Sommernostalgie

22. August 2010, 17:58
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Die Zwänge der Schule waren abgeschüttelt, und an ihre Stelle trat - nichts - Kein Plan, keine größeren Vorhaben, bloßes Kindsein

Draußen scheint die Sonne, drinnen läuft der Fernseher. Draußen ist Schwimmen im Freibad, Fußball- oder Indianerspiel mit den Nachbarskindern, drinnen ist Raumschiff Enterprise, Simon Templar oder anderes TV-Ferienprogramm. Es war das Jahr 1985 oder ein anderes, in dem man noch so jung war, dass sich die Sommermonate als offenes, freies Feld vor der kindlichen Aufbruchsstimmung ausbreiteten. Die Zwänge der Schule waren abgeschüttelt, und an ihre Stelle trat - nichts. Kein Plan, keine größeren Vorhaben, bloßes Kindsein. 

In der Praxis hieß das eben Fernsehen oder Draußensein, gegen elterliche Fernsehbeschränkungen argumentieren oder elterlichen Arbeitsaufträgen entkommen. Das Dogma des Sinnvollen, dass man etwa die Sonne zum Fußballspielen nutzen könnte, weil man bei Regen ohnehin fernsehen könne, stieß noch auf blankes Unverständnis. 

Die sommerliche Entdeckungsreise verteilte sich völlig willkürlich auf (damals erstmals konsumierte) TV-Inhalte, auf die Produktion und Anwendung von Pfeil und Bogen und das Aufstellen komplizierter Regeln für die nächste (filminspirierte) Gemeinschaftsillusion, angesiedelt im Weltraum oder zur Zeit der drei Musketiere. Die langweiligste Waltons-Folge (Bild links) anzuschauen war weder schlecht noch gut, sondern war einfach. 

Dieser Luxus würde nie mehr wiederkehren. Später wird das Zusammentreffen von Freizeit und Sonne zu schlechtem Gewissen führen, vertrödelt man es vor der Glotze. Später wird Zeit nie wieder so bedeutungslos sein. Aber die Freiheit von damals heißt nicht nur, jetzt viele alte Serien zu kennen. Im Kopf bleibt sie ein Rückzugsgebiet von den Zwängen der Gegenwart. (Alois Pumhösel, DER STANDARD; Printausgabe, 23.8.2010)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    "Die Waltons"

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