"Verletzen der Distanzzone ist eine Machtgeste"

24. August 2010, 10:19
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Mechanisches Lächeln oder die Verletzung des Respektabstands zu anderen sind Verhaltensweisen, die Menschen dazu einsetzen um Macht zu demonstrieren, erklärt Körpersprachexperte und Autor Jan Sentürk im derStandard.at-Interview

derStandard.at: Was sind typische Machtgesten im Berufsalltag?

Sentürk: Die häufigsten Machtgesten, die sich beobachten lassen, sind ein reduzierter Blickkontakt, mechanisches Lächeln, relativ knappe Gesten sowie die selbstverständliche "Inbesitznahme" des Raumes. Dazu gehört auch die Ausweitung der eigenen Distanzzone beziehungsweise die Verletzung der Distanzzonen anderer - ein Verhalten, das im "normalen" Alltag als unhöflich gilt.

derStandard.at: Was bedeutet die Beschäftigung mit anderen Dingen, während jemand spricht, ein mechanisches Lächeln, oder ein reduzierter Blickkontakt genau?

Sentürk: Dies sind Zeichen, dass ein Mensch sich auf für ihn wichtigere Dinge konzentriert. Ein reduzierter Blickkontakt beispielsweise kann generell auch Ausdruck von Verlegenheit sein. Bei einer Führungspersönlichkeit ist es möglicherweise jedoch ein Zeichen dafür, dass der Gesprächspartner (im Augenblick) weniger wichtig ist, weshalb man ihm nur gerade so viel Aufmerksamkeit zukommen lässt, wie nötig oder wie die Höflichkeit es verlangt. Ein anhaltender Blickkontakt ist oft ein Zeichen für den Wunsch nach Kontaktaufnahme, Austausch - eben irgendeiner Form von Reaktion. Menschen in Machtpositionen haben dafür keine Zeit und haben so etwas nicht nötig - oder glauben es zumindest.

derStandard.at: Welche Unterschiede in der Körpersprache gibt es zwischen Frauen und Männern?

Sentürk: Männliche Gesten unterscheiden sich von weiblichen unter anderem durch den beanspruchten Raum: Männer führen ihre Bewegungen im Allgemeinen größer und raumgreifender aus, während Frauen eher bereit sind, auf Raum zu verzichten. Steht ein Mann mit den Füßen hüftbreit auseinander, stellt eine Frau ihre Füße direkt nebeneinander. Reicht eine Frau zum Gruß ihre Hand, liegt die Hauptbewegung ihres Arms im Ellbogen; beim Mann liegt sie im Schultergelenk. Ein Mann holt weiten Schrittes aus, Frauen neigen zu kleineren Schritten. Männer drängeln, stoßen und schubsen eher und fassen andere in Einzelfällen wesentlich selbstverständlicher an, als Frauen dies tun würden. Würden Frauen ein solches Verhalten an den Tag legen, würde man sie vermutlich schnell als ruppig, maskulin oder machtgierig bezeichnen, während Männer als durchsetzungsstark angesehen und akzeptiert werden.

derStandard.at: Ist fehlende Rücksicht auf Distanzzonen ein typisch männliches Verhalten?

Sentürk: Nicht jeder Mann verletzt die Distanzzonen anderer; doch es kommt deutlich häufiger vor als bei Frauen. Die männliche Körpersprache ist generell raumgreifender und "ausladender". So gehören beispielsweise Gesten mit geöffneten Beinen - breitbeiniges Sitzen oder Stehen sowie weitere Formen von "Genitalpräsentation" - in das männliche Repertoire.

Der Herr, der einer Dame die Tür aufhält, um sie zuerst hindurch gehen zu lassen und ihr dabei wie selbstverständlich die Hand auf den Rücken legt, um sie so förmlich hindurch zu geleiten, ist zwar höflich - doch er verletzt dabei die in unserer Kultur geltende Intimdistanz. Und beim Handgruß - die einzige, bei uns in geschäftlichen Zusammenhängen akzeptierte körperliche Berührung - schießen Männer ebenfalls leichter "über das Ziel hinaus": Dann nämlich, wenn sie ihrem Gesprächspartner entweder die Hand an den Unterarm legen oder ihn in ihre eigene Intimdistanz "ziehen". Man sieht dies z. B. bisweilen bei hochrangigen Politikern, die auf diese Weise ihren Machtanspruch verdeutlichen.

derStandard.at: Eine Führungsperson wird nicht ernst genommen - ist es nicht zu einfach den Grund auf die Körpersprache zu reduzieren?

