Kurzschluss und Funkenflug

22. August 2010, 18:31
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Nebst Kirtag und Narkose gab es schon auch Musik - die beste akustische Begleiterscheinung zum Kontrollverlust kam aus New York: Das LCD Soundsystem

St. Pölten - "It's such a perfect day" dröhnt es aus der Lautsprecheranlage der Race Stage. Kurz ist man geneigt, Lou Reed, dem Schöpfer und Interpreten dieses via CD in der Konzertpause zugespielten Songs, zuzustimmen. Immerhin soll in wenigen Minuten eine der wichtigsten und besten Bands der Nullerjahre erstmals eine österreichische Bühne betreten, das LCD Soundsystem aus New York. Während Lou Reed einem die Seele massiert, erscheint auf zwei riesigen Videowalls neben der Bühne eine Kronen-Zeitung-Werbung. Das FM4 Frequency Festival macht's möglich.

Wenige Minuten später aber ändert sich der Anlass des Kopfschüttelns. Mit dem passenden Stück Us V Them beginnt das abwechselnd sechs- bis siebenköpfig agierende LCD Soundsystem seinen Auftritt. Der Gerätepark besteht aus mehreren Rhythmusstationen, analogen Synthesizern und Keyboards, dazu Bass und Gitarre. Und vorne, an einem Mikro, das wie ein CB-Funkgerät aus Sam Peckinpahs Trucker-Epos Convoy aussieht, der seltsame Heilsbringer James Murphy.

Seltsam deshalb, weil der 40-Jährige selbst innerhalb eines Zirkus von lauter kunstvoll verwahrlosten Antistars noch wie ein Gegenmodell wirkt. Unrasiert, dicklich, ein wenig ungelenk, Abteilung sympathischer Teddybär, der hin und wieder aufs Duschen vergisst. Aber nachdem er innerhalb weniger Sekunden seine Band, eine lose Gruppierung wesensverwandter Nerds, auf Wellenlänge bringt, egalisieren sich derlei Gedanken wie nichts.

Das LCD Soundsystem ist die einsame Spitze eines Genres, das zeitgenössischen Dancefloor mit Rockmusik kurzschließt. Die Produkte dieses Funkenflugs schlagen sich in drei Alben und einer schlampenhaften Auftragsarbeit für einen Sportschuherzeuger nieder, die das letzte Jahrzehnt musikalisch prägten wie nur wenige andere Werke.

"Drunk Girls"

Das bestätigen Murphy und Co mit einer Intensität, die selbst die schlechtesten Stücke der Band noch strahlen lassen. Etwa das gleich als zweites Stück gegebene Drunk Girls, das mit seinem prolligen Schmäh die Punk-Vergangenheit Murphys illustriert. Auch Pow Pow, ein ähnlich schlichtes Bäuerchen, geht live rein wie das Bier in die Frequency-Besucher.

Doch auch subtilere Stücke, in denen sich Murphys Vorliebe für New Wave und Post Punk widerspiegelt, werden live nicht plattgemacht, sondern in all ihrer Finesse dargereicht: Etwa die Weltnummer Get Innocuous! mit ihrem Talking-Heads-, Brian-Eno- und David-Bowie-Idiom. Nicht nur der sich zurückziehende Haaransatz des Tastenmanns Gavin Russom erinnert an dieser Stelle an Brian Eno in den frühen 1970ern, sondern auch die Sounds, die der Vorne-nichts-hinten-Wellenmatte-Typ aus der Gerätschaft zaubert, veredeln den Zitat-Pop des Soundsystems. Murphy, der bei allem Understatement ein ziemlich guter Sänger bleibt, hilft in Textpausen an diversen Percussions und der Kuhglocke aus. Cow Bell, das weiß man, kann es nie genug geben. Diese Disco-Schübe kollidieren mit Punk-Gitarren, gebären gottvolle Melodien und geben sich kontrollierter Ekstase hin. Das System ist definitiv hochgefahren.

Dass Murphy dieses nach dem heuer erschienenen Album This Is Happening auflösen oder zumindest auf Eis legen wird, will man sich, während er sich durch das auf eine repetitive Klaviermotiv bauende All My Friends, die Fan-Eloge Daft Punk Is Playing At My House oder das ausgerastete Yeah spielt, nicht wirklich vorstellen. Zu gut fühlt sich das an, auch wenn die Rahmenbedingungen denkbar schlecht sind. Beendet wird die Segnung mit der übermüdeten Ballade New York I Love You, in die Empire State Of Mind von Jay-Z und Alicia Keys verwoben wird. Zitate ohne Grenzen und Genierer.

Verblassende Botschaften

Eigentlich hätte der Abend hier enden können. Aber Festivals sind erst zu Ende, wenn sie aus sind. Also betreten nach einer Umbaupause Massive Attack die Bühne. Die Briten, die das Fach Trip-Hop mitbegründet haben, geben sich gewohnt souverän, aber ihre das Unrecht in der Welt via Projektionen verdeutlichenden Zahlen und Botschaften wirken auf diesem Kirtag deplatziert und sind ab einem gewissen Abstand zur Bühne hin kaum noch zu lesen, schon gar nicht mit den Blutwerten des durchschnittlichen Festivalbesuchers. Zwar sorgt der prächtig falsettierende Horace Andy für Wohlwollen, im Vergleich zur Show des LCD Soundsystem wirken Massive Attack trotz einiger Ausreißer statisch und behäbig.

Des einen Leid, des anderen Freud: Die Festivaladministration - Polizei, Rettung, Security - sprachen von kaum nennenswerten Vorfällen bei 115. 000 Besuchern an drei Tagen. (Karl Fluch/DER STANDARD, Printausgabe, 23. 8. 2010)

  • "It's lonely at the top." James Murphy, New Yorker Mastermind des LCD 
Soundsystem, bestätigt beim FM4 Frquency Festival in St. Pölten seine 
Ausnahmeposition im zeitgenössischen Pop.
    foto: christian fischer

    "It's lonely at the top." James Murphy, New Yorker Mastermind des LCD Soundsystem, bestätigt beim FM4 Frquency Festival in St. Pölten seine Ausnahmeposition im zeitgenössischen Pop.

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