Nachruf

Christoph Schlingensief 1960-2010

22. August 2010, 17:36
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    foto: apa / franz neumayr

    Christoph Schlingensief in seiner animatografischen Installation "Chickenballs" , die im Jahr 2006 im Museum der Moderne in Salzburg zu sehen war.

Die Kunstwelt verliert einen ihrer ungeheuerlichsten Monteure, einen einzigartigen Gesamtkunstwerker der jüngeren Geschichte

Wien/Berlin - Die Utopie von einem Festspielhaus in Afrika hat sich nicht mehr ganz verwirklichen lassen. Das haben Utopien so an sich. Und Christoph Schlingensief, der nun zweieinhalb Jahre nach seiner Krebsdiagnose am Samstag in Berlin gestorben ist, hat mit diesen Desillusionierungen auf unnachgiebige Weise gerungen. Die Unmöglichkeit seines Afrika-Traumes schien von Anfang an in das Projekt miteinberechnet gewesen zu sein, und war jüngst auf frappierende Weise in Via Intolleranza II dessen Thema.

Die an Luigi Nonos Aktions-Oper Via Intolleranza 1960 angelehnte Arbeit wurde ein von der Unzulänglichkeit des Schaffens und des Dagegenhaltens geprägtes Bühnenereignis, das als erste aus dem Operndorf in Burkina Faso hervorgegangene Produktion bei den diesjährigen Wiener Festwochen im Arsenal zu sehen war. An zwei Abenden Mitte Juni hatte Schlingensief noch Kraft genug, um selbst mitzuwirken. Da stand die neuerliche Krebsdiagnose allerdings schon fest.

Auf anarchische Weise ragte das Leben in die Arbeiten des 1960 in Oberhausen geborenen Künstlers immer hinein. Einmal hat er eine Vorstellung unterbrochen, trat auf die Bühne und erzählte vom Tod seiner Großmutter. Das mag ein einfaches Beispiel sein, doch es zeigt den Grundgedanken seiner Interventionen. Diese waren Formen der Erschütterung, die das Theater lehrten, über seine eigentlichen, mitunter eigentümlichen Gesetzmäßigkeiten weit hinauszugehen. Schlingensief war praktischer Mitbegründer jener Begrifflichkeiten, die heute die Theaterliteratur prägen, und mit denen in den 1990er-Jahren und darüber hinaus jene mediale Entgrenzung betrieben wurde, an der sich junge Theatermacher und -macherinnen heute abarbeiten.

Die entscheidende Adresse in Schlingensiefs Biografie hieß ab 1993 Berliner Volksbühne bzw. Frank Castorf. Hier hat dieser über die Maßen aufgeweckte Mensch jene Un-Dramaturgien weiterentwickelt, die er schon in den ersten Super-8-Filmen als Gymnasiast und später bei Experimentalfilmer Werner Nekes um- und einsetzte. Schon in der "Trilogie der Filmkritik" (u. a. Menu total) liegt die narrative Totalirritation zugrunde, die seine danach folgenden Arbeiten ausmacht. Mit der "Deutschlandtrilogie" (u. a. Das deutsche Kettensägenmassaker) wurde Schlingensief dann als Filmregisseur erstmals bekannt. Aus diesen filmischen Fundamenten entwickelte Schlingensief seine Theaterentwürfe.

