Das Leben kennt kein Happy End

23. August 2010, 17:47
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Der Rechtsanwalt Ferdinand von Schirach untersucht in knapper Prosa "Schuld"

Wien - 2009 veröffentlichte der Berliner Strafverteidiger Ferdinand von Schirach mit dem Band Verbrechen eine Sammlung von Kurzgeschichten, die im Feuilleton bald als literarische Sensation gehandelt wurden. Obendrein verkauften sie sich sensationell gut. In einer Branche, die auch dank des Vormarschs der elektronischen Medien in arge Bedrängnis zu geraten droht, ist das nichts Geringes.

1964 in München als Enkel des NS-Gauleiters für die "Ostmark", Baldur von Schirach, geboren, musste sich der Jurist wohl nicht erst literarisch mit dem Begriff der Schuld auseinandersetzen. Schuld, den zentralen Begriff des Strafrechts, hat von Schirach nun auch als Titel seiner 15 neuen im Piper-Verlag erschienenen Kurzgeschichten gewählt.

Zwar ist es wahrlich kein neues Phänomen, wenn sich Anwälte mit der dichterischen Verarbeitung ihrer beruflichen Konflikte und Nöte wie auch Frustrationen und ihrem Zorn emotional zu entlasten suchen. Die US-Autoren John Grisham oder Andrew Vachss etwa schreiben sich mit Gerichtssaalthrillern und Rachekrimis ihren Frust aus dem Laptop. Auch die etwas unübersichtlich geratene deutschsprachige Krimiszene ist von diversen schreibenden Rechtsanwälten recht munter bevölkert.

So kunstvoll und präzise knapp wie Ferdinand von Schirach ist das Umkreisen der großen Menschheits- und Strafrechtsfragen allerdings noch keinem Kollegen gelungen. Von Schirach erhebt sich in keinem Moment über seine Protagonisten. Wie man hört, fußen seine Geschichten doch zu einem erheblichen Teil auf Fällen, die von Schirach beruflich zu betreuen hatte.

Die schlanken und emotionslos erzählten Tatbestände sowie das Vorher und Nachher der Gerichtsprozesse versucht er auf das Wesentliche einzudampfen. Ursache und Wirkung, die Storys hinter den Tatbeständen, werden von Ferdinand von Schirach mit dem Kunstgriff der Reduktion auf ihren Nukleus eingedampft, wie man es sonst nur von großen US-Autoren wie Raymond Carver kennt.

Es entsteht kristalline und deshalb oft auch kalt wirkende Prosa. Weniger ist mehr. Und das Wenige ist schlimm genug. Der Leser wird gleich zu Beginn Zeuge einer Massenvergewaltigung auf einem Volksfest. In einer anderen Story wird ein Bub beinahe zu Tode gefoltert. Eine Drogenfabrik in Deutschland wird von einem Sonderkommando gestürmt. Ein Beschuldigter geht am Ende frei. Ein "Happy End". Aber nur beinahe. Und fast möchte man meinen, dass dies alles so seine Richtigkeit hat.

Recht und Unrecht liegen in den Geschichten von Schuld nah beieinander. Und von Schirach begeht nie den Fehler, sich auf eine Seite zu schlagen.

Selten hat man in den letzten Jahren ein derart intensives Buch gelesen, auf das das Eingangsmotto von Aristoteles so zutrifft: "Die Dinge sind, wie sie sind." (Christian Schachinger, DER STANDARD - Printausgabe, 24. August 2010)

  • "Ferdinand von Schirach schreibt über Fälle, die er betreut hat.
    foto: piper

    "Ferdinand von Schirach schreibt über Fälle, die er betreut hat.

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