Von Severin Corti

22. August 2010, 23:29
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In einem Land wie Österreich, wo vegetarisches Essen immer noch als "Hasenfutter" wahrgenommen wird, ist ein Buch wie Tiere essen von kaum zu überschätzender Bedeutung. Foer hat die Fleischindustrie in Amerika untersucht, aber er hat damit den Finger auf eine Wunde der gesamten Wohlstandsgesellschaft gelegt, die mit großer Wahrscheinlichkeit zur Existenzfrage werden könnte.

Dass die Welt Wohlstand als Überfluss versteht (und besonders als Überfluss an Fleisch), ist nicht länger haltbar: Sieben Milliarden Menschen können sich nicht mit Fleisch anessen, ohne dass Klima, Umwelt, sozialer Friede und - nicht zuletzt - die Weltgesundheit unumkehrbaren Schaden nehmen. Das wird uns, auch dank Foer, spät, aber doch bewusst.

Daraus zu schließen, dass der Verzicht auf Fleisch die Lösung des Problems darstellen kann, greift aber dramatisch zu kurz. Das lässt sich auch daran erkennen, dass Foer dies zwar predigt, Milchprodukte und Eier aber weiter konsumiert. Auf die Frage, warum er diese Form des tierquälerischen Systems akzeptiert, die Fleischproduktion aber nicht, antwortet er der deutschen Zeit seltsam ausweichend: dass Milchproduktion und Legehennenhaltung unabdingbar mit der Fleischproduktion zusammenhängen, wäre ihm erst "mitten im Buchschreiben" aufgefallen, er hätte ein "neues Feld" aufmachen oder gar ein "zweites Buch schreiben" müssen. Nicht eben eine konsequente Form der Systemverweigerung.

Dennoch: Dass die Gesellschaft Nutz- tiere als bloße Produktionseinheiten für Schnitzel, Fischstäbchen und Milchschaum auf dem Morgenkaffee abgestellt hat, ist ein Symptom für eine grundsätzliche Entfremdung. Sie hat ihren Ursprung wohl in der Idee der Aufklärung, dass der Mensch als Herrscher über die Natur das Recht habe, sich alles und in jedem gewünschten Ausmaß verfügbar zu machen.

Tierhaltung, einst ein Pakt mit der Natur, der die Entwicklung von Zivilisation überhaupt möglich machte (am Lagerfeuer, beim Warten auf den gemeinsam erbeuteten Braten war wohl erstmals Zeit, im anderen das eigene Menschsein zu erkennen), droht heute, sich ins Gegenteil zu verkehren. Aber es kann nicht darum gehen, diesen Pakt - wie es Foer in den Raum stellt - grundsätzlich aufzukündigen, sondern vielmehr darum, ihn von Grund auf zu erneuern. Und zurückzufinden zu einer Form der Landwirtschaft, die den gemeinsamen Nutzen, die uralte Symbiose zwischen Mensch, Tier und Natur, in den Mittelpunkt stellt.

Foer hat schon recht, wenn er etwa die Rinderzucht als Bedrohung für das Weltklima sieht. Aber deshalb ganz darauf verzichten? Auch in Gegenden wie den Alpen, wo ein Verzicht in der Zerstörung jahrhundertealter Kulturlandschaften resultieren würde? Das kann es nicht sein.

Eine klug geplante Graslandbewirtschaftung führt nachweislich zu einer Minimierung von Treibhausgas-Produktion, indem diese Art der Bewirtschaftung den pflanzlichen Reichtum (und damit die Bindung von CO2 aus der Atmosphäre) fördert. Wissenschafter der Universität von North Dakota haben etwa nachgewiesen, dass traditionelle Weidewirtschaft die pflanzliche Vielfalt um bis zu 45 Prozent steigern kann.

Dazu kommt, dass diese Form der Haltung auch dem Wesen von Weidetieren entspricht. Dasselbe gilt für artgerechte Haltung von Hühnern und Schweinen (im Freien, am besten ganz ohne Stall!), aber auch Muschelzucht. Zeitgemäße Tierhaltung muss das Wohl der Tiere ebenso bedingen wie jenes der Menschen. Dass damit massiv weniger Fleisch produziert werden kann als mit den gängigen Methoden, ist absolut wünschenswert: In der sogenannten entwickelten Welt wird heute ohnedies viel zu viel Fleisch produziert. Die negativen Auswirkungen bekommen nicht nur die Tiere zu spüren, sondern genauso auch die Menschen.

Weniger Fleisch, dafür solches, das die Landwirtschaft als Kulturform und Ausdruck einer Einheit aus Landschaft, Menschen und Tieren, die sie bevölkern, widerspiegelt: Das wäre doch ein Weg, den es sich lohnen würde, voranzugehen.(Severin Corti, DER STANDARD Printausgabe 23.8.2010)

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