Deutschland als Wunde

100 Jahre CDU - Spiel ohne Grenzen, Kühnen '94 - Bring mir den Kopf von Adolf Hitler oder Rocky Dutschke '68 - allesamt an der Volksbühne herausgebracht - haben Schlingensief als Theatermacher und Aktionskünstler vorgestellt. Beim Steirischen Herbst war Schlingensief 1995 erstmals mit dem Auftragswerk Hurra, Jesus! Ein Hochkampf zu Gast. Auf zwingende Weise waren die Produktionen immer an politische, moralische und soziale Anliegen gebunden. Im Fokus: Deutschland als Wunde, Familie (Mamas Maske), Krieg (Jelineks Bambiland), Religion. All das setzte er mit einem die Sparten durchdringenden Denken und Arbeiten und in weltumschlingenden Gesten ins Bild. Und in diesen Bildern war immer der Teufel los, das Chaos, der semiotische Clash, beginnend bei den frühen Filmen bis herauf zu Richard Wagners Parsifal, den er bei den Bayreuther Festspielen ab 2004 inszenierte oder Theaterhybriden wie Area 7 - Matthäuspassion. Als riesiger Mythenparcours wucherte dieser von der Bühne des Burgtheaters herunter ins Parkett, alles kommunizierte mit allem: Hitler mit Joseph Beuys, Parsifal mit Afrika.

In diesem lebhaften Material der Überforderung, in den bis zum Zerbersten aufgetürmten Assemblagen war Schlingensief als Moderator seiner Aktionskunst immer mit von der Partie. Schlingensief war immer dort, wo auch seine Kunst war. Er reiste mit seinem Animatografen nach Island, mit dem Fliegenden Holländer nach Manaus, quartierte sich mit seinem Ensemble in eine Polizeistation in Hamburg ein oder schwamm mit seiner Partei Chance 2000 durch den Wolfgangsee, um den Urlaubsort des deutschen Kanzlers zu fluten.

Dabei hat er das Hinschauen unter völlig neue Bedingungen gestellt, er hat auf der Bühne Kameras dazwischengeschaltet oder sich selbst mit Megafon und Perücke zum Sprecher erklärt. Denn es war in diesem Projekt des Gesamtkunstwerks durchaus vorgesehen, ein Mensch mit Bekanntheitsgrad zu werden.

Realität kenntlich machen

Diese Form von Kunst hat eine Person bedingt, die sich selbst zum Teil ihrer Idee macht. Bis hin zur Erkrankung, die deshalb konsequent zur Kunst wurde ("Ich gieße eine soziale Plastik aus meiner Krankheit" ). In Mea Culpa, 2009 am Burgtheater uraufgeführt, hat der Regisseur seine Krebserkrankung als Opern-Revue thematisiert. Die Erfahrungen des Krankseins hatte er in Smash - In Hilfe ersticken weiterbehandelt, doch die Produktion für die Ruhrtriennale in Mülheim musste bereits abgesagt werden.

Es ging immer um die Kenntlichmachung von vorherrschender Realität: So verschärfte die nach den Prinzipien des TV-Rauswählformats Big Brother konzipierte Container-Aktion Ausländer raus - Bitte liebt Österreich anno 2000 den Sommer vor der Wiener Staatsoper - Abschiebepraxis als Performance.

Schlingensiefs Kunst verstand sich auch von Grund auf als eine soziale Bewegung, die sich dem Konflikt zwischen den Systemen Politik, Leben und Kunst aussetzte und dabei das Defizitäre hervorhob. In diesem Kontext hat er die Church of Fear gegründet, die bei der Biennale Venedig 2003 vorgestellt wurde. 2011 hätte er den deutschen Pavillon der Biennale gestalten sollen. Dazu kommt es nicht mehr. Christoph Schlingensief wäre am 24. Oktober fünfzig Jahre alt geworden. (Margarete Affenzeller/DER STANDARD, Printausgabe, 23. 8. 2010)


Kondolenzbuch und Spendenaufruf für das Operndorf in Burkina Faso: www.schlingensief.com

Nachlese
Die ersten Reaktionen im Forum

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 173
1 2 3 4
Agnostiker1
20
30.8.2010, 17:40
Mit dieser Meinung hat Österreich eine Alleinstellung.

Seine Genialität war in Wirklichkeit bestand aus seiner Skurrilität.

