Wie lange die Information "satt" vom Magen ins Gehirn braucht und was Hormone damit zu tun haben - Die Essgeschwindigkeit beeinflusst unseren Körper
Schnelles Essen ist ungesund, sagen Großeltern heute noch und vom
Fast Food halten sie sowieso nichts. Sind die mahnenden Worte nur eine
verstaubte Ansicht über Ernährungsgewohnheiten oder hat die
Ess-Geschwindigkeit tatsächlich Einfluss auf unsere Gesundheit?
Griechische Forscher haben heuer im Journal of Clinical Endocrinology
& Metabolism eine Studie veröffentlicht, in der sie den Einfluss
der Essgeschwindigkeit auf das Sättigungsgefühl untersucht haben. Das
Ergebnis: die Konzentration zweier Hormone, die dem Körper Sättigung
signalisieren, stieg bei den Versuchspersonen tatsächlich an, wenn die
Mahlzeit langsamer gegessen wurde. Auch das individuelle
Sättigungsgefühl der Probanden war nach 30 Minuten größer als nach fünf
Minuten. Laut diesem Experiment bekommt das Gehirn also bei einer
langsamen Mahlzeit früher die Information, dass der Körper satt ist -
eine Information, die für Menschen mit Gewichtsproblemen sicher relevant
ist, denn schnell macht auch schneller dick.
Auch ältere Studien haben sich mit dem Thema beschäftigt:
Wissenschafter der Osaka University haben 2008 die Essgewohnheiten von
rund 3.000 Menschen untersucht: Sie schätzten, dass sich das Risiko von
Menschen übergewichtig zu werden mehr als verdoppelt, wenn Essen
hinunter geschlungen wird. Männer, die dazu neigten hastig zu essen,
hatten in dieser Studie sogar ein um 84 Prozent höheres Risiko
übergewichtig zu werden.
Sättigungsgefühl kommt später im Hirn an
"Beim Essen setzt das Sättigungsgefühl erst nach 20 Minuten ein -
egal wie viel bereits zu sich genommen wurde", bestätigt auch Alexandra
Hofer, Ernährungswissenschafterin der
Österreichischen Gesellschaft für Ernährung (ÖGE). Das Sättigungssignal
gehe dabei vom so genannten ventromedialen Hypothalamus aus, der als
Sättigungszentrum bezeichnet wird. Die Regulation erfolgt über
Verdauungshormone wie Cholezystokinin, Serotonin und Leptin. "Wird mit
hoher Geschwindigkeit gegessen, ist die gegessene Menge bis zur
Sättigung höher als bei langsamer Nahrungsaufnahme. Schnelles Essen
führt folglich zu höherer Kalorienzufuhr. Unter diesen Umständen kann
Übergewicht entstehen."
Essbremse im Gehirn
Wie wichtig das Sättigungsgefühl für gebremstes Essen ist,
untersuchte die Psychiaterin Diana Small von der Yale University: Sie
untersuchte die Gehirnregion des Mandelkerns, die für unkontrolliertes
Weiteressen eine Rolle spielt, bei stark übergewichtigen und
normalgewichtigen Menschen. Sie fand heraus, dass übergewichtigen
Menschen quasi die Stopptaste für Sättigung in dieser Gehirnregion
fehlt.
Weiter Nachteile zu schnellen Essens
Durch intensives Kauen ballaststoffreicher, pflanzlicher
Nahrungsmittel wie Vollkornbrot, Gemüserohkost oder Obst wird die
vermehrte Bildung von pufferndem, alkalischen Speichel angeregt, der der
Vorverdauung und der Zahnerhaltung dient. "Dieser positive Effekt kommt
nicht zustande, wird die Nahrung nur kurz gekaut und zu schnell
geschluckt", so Hofer. Ballaststoffreiches Essen solle Fast Food
vorgezogen werden, da letzteres sowohl sehr leicht schnell geschluckt
werden kann, als auch der positive Effekt nicht hervorgerufen wird. Auch
unangenehmes Völlegefühl, Magenschmerzen und Sodbrennen sind negative
Folgen für Schnellesser.
Wissenschafter und Ernährungsexperten geben den Großeltern also
recht. Beim nächsten gemeinsamen Mahl am Esstisch sollte man den gut
gemeinten Rat also beherzigen und ihn nicht mit einem milden Lächeln
abtun. Nicht immer war die Fähigkeit schnell zu essen aber unbedingt ein
Nachteil: Früher mussten Menschen für schlechte Zeiten vorsorgen - das
langsamer eintretende Sättigungsgefühl war also ein evolutionärer
Vorteil, weil es die Möglichkeit bot Fettreserven für Zeiten anzusetzen,
in denen das Nahrungsangebot mager war. (derStandard.at, 2.9.2010)