Ein Signal für europäische Offenheit

22. August 2010, 17:52
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In der Strauß-Operette, einem U-Musik-Pasticcio, sind die Wiener die Deppen - von Otto Brusatti

Irgendwie haben die Freiheitlichen zu Wien die Zeitzeichen begriffen und sie dem Wählervolk per Plakat plausibel gemacht. Hinter einem freundlich-lächelnden, blauäugig-strahlenden HC STRACHE der Satz: Mehr MUT für unser "Wiener Blut". Weil dieser Hinweis unter Anführungszeichen steht, kann es sich nicht um den Körpersaft handeln, sondern - als Titelzitat - um beschwingte Musik oder Essen oder Pop?

Also, Wiener Blut: Mit dem Doppelbegriff bezeichnen sich diverse Wiener Künstler- und Selbstbestimmungs-Gruppen der eher nicht rechtsgerichteten Art. Es ist weiters ein Hagebutten-Früchtetee mit Hibiskus, Apfelstückchen, Zitrusschalen und -früchten und einer Handvoll blumiger Aromen (stammend, wie der Zitrus, vor allem aus Mittelmeer- und islamischen Ländern). Man kennt das Wiener Blut auch als Teil des Repertoires der Neue-deutsche-Härte-Band Rammstein, wo im dazugehörigen Pop-Video neben recht brutalen Sex- oder gar Inzest-Besingungen die Schlachtung einer Frau angedeutet wird. Dann geht es unter diesem Titel beim legendären Herrn Falco um diverse Udo-Proksch-Spompanadeln oder in slowenischen Theaterprojekten um oft ein wenig brutal-avantgardistische Auseinandersetzungen mit Österreich und seiner Vorläufer-Monarchie.

Wiener Blut ist vor allem aber präsent durch eine Operette und der dieser zugrunde liegenden Walzerfolge des Johann Strauß, des Juniors. Das zauberhafte Stück mit mehreren sich trennenden und wiederfindenden Paaren ist ein Konglomerat aus Strauß'schen Zug-Piecen, geschrieben kurz vor des Altmeisters Tod 1899 vom schlauen Arrangeur Adolf Müller jun. Zudem war es gedacht als Rettung des schwer verschuldeten Carltheaters und als frischer Hit im damals dahindümpelnden Wiener Operettenwesen.

Wiener Blut, die Operette, ist ein U-Musik-Pasticcio und wurde zum Vorbild für viele nachfolgende silbern-blecherne Bühnenspektakel. Wiener Blut, der titelgebende Großwalzer, ist ein Vierteljahrhundert jünger und eine der geglücktesten Mischungen aus Symphonischer Dichtung internationalen Zuschnitts und süßer Kammermusik mit thematischen Vorgriffen auf den Rosenkavalier.

Die Operette spielt in Wien während einer relativ offenen Epoche: als im Wiener Kongress der bis heute wirksame Austausch zwischen westlichem und östlichem Europa begonnen wurde. Folgerichtig sind die meisten Protagonisten keine Wiener, denen - in dieser Operette - die Rollen der Verschlagenen oder der Deppen vorbehalten sind. Die äußerst populär gewordene Verfilmung von Willi Forst (1942) war ein Liebling der Nazi- und Faschisto-Größen, vor allem aber die Vorgaukelung einer heilen Welt während einer Zeit, als der Weltkrieg brutalst zu einem solchen auch wurde.

Aber was wird jetzt wirklich mit diesem vergleichsweise europäischen Titel-Zitat kundgetan? Wie hinterlistig ist vielleicht diese FPÖ, die ungewollt so ihr liberales Gesicht aufdeckt? Was für eine spannende Partei?

Übrigens, Falco singt in seinem Wiener Blut, nachdem eben beinahe jemand ermordet wurde, voll offenbar mit Drogen, auch: "... kommt ana links uns, kommen wir in Wut, bis er erkennen tut: Wir hab'n die Medizin, der Dekadenz hab'n wir den Preis verlieh'n, dabei sind wir moralisch überblieb'n".(Otto Brusatti, DER STANDARD, Printausgabe 23.8.2010)



Otto Brusatti ist Autor, Ö1-Moderator und Regisseur.

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