"Sind am Weg zum börsennotierten Unternehmen"

23. August 2010, 17:22
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Schauspielchef Thomas Oberender bleibt bei den Salzburger Festspielen noch eine Saison

Andrea Schurian und Margarete Affenzeller befragten ihn zu neuem Bühnenpathos, Sponsoren und Plänen für 2011.

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STANDARD: Nicht alle Aufführungen des Young Directors Projects waren geglückt. Nach welchen Kriterien wird ausgesucht?

Oberender: Wir laden nicht die Produktionen ein, sondern die Regisseure. Das ist ein großer Unterschied. Im ersten Jahr haben wir ausschließlich bereits existierende Produktionen eingeladen, und zwar die besten, nicht unbedingt die neuesten Arbeiten.

STANDARD: Welche Auswahlmethode erachten Sie als sinnvoller: Produktion oder Künstler?

Oberender: Für Salzburg und nur für Salzburg würde ich sagen: die Auswahl nach Produktionen. Wir sind kein Stadttheaterbetrieb, das Risiko des Produzierens dankt uns keiner. Wir sind zum Erfolg verpflichtet.

STANDARD: Was wird denn nächstes Jahr in Salzburg stattfinden?

Oberender: Ich werde zwei Uraufführungen machen und einen großen Klassiker zeigen - in einem überraschenden Format. Und dann ein Stück, das für eine bestimmte Schauspielerkonstellation erfunden wurde - mit einem älteren Schauspieler, der lange nicht zu Gast war, und einem jüngeren, die ein gutes Paar ergeben.

STANDARD: Wird das für heuer geplante Stück von Daniel Kehlmann im nächsten Jahr aufgeführt?

Oberender: Ich werde in jedem Fall versuchen, dass wir zumindest einen Teil des einander gegebenen Versprechens halten.

STANDARD: Warum gab es heuer erstmals keine Eigenproduktion?

Oberender: Ödipus hatte die Dimension einer Eigenproduktion. Und: Im Grunde ist eine Eigenproduktion für mich kein Wert an sich. Eine Eigenproduktion mit einem bestimmten Volumen macht nur Sinn, wenn man sie zur Amortisierung zwei Jahre spielt. Wichtiger ist aber, dass die gezeigten Arbeiten vor Ort Premiere haben und in einem Salzburger Spielplanzusammenhang entstehen.

STANDARD: Wie passt dann Stefan Zweigs "Angst" zum Festivalthema "Mythos"?

Oberender: Angst ist nicht mit dem Thema Mythos verbunden, sondern mit dem 90-Jahre-Jubiläum. Man hat hier zu meinem Erstaunen noch nie etwas von Zweig gemacht. Ich wollte diesen Wahlbürger Salzburgs bereits in den Vorjahren zurück ins Repertoire holen und fand die Novellen dramatischer als die Stücke, Volpone und das Fragment Adam Lux ausgenommen. Die Stücke müssten weit mehr entstaubt und gestrafft werden.

STANDARD: Erobert Pathos wieder die Bühne? Zumindest drei Produktionen ließen darauf schließen.

Oberender: Die Pathosformen sind allerdings grundverschieden - Ödipus: das Pathos der glasklaren Argumentation innerhalb einer unbegreiflichen Angelegenheit. Bei Hartmanns Phädra sehen wir eher die Bemühung, das Pathos durch eine gewisse Veralltäglichung zu unterlaufen - Schauspieler wie Paulus Manker oder Rehberg konterkarieren diesen Versuch durch ihre sehr persönliche Betonung der rhetorischen Form. Und Claude Schmitz' Theater kommt aus der französischen Tradition der Deklamation, aus der Feier der Sprache. Das ist in einem alten Sinn hohe Sprache gegen das Leben. In der Racine'schen Zeit durften sich die Schauspieler nicht berühren, nicht setzen, nicht bücken.

STANDARD: Ist Pathos Deklamation?

