Genie und Wahnsinn

23. August 2010, 18:25
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Kaum zurück vom Faschistentreffen am Yakusuni-Schrein musste sich der Herausgeber von "Zur Zeit" auch schon der leidigen Aufgabe unterziehen, "Haiders dreckiges Erbe" in freiheitlichem Sinne aufzuarbeiten

Kaum zurück vom Faschistentreffen am Yakusuni-Schrein musste sich der Herausgeber von "Zur Zeit" auch schon der leidigen Aufgabe unterziehen, Haiders dreckiges Erbe in freiheitlichem Sinne aufzuarbeiten. Bis vor kurzem bereit, im Kärntner Sonnenuntergang bis zum letzten Atemzug um dieses Erbe zu kämpfen, versucht Andreas Mölzer nun, seinen deutschen Blutsbrüdern ostalpiner Fechsung beizubringen, dass man allmählich doch daran denken sollte, sich des Erbes zu entschlagen. Der Grund: Jörg Haider - zwischen Genie und Wahnsinn - ruinierte nicht nur fast das Dritte Lager, sondern betrog vielleicht auch um zig Millionen Euro.

Als Cesare Lombroso für karinthische Aborigines macht er dabei keine besonders gute Figur, weil er weder eine klare Grenze zwischen den beiden mentalen Befindlichkeiten Jörgs noch eine solche zwischen Jörg und dessen zum Wahnsinn ohne Genie tendierenden Nachfolgern zu ziehen vermag. Auf Seite 2 schiebt er alle Schuld auf die Medien im Sommerloch, die mit der von ihnen entfachten Debatte nur eines bewirkt haben sollen: Damit erweist sich der Bärentaler einmal mehr als der grenzgeniale oder auch grenzkriminelle Übervater.

Dieser Sympathiekundgebung wird er auf Seite 1 nicht ganz gerecht, wo er offen die Frage stellt: "System Jörg" - wo sind die Millionen? Und sie konsequent beantwortet: So ist es ein "dreckiges Erbe", welches die schillerndste Persönlichkeit des politischen Lebens der Zweiten Republik hinterlassen hat. Dabei hätte es durchaus nicht an Zeit und Gelegenheit gefehlt, dem sauberen und anständigen Erblasser in den Arm zu fallen. Auf die Frage, ob man in der FPÖ "überrascht" davon sei, daß der langjährige Parteiobmann Jörg Haider und sein engeres Umfeld womöglich Millionen-Betrüger sein könnten, lautete die simple Antwort eines führenden Proponenten des Dritten Lagers: "Nein, sind wir Freiheitlichen nicht wirklich."

Wie auch, wo doch bereits seit dem Jahr 2000, also seit Beginn der von Haider angeführten freiheitlichen Regierungsbeteiligung Gerüchte um eine Art "System Jörg" die Runde machten? Bedauerlicherweise handelte es sich dabei um Gerüchte, die niemand dingfest machen konnte - weder die Justiz, die mediale Öffentlichkeit, noch der politische Gegner, aber auch der innerparteiliche Flügel national-freiheitlicher Proponenten nicht. Einmal probiert?

Schade. In dieser allgemeinen Unfähigkeit, Gerüchte dingfest zu machen - die Justiz tut sich damit noch heute schwer -, entpuppte sich der Flügel national-freiheitlicher Proponenten als einziger ungerupft, weil der in seinem Unbehagen und in seiner Form als Kern der Partei und des Lagers schließlich Haider und seine Vasallen in die Parteiabspaltung des Jahres 2005 drängte. Genauso war es! So wie damals die Gebrüder Scheuch Haider und seine Vasallen in die Parteiabspaltung drängten, wird als heroisch-germanische Leistung umso besser in Erinnerung bleiben, als sie schon damals bei näherer Betrachtung eine Art reinigendes Gewitter darstellte und das Dritte Lager vom "System Jörg", also den Haiderschen Machenschaften, befreite.

Restbestände leisten dieser Befreiung allerdings noch Widerstand. So antwortete der national-freiheitliche Oberproponent Strache in "Österreich" vom Sonntag auf die Frage Ist Ihr Haider-Bild zerkratzt? voll Mut zum Bad Goiserner Blut: Nein, denn was man erlebt, ist eine Schlammschlacht in Richtung eines Toten. Dass sich an dieser Schlammschlacht in Richtung eines Toten auch die Untoten im freiheitlichen Wochenblatt beteiligen, dämpfte den Mut ein wenig. Auf die Frage, ob er Haider in dieser Schlammschlacht verteidige, meinte er züchtig: Nein, auch nicht. Ich bin natürlich für Aufklärung, nur halt ohne Schlamm.

Mölzer sollte sich an Peter Gnam von der "Krone" ein Beispiel nehmen, wenn es ums Unschuldsvermuten geht. Endlich scheint auch das "profil" draufgekommen zu sein: Jörg Haider war zwar bis zu einem gewissen Grad der Drahtzieher der ganzen Hypo-Geschichte, doch in U-Haft sitzt jetzt ein anderer. Nicht nur, weil der eine tot ist. Haider selbst würde - auch wenn er noch lebte - der Justiz vermutlich durch die Lappen gehen, denn gefinkelt wie er war, hat er andere für sich arbeiten (und unterschreiben!) lassen.

Genie und Wahnsinn eben. Was Jörg Haider betrifft, so wird die Jagdgesellschaft weiter keine Ruhe geben. Ruhe in dieser Frage ist seit Wochen nur den Leserbriefschreibern der "Krone" verordnet. Sie sollen sich nicht an der Schlammschlacht beteiligen. (Günter Traxler, DER STANDARD; Printausgabe, 24.8.2010)

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