"Eine gewisse Enttabuisierung"

22. August 2010, 16:46
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Psychiaterin Gabriele Fischer im STANDARD-Interview über immer häufiger werdende psychische Erkrankungen

Depression und andere psychische Erkrankungen werden immer häufiger. Psychiaterin Gabriele Fischer erläutert im Gespräch mit Klaus Taschwer mögliche Gründe und weitere Folgen.

Standard: Es hat den Anschein, als ob in den vergangenen Jahren die Anzahl der psychischen Erkrankungen sprunghaft zugenommen hätte. Stimmt das?

Fischer: Dieser Eindruck ist richtig, auch wenn der Anstieg schon seit längerem zu beobachten ist: In Deutschland zum Beispiel sind die Krankenstandstage aufgrund psychischer Erkrankungen bereits zwischen 1997 und 2004 um 70 Prozent gestiegen. Klar ist aber auch, dass dieser Trend weitergehen wird: Die Weltgesundheitsorganisation WHO geht davon aus, dass 2020 Depressionen die zweithäufigste Ursache für Erwerbsunfähigkeit und vorzeitige Sterblichkeit sein werden.

Standard: Woran liegt dieser Anstieg? Sind es die neuen Belastungen der Arbeitswelt – Stichwort Burn-out – oder hat das andere Gründe?

Fischer: Eine wesentliche Rolle spielte sicher auch eine gewisse Enttabuisierung psychischer Erkrankungen wie Burn-out oder der Depression. Dazu kommt, dass viele chronische somatische Erkrankungen wie etwa Herzerkrankungen und Adipositas mit der Folge Diabetes, die ebenfalls häufiger werden, in engem Zusammenhang mit psychiatrischen Störungsbildern stehen.

Standard: Wie äußert sich das?

Fischer: Viele Patienten, die an Adipositas, also "Essucht" leiden, leiden sehr oft auch an Depression. Ähnlich ist es bei Herzerkrankungen und Diabetes. Tritt eine chronische Erkrankung gemeinsam mit einem unbehandelten psychischen Leiden auf, führt das meist zu einer dramatischen Verschlechterung des Gesundheitszustands. Dazu kommt, dass die Medikamente oft nicht mehr verlässlich eingenommen werden.

Standard: Welche Rolle spielt dabei das Geschlecht?

Fischer: Eine wichtige, und zwar auf mehreren Ebenen. Frauen leiden öfter an psychischen Krankheiten als Männer, die eher von somatischen Erkrankungen betroffen sind. Auch bei der Verschreibung von Psychopharmaka ist auf Patientenseite das Geschlecht neben dem Alter der wichtigste Faktor. Frauen erhalten mehr Medikamente verschrieben. Ganz ähnlich sieht es aufseiten der Ärzte aus: Ärztinnen verschreiben mehr Psychopharmaka als ihre männlichen Kollegen. Psychiatrische Fachärzte hingegen sind signifikant zurückhaltender.

Standard: Apropos – wie sieht es in Österreich mit der psychiatrischen Versorgung aus?

Fischer: Da herrscht besonders im ländlichen Bereich großer Nachholbedarf, aber auch in der Stadt gibt es oft lange Wartezeiten. Bei der Facharztausbildung zum Psychiater kam es in den letzten Jahren zu einem Rückgang, weshalb wir einen Antrag stellten, Psychiatrie zum Mangelfach zu erklären, um so Lücken zu schließen. (Klaus Taschwer, DER STANDARD, Printausgabe, 23. August 2010)

foto: fischer

GABRIELE FISCHER (50) ist Professorin für Psychiatrie an der Med-Uni
Wien und Mitglied des Obersten Sanitätsrats.

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