Vertrauen auf "Marktkräfte" im Keller

22. August 2010, 17:36
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Europa und die aufstrebenden Länder bis hin zum Schwarzen Meer brauchen ein qualitativ anderes Wachstum als bisher. Laut einer Studie ist das Marktvertrauen der Bürger gestört, Schutz von Umwelt und Schwachen in

Salzburg - Die weltweite Wirtschafts- und Schuldenkrise hat das Grundvertrauen der Bürger in die Selbstheilungskräfte der freien Marktwirtschaft - parallel dazu in die Führungsetagen von Staaten und Wirtschaftsunternehmen - nachhaltig erschüttert. Nur etwas mehr als ein Viertel der Bevölkerung in Deutschland und Österreich ist davon überzeugt, dass die Marktkräfte die entstandenen Probleme lösen können.

Hingegen sind neun von zehn Bürgern in beiden Ländern (88 bzw. 90 Prozent) der Auffassung, dass eine "neue Wirtschaftsordnung" Umweltschutz, schonenden Umgang mit Ressourcen und sozialen Ausgleich in der Gesellschaft stärker berücksichtigen müsse. Interessantes Detail: Das Vertrauen in den Markt sinkt mit zunehmendem Bildungsniveau. Bei den Bestausgebildeten glauben nur 18 Prozent an dessen Selbstreinigungskraft. Bei Menschen mit niedriger Schulbildung sind es 38 Prozent. Skeptisch ist die ältere Generation zwischen 50 und 60 Jahren: Nur einer von fünf Befragten stimmt zu. Satte 87 Prozent der Befragten sprachen sich dafür aus, die eigene Lebensweise dahingehend zu überdenken. Geld und Vermögen anhäufen ist einer Minderheit wichtig.

Diese aufsehenerregenden Zahlen lieferte eine Studie der Bertelsmann-Stiftung (1000 Befragte, Zeitraum: Juli), die dem Standard vorliegt. Zum Wochenende wurde sie als Anstoß für den in Salzburg stattfindenden "Trilog" veröffentlicht. Diese Plattform, vom Medienkonzern und dem Wiener Außenministerium ausgerichtet, widmet sich im informellen Dialog von angesehenen Wirtschaftsführern, Politikern, Wissenschaftern und Vertretern der Kulturszenen der Suche nach Trends und Szenarien, die die europäische Entwicklung bestimmen werden.

Thema des von Ex-Bundeskanzler Wolfgang Schüssel geleiteten Panels (an dem neben Außenminister Michael Spindelegger dessen Kollegen aus der Ukraine, Georgien, Bulgarien teilnahmen): Wie kann das krisengeschüttelte Europa vor dem Hintergrund von Globalisierung und Digitalrevolution den Wohlstand sichern? Bzw. welche Folgen hat dies für die laufende Expansion nach Osteuropa, über Rumänien hinaus bis weit hinein in die aufstrebende Region rund um das Schwarze Meer?

Grundtenor: Viele Bürger mögen eine Sehnsucht nach Rückkehr in alte Sicherheiten haben. Es gebe aber kein Zurück mehr. Stattdessen könnte ein Mangel an Jobs und Entwicklung vor allem für junge Leute zum größten Problem werden - bis zur Legitimationskrise der Demokratie. Junge Menschen hätten, "auch wenn sie alles richtig gemacht haben und bestens ausgebildet sind" , oft keine Chance. Dies sei Sprengstoff, warnte der chinesische Konzernchef Victor Chu aus Hongkong.

Ein Lösungsweg: volle Konzentration auf Ausbildung, Austausch. Die neue Wirtschaftswelt werde dank Internet und globaler Kommunikation in Zukunft nach ganz anderen Kriterien funktionieren. Wachstum sei, insbesondere für aufstrebenden Regionen, dringend nötig. Jedoch müsse Wachstum qualitativ anders ausfallen, etwa im Energiebereich. Und: "Wir brauchen global nicht mehr Macht für Regierungen, aber mehr und klare Regeln" , sagte WTO-Chef Pascal Lamy. (Thomas Mayer, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23.8.2010)

 

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