Psychiaterin Gabriele Fischer im STANDARD-Interview über immer häufiger werdende psychische Erkrankungen
Depression und andere psychische Erkrankungen werden immer häufiger. Psychiaterin Gabriele Fischer erläutert im Gespräch mit Klaus Taschwer mögliche Gründe und weitere Folgen.
***
Standard: Es hat den Anschein, als ob in den vergangenen Jahren die
Anzahl der psychischen Erkrankungen sprunghaft zugenommen hätte. Stimmt
das?
Fischer: Dieser Eindruck ist richtig, auch wenn der Anstieg schon seit
längerem zu beobachten ist: In Deutschland zum Beispiel sind die
Krankenstandstage aufgrund psychischer Erkrankungen bereits zwischen
1997 und 2004 um 70 Prozent gestiegen. Klar ist aber auch, dass dieser
Trend weitergehen wird: Die Weltgesundheitsorganisation WHO geht davon
aus, dass 2020 Depressionen die zweithäufigste Ursache für
Erwerbsunfähigkeit und vorzeitige Sterblichkeit sein werden.
Standard: Woran liegt dieser Anstieg? Sind es die neuen Belastungen der
Arbeitswelt - Stichwort Burn-out - oder hat das andere Gründe?
Fischer: Eine wesentliche Rolle spielte sicher auch eine gewisse
Enttabuisierung psychischer Erkrankungen wie Burn-out oder der
Depression. Dazu kommt, dass viele chronische somatische Erkrankungen
wie etwa Herzerkrankungen und Adipositas mit der Folge Diabetes, die
ebenfalls häufiger werden, in engem Zusammenhang mit psychiatrischen
Störungsbildern stehen.
Standard: Wie äußert sich das?
Fischer: Viele Patienten, die an Adipositas, also "Essucht" leiden,
leiden sehr oft auch an Depression. Ähnlich ist es bei Herzerkrankungen
und Diabetes. Tritt eine chronische Erkrankung gemeinsam mit einem
unbehandelten psychischen Leiden auf, führt das meist zu einer
dramatischen Verschlechterung des Gesundheitszustands. Dazu kommt, dass
die Medikamente oft nicht mehr verlässlich eingenommen werden.
Standard: Welche Rolle spielt dabei das Geschlecht?
Fischer: Eine wichtige, und zwar auf mehreren Ebenen. Frauen leiden
öfter an psychischen Krankheiten als Männer, die eher von somatischen
Erkrankungen betroffen sind. Auch bei der Verschreibung von
Psychopharmaka ist auf Patientenseite das Geschlecht neben dem Alter der
wichtigste Faktor. Frauen erhalten mehr Medikamente verschrieben. Ganz
ähnlich sieht es aufseiten der Ärzte aus: Ärztinnen verschreiben mehr
Psychopharmaka als ihre männlichen Kollegen. Psychiatrische Fachärzte
hingegen sind signifikant zurückhaltender.
Standard: Apropos - wie sieht es in Österreich mit der psychiatrischen
Versorgung aus?
Fischer: Da herrscht besonders im ländlichen Bereich großer
Nachholbedarf, aber auch in der Stadt gibt es oft lange Wartezeiten. Bei
der Facharztausbildung zum Psychiater kam es in den letzten Jahren zu
einem Rückgang, weshalb wir einen Antrag stellten, Psychiatrie zum
Mangelfach zu erklären, um so Lücken zu schließen. (Klaus Taschwer, DER STANDARD, Printausgabe, 23. August 2010)
GABRIELE FISCHER (50) ist Professorin für Psychiatrie an der Med-Uni
Wien und Mitglied des Obersten Sanitätsrats.