Ein Picknick wie ein Geschichtsunterricht

23. August 2010, 21:30
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Die Jungen des Lions Club riefen zum Revival jenes Picknicks, das im August 1989 dem Eisernen Vorhang den Garaus machte

Ein Lokalaugenschein an einem Ort, den sie aus dem Geschichtsunterricht kennen.

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Sopronkõhida - Die Jungen haben gerufen. Die Alten freuten sich, denn sie durften endlos reden, ja predigen. Und hätte das Ganze nicht doch auch eine aktuelle Dimension, es wäre eine bloße Randnotiz, dass das österreichisch-ungarische "LEO Europa Forum" am gestrigen Montag ein Picknick veranstaltete, halbwegs zwischen dem burgenländischen St. Margarethen und dem ungarischen Sopronkõhida, dort also, wo vor nunmehr schon 21 Jahren dem Eisernen Vorhang der Marsch geblasen worden ist.

Die LEOs sind die Jugendorganisation der im Club organisierten Lions, also jener löblichen Honoratioren, die ehrenamtlich den karitativen Gedanken pflegen. Erstmals haben zwei Länderorganisationen - Österreich und Ungarn - dieses Forum veranstaltet, Tagungsort ist Sopron, und weil das Motto des Jugendtreffs "Uniting People" lautet, lag die Sopronpuszta bei Sopronkõhida mehr oder weniger auf der Hand. Denn es war hier, dass die Völker eines ganzen Kontinents wieder zusammenfanden.

Am 19. August 1989 - das ist oft schon erzählt worden und wurde natürlich auch diesmal erzählt - hat die Paneuropa-Bewegung unter der Schirmherrschaft von Otto Habsburg und des damaligen ungarischen Staatsministers Imre Pozsgay ein "Picknick" an der Grenze veranstaltet, in dessen Verlauf knapp 700 DDR-Bürger auf die österreichische Seite durchbrachen. Árpád Bella, der diensthabende ungarische Grenzoffizier, verhinderte damals ein Blutbad. Und half so mit, dem Eisernen Vorhang, den er bewachte, den Garaus zu machen. "Nach diesem Durchbrechen", erklärte Tamás Fodor, der polgármester von Sopron, "war eine Wiedererrichtung des Eisernen Vorhangs einfach nicht mehr möglich."

"Nie verstehen müssen"

Die knapp 300 jungen Menschen, die hier im Gras hockten und auf die Produkte aus der Gulaschkanone warteten, kennen diese Geschichte klarerweise aus der Schule. Aber nicht aus eigener Anschauung, weshalb Gábor Buzási, der ungarische Präsident des Lions Club, nicht ganz zu Unrecht anmerkte, nachdem er vom Leben am und mit und hinter dem Eisernen Vorhang erzählt hatte: "Mein Wunsch ist es, dass ihr das alles nie verstehen müsst."

Im Grunde tun sich ja auch die Alten schon schwer, von heute auf damals zu denken. Aber immerhin haben sie noch ein Stück der alten Vision, können vergleichen. Und zum Beispiel das Ärgernis nachvollziehen, dass da, auf sozusagen historischem Boden, seit kurzem eine zwei Meter niedrige Höhenbegrenzung steht, welche die Durchfahrt von Traktoren verhindert, aber auch den Touristen ihre Räder vom Dachträger reißt.

Gerhard Steier, der neue burgenländische Landtagspräsident, ärgert sich ebenfalls, ist aber andererseits Politiker genug, um die Fährnisse des Geschäfts zu kennen. "Das ist ja eine Sache von Generationen." Das Zusammenwachsen, dessen Beginn vor 21 Jahren man da feierte, geht nur über die Köpfe. Anfangs sei man auf österreichischer Seite skeptisch gewesen, habe gebremst, nun gebe es das auch bei den Ungarn. Die haben sich bitter beklagt über zahlreiche Fahrverbote auf grenzüberschreitenden Feldwegen, "nun stellen sie selber so eine Barriere auf" . Steier ist, noch, SP-Bürgermeister von Siegendorf/Cindrof, das an das Gedenk-Areal grenzt. Und er gilt als prononcierter Grenzöffner, immerhin ist Siegendorf ein Soproner Vorort und profitiert mittlerweile auch, erzählt Steier, von ungarischen Unternehmern, die sich hier ansiedeln.

Auf solche Wechselseitigkeit hofft auch - oder gerade - Georg Habsburg, der Sohn von Otto, der seit 20 Jahren in Ungarn lebt. Damals war er bei der Ideenfindung für das Picknick dabei: "Mária Filep vom Demokratischen Forum hatte diese Idee, und als wir vom Essen aufstanden, war es fixiert."

Habsburg György vertritt seine - in Ungarn nicht immer wohlgelitten gewesene - Familie. Der frühere TV-Journalist ist Präsident des ungarischen Roten Kreuzes und Sonderbotschafter des Ministerpräsidenten. Und irgendwie, sagt er, freut er sich übers mitteleuropäische Zusammenwachsen. Immerhin wird da auch ein ums andere Mal über seine Familie geredet. So, no na, auch am Montag in Sopronkõhida. (Wolfgang Weisgram/DER STANDARD, Printausgabe, 24.8.2010)

  • Junge Menschen aus ganz Europa signierten am Montag das mobile Symbol der alten DDR. Vor einem Jahr konnte - siehe Fahrverbotstafel unten - der Trabi nicht nach Österreich hinüber.
    foto: standard/kretschmer

    Junge Menschen aus ganz Europa signierten am Montag das mobile Symbol der alten DDR. Vor einem Jahr konnte - siehe Fahrverbotstafel unten - der Trabi nicht nach Österreich hinüber.

  • Nun haben die Ungarn mit einer Höhenbegrenzung die Traktoren 
ausgesperrt.
    foto: standard/newald

    Nun haben die Ungarn mit einer Höhenbegrenzung die Traktoren ausgesperrt.

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