellvertretender Funkleiter der Taxizentrale "31300", sieht das Taxigeschäft im Umbruch. "Das Arbeitsbild ändert sich. Der Fahrer muss heute seine Zeit absitzen, und er muss ein bissl mitdenken und aktiver sein, um sich die Kunden zu suchen."

"Natürlich werden wir Geld verlieren"

Antonio ist inzwischen wieder in der Taxikolonne am Stubenring eingetroffen und rückt langsam einen Platz nach dem anderen vor. "Natürlich werden wir Geschäft verlieren", sagt Antonio, für einen Moment ganz ernst. Doch dann huscht ein Lächeln über sein Gesicht. "Na gut. Ich nicht, weil ich ein guter Fahrer bin."

Ein Funkspruch kommt rein. "So jetzt muss ich aber wirklich", sagt er und verschwindet in der Nacht. (Lukas Kapeller/derStandard.at, 30.8.2010)

  • Taxistand auf der Wiener Rotenturmstraße: Die Wege werden kürzer, 
der Markt enger.
    foto: kap

    Taxistand auf der Wiener Rotenturmstraße: Die Wege werden kürzer, der Markt enger.

  • Antonio begegnet der Nacht-U-Bahn mit Humor: "Wenn Wien mehr Arbeitslose will, bitteschön!"
    foto: kap

    Antonio begegnet der Nacht-U-Bahn mit Humor: "Wenn Wien mehr Arbeitslose will, bitteschön!"

  • Zweckoptimist Radek Bostik: "Ich fahre weiter die ganze Nacht durch."
    foto: kap

    Zweckoptimist Radek Bostik: "Ich fahre weiter die ganze Nacht durch."

  • "Sollen wir uns ein Taxi teilen", könnte auch vor dem Wiener "Praterdome" seltener gefragt werden.
    foto: kap

    "Sollen wir uns ein Taxi teilen", könnte auch vor dem Wiener "Praterdome" seltener gefragt werden.

  • Goran Buzejka hat gut lachen. "90 Prozent werden nicht umsteigen", vermutet er.
    foto: kap

    Goran Buzejka hat gut lachen. "90 Prozent werden nicht umsteigen", vermutet er.

  • Slobodanka Radisavljevic: "Seit 1985 alle Stürme überlebt."
    foto: kap

    Slobodanka Radisavljevic: "Seit 1985 alle Stürme überlebt."

  • Taxifahrer in Wien: "Beinharter Verdrängungswettbewerb."
    foto: kap

    Taxifahrer in Wien: "Beinharter Verdrängungswettbewerb."

Share if you care.