Oberender: Pathos hat weniger mit dem Schönen zu tun als mit dem Erhabenen. Das Pathos überhöht ein Gefühl oder den Gedanken in den Bereich des Absoluten und wendet sich einer Dimension des Lebens zu, die wir im Alltag eben nur als das uns Überwältigende kennen - in Form der schieren Größe. In einer demokratischen Gesellschaft gerät das Pathos also immer unter Verdacht, denn Pathos kommt immer dort ins Spiel, wo man bereit ist, für etwas zu sterben. Zum Pathos gehört der Begriff des Opfers. Und das ist in einer Welt, die alles durch Verträge regelt, nicht mehr erlaubt. Obwohl diese Welt natürlich ständig Opfer hervorbringt. Die großen Pathetiker der Demokratie sind Menschen wie Christoph Schlingensief gewesen, oder Jonathan Meese. Gesamtkunstwerkschöpfer und Wagnererben, deren Kunst-Weltreich die verschwiegenen Opfer endlich anerkennt, die unsere Welt hervorbringt. Nur ist diese Form von Pathos auf den ersten Blick ganz verschieden von Pathosformeln der Zeit Racines.

STANDARD: Sie haben gesagt, der Finanzierungsschlüssel der Festspiele wird bald nicht mehr funktionieren. Wie dramatisch ist es?

Oberender: Die Aufsichtsgremien verschließen die Augen. Die Festspiele produzieren jedes Jahr eine enorme kulturelle Repräsentanz, einen atemberaubenden Glamour. Das ist alles nur noch hysterisch. Zugleich produzieren wir innerhalb eines strukturellen Dilemmas: Die öffentliche Hand hilft zwar großzügig bei Investitionen, aber es fehlen inflationsausgleichende Mittel. Diese Kosten müssen aus dem Betrieb herausgespart oder durch Sponsoren ausgeglichen werden. Wir können die Kartenpreise nicht erhöhen, die Spieldauer nicht verkürzen, keine Spielstätten schließen. Ich bin bereits sehr talentiert, Koproduktionsverträge und Gagen auszuverhandeln, aber irgendwann ist Schluss. Die Strategie sollte sein, dass wir auch bei der Oper die Exklusivität aufgegeben und mehr Koproduktionen zeigen.

STANDARD: Und was bedeutet das?

Oberender: Tatsächlich bewirkt der Rückzug der Politik, dass deshalb die Sponsoren ins Schaufenster gestellt werden, die ihre monetären, kapitalistischen Interessen verfolgen. Das ist eine wechselseitige Dynamik, die wird zunehmen und den Charakter der Festspiele verändern. Wir sind auf dem Weg zu einem börsennotierten Unternehmen, grauenhaft. Eigentlich produzieren wir doch Schönheit, Bedeutung, Sinn, Freude, aber keine Autos.

STANDARD: Haben Sie schon Pläne für die Zeit nach Salzburg?

Oberender: Ich möchte den Bogen rund machen und nach diesen fünf Jahren eine Handschrift hinterlassen. Neben den spektakulären Dingen zählt dazu auch, dass ich mit dem Mozarteum, dem Zweig-Center oder dem Salzburg-Seminar kooperiere. Das Salzburger Clearing House hätten wir nie durch eine Benefiz-Vorstellung des Ödipus unterstützt, würde ich nicht in Salzburg leben. Ich bin nicht auf der Flucht. (Andrea Schurian und Margarete Affenzeller, DER STANDARD - Printausgabe, 24. August 2010)

Thomas Oberender, 1966 in Jena geboren, ist Autor und Dramaturg. Er war Mitglied der Direktionen Matthias Hartmanns in Bochum und Zürich. Seit 2006 ist er Schauspielchef der Salzburger Festspiele (bis 2011).

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    Kontrolle vom Chef: Thomas Oberender, Leiter des Schauspielprogramms der Festspiele, beim "Jedermann" am Domplatz.

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