Cuca Racha
 
00
31.8.2010, 00:05

Skurrilität is häufig der Phänotyp von Genialität.

undisputed truth
12
24.8.2010, 23:47

schlingensief war eindeutig einer von den guten
von mir voller respekt für sein leben und auch für die art wie er sich mit der krankheit auseinander gesetzt hat

Marie Sandoz
31
24.8.2010, 11:35
Sein Ego-Trip, mit dem er

über andere drüberfuhr oder instrumentalisierte, war schon sehr beachtlich.

Hans Müller1
 
56
23.8.2010, 14:33
Ich kann nicht ganz nachvollziehen warum Hr. Schlingensief so unbequem gewesen sein soll

M.A. nach waren seine Arbeiten vom klassischen Schwarz-Weiß Denken der Künstlerszene geprägt

Auf der einen Seite: Wir, intellektuell, sozial, mutig, weltoffen, modern, auf der anderen Seite die dumme Masse - rückständig, dumm, ausländerfeindlich: Das Provozieren ist dann immer nur für die anderen gedacht, die haben's nötig, selbst und die treuen Kunden dürfen sich am Gefühl intellektueller und moralischer Überlegenheit erfreuen - bequemer geht's doch nicht für das eigene Publikum.

Paul Muadib
11
31.8.2010, 09:38
Uninformiert

Aus Ihrem Beitrag ist nur herauszulesen, dass Sie keine Ahnung haben, was er alles gemacht.

hotzenplotz1001
00
23.8.2010, 16:55
@Hans Müller1 - Das ist wie bei der guten Predigt, bei der sich die Leute angesprochen fühlen.

Man erkennt den Erfolg an den Reaktionen mancher Leute. Wenn Sie im Theater intellektuelle Überlegenheit entdecken, wird das schon zutreffen. Jeder erkennt etwas anderes. Ich sehe in seinen Stücken nichts als die Aufführung fiktiver Handlungen, die eigentlich kaum jemanden tangieren sollten, weil sie aus Nonsens bestehen. Aber plötzlich sind sehr wohl welche berührt. Es ist nur Theater.

Agnostiker1
10
30.8.2010, 17:47
Richtig.

Vor allem an der Reaktion der Leute, die nicht den Mut haben, einen Unfug als solchen auch zu bezeichnen.

Hotzenplotz007
01
23.8.2010, 21:40
hotzenplotz

ist mein name, warum kopierst du mich? ich poste kaum - aber zum großen schlingensief mußte ich ausrücken! was willst Du mit meinem namen bewirken?

Hans Müller1
 
01
23.8.2010, 17:40
Nur Theater? Dachte es ging um Provokation und dem

Publikum einen Spiegel vorhalten, große gesellschaftliche Änderungen etc. etc...

Miklova Zala
 
00
23.8.2010, 14:32
und wie hätte ich mir gewünscht,

dass Claus Philipp diesen nachruf verfasst hätte, und wenn es als gastautor gewesen wäre.

Bittersweet Me
15
23.8.2010, 13:59
Ein Unbequemer...

...und genau deshalb wird er sehr fehlen!

guzo
14
23.8.2010, 13:57
Addio Christoph!

Und danke, dass du den A*löchern stets in den A* getreten bist.

Hotzenplotz007
10
23.8.2010, 21:43
genau!

jene loecher, die in dieses forum gekrochen kommen und n i e ein stück, einen film oder sonst ein kunstwerk vom schlingensief gesehen haben außer (vielleicht) einmal zufällig beim container vorbeigeschwankt sind und n i x verstanden haben (oder verstehen wollten)

Agnostiker1
21
30.8.2010, 18:01
Sie gerieren sich als Repräsentant des pseudo-intellektuellen....

