Chinas heilige Kuh auf der Musicalbühne

23. August 2010, 17:02
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Das "Kapital" von Karl Marx als Musical - Die Theatermacher wollen damit auf die Gefahren des Kapitalismus hinweisen

Der Schlagzeuger der Liveband gibt den Takt vor. Auf der Bühne des vollbesetzten Majestic-Theaters skandieren Schauspieler im Sprechgesang das Wort "Qian", Chinas Begriff für "Geld". Die Szene passt auf die Umgebung des 70 Jahre alten Traditionshauses an der Kreuzung Jiangning-Lu und der Haupteinkaufsstraße Nanjing Xilu. Hier trägt die Metropole ihren protzenden Reichtum zur Schau. Internationale Nobelmarken wetteifern im dichten Stelldichein ihrer Luxusboutiquen um Aufmerksamkeit.

"Was ist Geld?", ruft Schanghais Theaterstar Xu Zheng. Seine Mitspieler antworten im Stakkato: "Geld ist Luxus. Es regiert die Welt. Es ist ein Tauschmittel, ist Macht, ist Engel und Teufel zugleich. Es beschafft einem eine Frau, oder auch viele Frauen." Das vorwiegend junge Publikum lacht.

Der Auftakt für den erstmaligen Versuch in China, das Kapital von Karl Marx auf die Bühne zu bringen, gelingt voller Wortwitz und kecker Anspielungen. Doch der flotte Start in der ersten Szene bleibt im Klischeehaften stecken, die vor 140 Jahren verfasste Kritik der politischen Ökonomie ist nicht nur nachzuerzählen. Das meint auch Hauptdarsteller Xu Zheng. Er unterbricht die Premiere und spricht zum Publikum: Das Theaterunternehmen, dem er angehört, "Shanghai Dramatic Arts Centre" (SDAC), hätte sich redlich abgemüht. "Aber so geht das nicht." Er spiele nicht mehr mit.

Geld zurück

Das Publikum wird unruhig, als er ihnen rät, ihre teuer bezahlten Premierenkarten von 15 bis 70 Euro einfach als Investition in ihn zu betrachten. Er würde sie als Anteil anrechnen, wenn er das Stück Kapital in würdiger Weise ganz neu auf die Bühne bringe. Er wolle nun Geld dafür sammeln. Ein Zuschauer steht auf, beschwert sich. Er hätte seine Premierenkarte beim Schwarzhändler überteuert gekauft. Ob ihm nun nur der Nennwert angerechnet wird oder der Preis, den er gezahlt hat.

Die Vizechefin der Theatergruppe holt Xu Zheng von der Bühne. Videokameras zeichnen die lautstarke Auseinandersetzung hinter den Kulissen auf, werfen sie auf die riesige Bühnenleinwand. Das alles ist natürlich Teil der Show. Xu Zheng und seine Dramatruppe spielen sich selbst. Sie haben das Kapital zum Musical über die heutige Finanzwelt im kapitalistisch gewordenen China gemacht. Xu Zheng macht sich auf den Weg, um viel Kapital zu erwerben, damit er seine Aufführung auf die Bühne bringen kann. Auch der Mann aus dem Publikum ist mit von der Partie.

Er spielt einen strategischen Investor, der Xus Aufstieg ins später platzende Blasenimperium der Finanzwelt, seinen Börsengang und sein Wallstreet-Abenteuer mit bewerkstelligen hilft, ihm aber auch ein Bein stellt. Am Ende ist der Weg das Ziel. Xu will Marxens Hauptwerk nicht mehr spielen, er ist dem Werdegang des Kapitals bis zum Ende gefolgt, von der ursprünglichen Akkumulation bis zur Negation allen Kapitals im Finanzcrash. Am Ende stimmt unter Applaus des Publikums die Liveband die Internationale an.

