Wenn alle wie Strache reimten

22. August 2010, 17:44
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Von einem, dem die Gewista Plakate mit provokanten Slogans einst verweigert hat: ein Vorschlag, den mit "Wiener Blut" kontaminierten Raum mit ähnlich dumpfen Schriftzügen anderer Parteien zuzumüllen - von Claus Philipp

Das alte, nicht kurierbare Leiden der Kritik an den Werbeslogans von Strache und Co.: Jeder, der sie als Beweismaterial für rechtsrechtes Gedankengut hernimmt, perpetuiert bloß den PR-Wirbel. Wenn etwa Medien das "Wiener Blut"-Plakat wie ein Delikt abbilden, dann schenken sie der FPÖ vor allem Gratis-Werbung. Ein endloser Reigen: Die Empörten empören sich (zu Recht), die Provokateure provozieren weiter (offenkundig mit Gewinn). Die Schlüsselfrage aber, welcher Regulative der öffentliche Raum in dieser Situation bedürfte, bleibt letztlich unbeantwortet.

Interessant war diesbezüglich das Zitat des "Chief Operating Officer" der Gewista, Hansjörg Hosp, in den "Wiener Wahlnotizen" auf derStandard. at: Nein, die Gewista könne ihre Werbeflächen für FPÖ-Plakate nicht verweigern, Zensur sei undenkbar, weil: "Wir können uns als kleines Unternehmen nicht über den Willen eines beträchtlichen Anteils der Wähler hinwegsetzen, selbst wenn wir wollten."

In Hosps strikt kaufmännischer Argumentation ist das ganze heimische mediale Dilemma abzulesen. Wenn ein "kleines Unternehmen" sich nicht über die Schwerkräfte des Marktes hinwegsetzen kann, dann können sich Haltung und Argumentation brausen gehen. Doppelt paradox war dann eine kleine Einschränkung, die für die Gewista in Sachen Werbeethik gilt: Werbung muss von einer gesetzlich anerkannten Organisation kommen und darf keinen Aufruf zu strafbaren Handlungen wie Verhetzung beinhalten.

Als Geschäftsführer des Stadtkino Filmverleihs darf ich vermelden, genau wegen dieser beiden Punkte von der Gewista schon einmal abgelehnt worden zu sein: Für Peter Kerns Film Blutsfreundschaft hatten wir uns im letzten Oktober von Bürgermeister Häupls Ahnung "Der kommende Wahlkampf wird grauslich" inspirieren lassen und – mit Sujets aus dem Film - Plakate für eine fiktive Plattform www.rechtewuerdetugend.at produziert, die an Simplizität und Inständigkeit denen der FPÖ nicht nachstanden.

"Sozialleistung nur für Österreicher!", "Denkt an eure Kinder!", oder, wie ich finde, exzellent blöd "Familienglück, komm zurück!": Dies war der Gewista denn doch zu arg. Obwohl auf den Plakaten eine satirische Absicht deutlich zu erkennen war, hat sie uns die Werbeflächen verweigert.

Zugespitzt: Bei der FPÖ weiß man, woran man ist. Sie darf sagen, was sie will, weil man weiß, woher das kommt. Im Falle eines Films wie Blutsfreundschaft wusste man das nicht. Deshalb also: bedenklich! Die Lehre daraus: Wir hätten in unserem feuchtforschen Umgang mit Wahlkampfstrategien noch etwas komplexer und also unangreifbarer vorgehen sollen.

Dennoch halte ich es immer noch mit jenen, die da meinen, die effizienteste Form von Kritik sei die der "Gegenproduktion". Was wäre, wenn sämtliche Parteien, die derzeit auf ihren Plakaten noch ein gewisses Niveau (in Optik und Wahlversprechen) zu halten versuchen, dieses plötzlich offensiv und konstruktiv und intelligent "unterschreiten"? Was, wenn Strache-Plakate nicht mehr auffallen, weil an allen Ecken in ähnlichen Schriftzügen der Lust an breitem Siegerlächeln und grob geschnitzten Reimen gefrönt würde? Mit Texten von bekannten heimischen Autoren und Intellektuellen, unter dem Motto "Sehr konkrete Poesie für ganz konkrete verwahrloste mediale Verhältnisse"? Frei nach Ernst Jandls "manche meinen: lechts und rinks kann man nicht velwechsern / werch ein illtum!"?

Hier eine Radikalwuchtel eines Kabarettisten, dort ein Gstanzl etwa aus der Feder von Attwenger, dazwischen literarische "Grobheiten" von Jelinek, Menasse, Kehlmann, Schmatz, Geiger oder ein Ausspruch wie jener von Ute Bock: "Keiner hat sich ausgesucht, wo er auf die Welt kommt." Wäre es nicht tatsächlich denkbar, dass man den zugemüllten, "kranken" öffentlichen Raum derart heftig kontaminiert, dass er neue Immunisierungs- und Heilungsstrategien quasi organisch entwickelt?

Viele sagen jetzt sicher: Noch mehr Müll? Untragbar! Aber untragbar ist die Lage längst und ein Ende der Misere nicht absehbar. Während man mit "Daham / Islam!" oder "Mut / Wiener Blut / nicht gut!" eine ganze Stadt wortwörtlich flächendeckend am Schmäh hält, können sich die darüber rechtschaffen Empörten bestenfalls an den Spielvorgaben der Rechten abarbeiten. Aus der Defensive kommt man im Österreich dieser Tage nicht heraus.(Claus Philipp, DER STANDARD, Printausgabe 23.8.2010)

foto: heribert corn

Claus Philipp war bis 2008 Leiter des Kulturressorts des Standard und ist jetzt Geschäftsführer des Wiener Stadtkinos.

  • Sie spielen alle auf ihre Weise "Wiener Blut": der blaue Parteiobmann im
 Gleichklang mit dem Walzerkönig.
    foto: christian fischer

    Sie spielen alle auf ihre Weise "Wiener Blut": der blaue Parteiobmann im Gleichklang mit dem Walzerkönig.

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