..Bevölkerungsschicht. Schlingensief war in seinem Heimat abgewirtschaftet und nicht mehr aktzeptiert. Er beglückte aus dieser Not heraus das Nachbarland und wir fühlten uns geehrt. Sein Auftritt in Bayreuth wurde nur noch mit Kopfschütteln zur Kenntnis genommen.
Genau so geht es mit der Theologin Rank-Heinemann. In Deutschland ist sie eine Lachnummer und die Medien scheuen sie, wie der Teufel das Weihwasser. In Österreich wird sie als Kronzeugin bejubelt. Zuständig für schräge Ansichten.

Tyler_Durden
 
00
Aber der Unterhaltunswert...

...beider ist bzw. war schwer zu übertreffen.

Hans Müller1
 
01
23.8.2010, 16:29
Ich sehe Hr. Schlingensief hat Sie wirklich dazu bewegt

etwas differenzierter über sich und die Welt nachzudenken

guzo
00
23.8.2010, 21:10

Hat er Sie etwa auch erwischt?
Ujegale...

scala2
00
23.8.2010, 13:20
Mir ist der Jung und durch die Medien breit bekannte Schlingensief eher vorgekommen wie der geniale Buss-Marketing-Mensch der Grünen

Durch sehr kreative, mutige und provokante Methoden hat er schon längst bekannte ja schon medial ausgeslutschte Problemfelder/Themen (Arbeits-, Obdachlosigkeit, Asylanten) interessant für die Medien aufgearbeitet und somit wieder ins Gespräch gebracht aber nichts neues beigetragen oder den Weg zu einer Lösung bereitet etc.

Also genau das was man sich von einem Marketingmenschen erwartet.

Zu einem kritischen Künstler der auch inhaltlich neue Gedanken Wege etc geht/zeigt hat er sich meine Meinung nach erst später entwickelt. Damit ist er aber nicht mehr so in der breiten Öffentlichkeit in Erscheinung getreten.

Kein wunder dass natürlich er aber auch die, die ihn kennen/schätzen doppelt von seinem frühen Ableben getroffen waren.

Die Zeit, die noch bleibt
18
23.8.2010, 13:04

Merkwürdig, wenn er als Provokateur oder radikal bezeichnet wird. Dabei waren seine Aktionen doch immer nur ein Hinweis, wie irr und wirr das sogenannte Normale ist. Wenn man das Übliche als paradox entlarvt, wird man immer als verrückt oder marginal bezeichnet. Dabei sind die Aussätzigen doch viel eher normal, weil sie authentische Empfindungen haben.

Und wenn man todkrank ist, wird man noch durchlässiger für die Widersinnigkeiten und Absurdismen der Welt.

Weiter unten schreibt jemand, Schlingensief wollte nicht gemocht werden. Pardon, aber gerade danach sehnte er sich sehr. Er meinte, dass es im Grunde nur darauf ankomme, gebraucht und geliebt zu werden. Und damit hat er das Wesentliche gesagt.

speakers corner
19
23.8.2010, 12:51
Würde mich mal interessieren wie lange er im Standard Forum frei posten dürfte.

Irgendwie scheinheilig das der Standard einen Provokateur hoch jubelt aber im Forum alles Kontoverse löscht!

ölika
00
23.8.2010, 15:04

schön, für wie wichtig sie postings halten hahaha

Hui Buh
31
23.8.2010, 13:41
Neidig?

Zu einem solchen Ausnahmekünstler Provokateur zu sagen... abgesehen davon, dass Kunst sehr wohl provozieren kann, soll und muß. Wie sonst könnte sie die dröge Masse Herdenvieh zum Nachdenken anregen, Impulse setzen?

Gerda Soros
01
23.8.2010, 23:21

ad Hui Buh:

Das ist wirklich totalitäre Ausdrucksweise: wir, die Erleuchteten, dort die Primitiven.

Wenn es das ist, was Sie von Schlingensief mitgenommen haben, dann sind Sie primitiv geblieben.

alla riscossa
00
23.8.2010, 16:03
für mich

ein langzeitpubertätling mit ein paar wirklich guten ideen!

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