Sentürk: Das wäre es in der Tat. Dennoch sind es meiner Ansicht nach vorrangig Softskills, die zu unserer Bewertung beitragen. Setzen wir mal voraus, dass die vorhandene Fachkompetenz sowie das äußere Erscheinungsbild keinen Anlass zur Kritik geben, bleiben nämlich meist nur noch diese übrig: Neben der Körpersprache gehören dazu unter anderem Autorität, die Kommunikationsfähigkeit und Redegewandtheit, die Bereitschaft, sich selbst in Frage zu stellen, Authentizität sowie eine Reihe weiterer Charaktereigenschaften.

Allerdings bin ich davon überzeugt, dass sich wesentliche Charakterzüge und Fähigkeiten immer auch in unsere Körpersprache übertragen beziehungsweise sich durch sie ausdrücken werden: Wer keine Entscheidungen treffen kann, dessen Körpersprache wird vermutlich auch nicht zielgerichtet und klar wirken. Wer ständig auf seinem Stuhl hin und her rutscht, hat keinen festen Standpunkt und wer unbeholfen auf der Stelle tritt, weiß oftmals nicht, wie es weitergehen soll.

derStandard.at: Sie schreiben in Ihrem neuen Buch, dass Menschen in Führungspositionen im Laufe der Jahre ein anderes Kommunikationsverhalten entwickeln. Was sind die offensichtlichsten Veränderungen?

Sentürk: Nehmen Sie Vorstandsvorsitzende großer Unternehmen, Führungskräfte aus der Wirtschaft, Diplomaten, Politiker: Sie alle sind über viele Jahre einen harten Weg gegangen, um ihre jetzige Position zu erreichen. Neben fachlichen Kompetenzen waren und sind sowohl der Ehrgeiz, die Zielstrebigkeit als auch der Wille und die Fähigkeit zur Macht bei ihnen notwendige Charaktereigenschaften, die sie meist von vornherein mitbringen. Nahezu zwangsläufig entwickelt sich über die Jahre ein Verhalten, das sich auf Wesentliches fokussiert, (z. B. beim Blickverhalten), Beiläufigkeiten ignoriert, (z.B. Unterbrechung anderer, um selbst zu reden), wenig vom eigenen Inneren preisgibt, (z. B. mechanisches Lächeln), sich fraglos den Raum nimmt, der im Augenblick notwendig erscheint, sogar scheinbar belanglose Handlungsanweisungen wie einen Befehl äußert ("Setzen sie sich hier hin!"), und damit deutliche Signale der Macht sendet.

derStandard.at: Wie schwierig ist es, sich angelernte Körpersprache wieder abzugewöhnen oder neue Gewohnheiten zu erlernen? Schließlich hat Körpersprache ja auch mit der eigenen Persönlichkeit zu tun.

Sentürk: Genau, Körpersprache ist immer die äußere Darstellung unserer inneren Haltung. Das heißt also auch, dass unsere normale Körpersprache kein bewusster Prozess ist. Sie "geschieht" ganz einfach. Wollen wir uns etwas ab- oder angewöhnen, kann dies durchaus eine Herausforderung sein; dazu braucht es Übung. Wichtig ist, dass man versteht, aus welchem Grund man diese oder jene Geste häufig benutzt: Verlegenheit, Unsicherheit, Aggression? Wer beispielsweise oft den Zeigefinger einsetzt, wirkt auf andere leicht schulmeisternd. Was passiert, wenn man plötzlich darauf verzichtet? Fühlt man sich womöglich unwichtig oder hat Angst, die anderen hörten nicht mehr zu?

Eine wesentliche Änderung unserer Körpersprache wird immer mit einer Veränderung der inneren Haltung einhergehen. Wie schwer das für jeden Einzelnen sein mag, lässt sich nicht sagen - das hängt sicher auch davon ab, wie sehr man das will. Doch unberührt lässt es uns nicht. (derStandard.at, 24.8.2010)

JAN SENTÜRK ist Experte für Körpersprache und Kommunikation. Der deutsche Redner, Trainer und Autor zahlreicher Veröffentlichungen verbindet seine Kenntnisse aus jahrelanger Aktivität im freien Theater mit seinen Erfahrungen in Marketing und Verkauf. Seit 2000 lehrt und unterrichtet er an der Kasseler Akademie für Absatzwirtschaft. Sein aktuelles Buch "Positive Körpersprache - Entdecke die Sprache des Lebens" ist im Mai 2010 bei businessvillage - Verlag für die Wirtschaft, Göttingen erschienen.

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Website des Autors mit Videobeispielen zu Körpersprache

  • Beispiel: Chef verletzt Distanzzone seiner Mitarbeiterin
    foto: jan sentürk

    Beispiel: Chef verletzt Distanzzone seiner Mitarbeiterin

  • Jan Sentürk
    foto: jan sentürk

    Jan Sentürk

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