Ein zweischneidiges Schwert

Sie ist keine Fanfare für Chinas Triumph über den angeschlagenen Kapitalismus mit seiner jüngsten globalen Finanzkrise. Im Gegenteil: Yang Shaolin, Produzent und Direktor des Shanghai Dramatic Arts Center, nahm die Finanzkrise zum Anlass, um über das Kapital aus Sicht Marxens auf sein Land zu blicken. Der Siegeszug des Kapitals in China sei ein "zweischneidiges Schwert", dessen für die Gesellschaft gefährliche Seite entschärft werden müsse. Die Theatermacher wollen eine Wertedebatte anstoßen und regen ihr Publikum zur Kritik an.

Für eine Tanzszene stand die Selbstmordwelle beim Foxconn-Konzern in Chinas Sonderwirtschaftszone Shenzhen Pate. Von den Fabrikwohnheimen des taiwanischen Elektrogiganten stürzten sich seit Ende 2009 absurd niedrig bezahlte Mitarbeiter Foxconns in den Tod. Von 14 Sprüngen endeten zehn tödlich.

Solche Anspielungen sind stark verfremdet. Politisches Theater ist heikel, besonders wenn es im Titel eine heilige Kuh der theoretischen Legitimation der Kommunistischen Partei führt. Chinas Realität ist aber heute so grotesk, dass man sie unbearbeitet auf die Bühne bringen könnte.

Foxconn verdoppelte nach der Selbstmordwelle die Grundlöhne aller Arbeiter. Es zog zugleich vor allen Wohnheimen in Shenzhen, wo 450.000 Arbeiter leben, drei Millionen Quadratmeter Abfangnetze. Konzernchef Terry Gou, der in 16 Fabriken in ganz China 920.000 Wanderarbeiter beschäftigt, lässt seine Arbeiter jetzt auch noch Erbauungssprüche rezitieren. Während in Schanghai Marx' Kapital Premiere hat, mussten die ersten 60.000 Foxconn-Arbeiter auf Motivationskundgebungen Schwüre ablegen, den Wert ihres Leben zu schätzen und keinen Selbstmord zu begehen.

In Schanghai, wo zehn Aufführungen des Kapitals geplant sind, bevor es weiter nach Peking geht, erlebt Karl Marx seine Renaissance. Der bärtige Deutsche hatte einst im 18. Brumaire des Louis Bonaparte Hegels Bonmot verbessert, dass sich alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sozusagen zweimal ereigneten. Hegel hätte vergessen, "dass sie sich das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce abspielen." Das trifft auch auf Marxens Hauptwerk zu. Das eine Mal erschien es als Kritik der politischen Ökonomie, das zweite Mal nun als Musical.

Yangs Schanghaier Theaterzentrum kooperiert mit deutschen Theaterwerkstätten und Kulturinstituten in Berlin, vom Goethe-Institut bis zum Hamburger Thalia-Theater. Im Juni führte das Thalia in Schanghai Albert Camus' Caligula auf. Yang hofft 2012 auf ein Austauschexperiment mit dem Thalia-Theater. Wenn sein Kapital ankommt, würden ihm Der Kapitalismus und die Kapitalisten folgen. "Den Sozialismus hatten wir schon" , sagt Yang. Den müssten sie nicht noch mal aufführen.(Johnny Erling, DER STANDARD - Printausgabe, 24. August 2010)

  • Eine Frau oder viele Frauen könne man sich mit Geld beschaffen, heißt es
 im "Kapital"-Musical. Das Plakat (siehe unten) verspricht dem Publikum Macht: "Möchten Sie 
Herr über das Geld sein?"
    foto: sdag

    Eine Frau oder viele Frauen könne man sich mit Geld beschaffen, heißt es im "Kapital"-Musical. Das Plakat (siehe unten) verspricht dem Publikum Macht: "Möchten Sie Herr über das Geld sein?"

  • Dollar- und Euronoten bewerben die Satireshow "Das Kapital".
    foto: sdag

    Dollar- und Euronoten bewerben die Satireshow "Das Kapital".

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