Den vielfältigen Erkrankungen der Seele war ein Schwerpunkt der Gesundheitsgespräche gewidmet
Alpbach - Was ist krank? Und was ist gesund? So ganz genau lässt sich
das in vielen Fällen nicht sagen - nicht einmal von der Medizin selbst.
Denn Krankheiten sind im "Normalfall" beides: Eine physische Realität,
aber auch eine soziale Konstruktion, wie Richard Smith sagt,
international renommierter Gesundheitsexperte und Leiter der
UnitedHealth's Chonic Disease Initiative in Großbritannien.
Der frühere Herausgeber des British Medical Journal hielt den
Eröffnungsvortrag der diesjährigen Gesundheitsgespräche des Europäische
Forum Alpbach und illustrierte seine These mit zwei Beispielen: Einer in
den letzten Jahren konstruierten und einer des konstruierten Krankheit:
der sexuellen Dysfunktion bei Frauen und der Homosexualität.
Während Homosexualität zumindest in unserer Gesellschaft längst nicht
mehr als Krankheit gelte, obwohl sie früher als solche angesehen wurde,
sei die weibliche sexuelle Dysfunktion in den letzten Jahren vor unseren
Augen zu einer solchen gemacht worden - nicht zuletzt deshalb, weil
Pharmafirmen mit Medikamenten dagegen Geld verdienen wollten.
Aber Smith brachte auch noch andere Beispiele, bei denen die Initiative
nicht von den Pillenerzeugern, sondern von den Betroffenen selbst
ausgeht: "In Großbritannien streitet man sich darüber, ob das chronische
Erschöpfungssyndrom als Krankheit anerkannt werden soll oder nicht. Die
Betroffenen drängen darauf, weil ihnen das entsprechende
Unterstützungszahlungen bringen würde."
Konstruierte Wirklichkeiten
"Entwurf und Wirklichkeit", so lautet das diesjährige Generalthema des
Europäischen Forum Alpbach. Für die bis heute dauernden
Gesundheitsgespräche erwies sich dieses begriffliche Gegensatzpaar als
sehr produktiv, zumal es auch zum Nachdenken darüber anregte, ob wir es
mit unseren heutigen Definitionen von chronischen Krankheiten nicht auch
übertrieben, wie Smith argumentierte. "Bluthochdruck gilt, wenn er nur
einen bestimmten Wert überschritten hat, ebenfalls als Krankheit."
Der erste inhaltliche Schwerpunkt der Gesundheitstage in Alpbach war
dann den psychischen Krankheiten gewidmet. Und auch da wurde das
Spannungsverhältnis von Konstruktion und Realität offenbar: Denn noch
mehr als beim Blutdruck sind bei seelischen Befindlichkeiten und
negativen Stimmungslagen die Grenzen zwischen gesund und krank oftmals
fließend, und gerade auch hier kommt es immer wieder zu
"Dekonstruktionen" von Krankheitsbildern.
Ein anschauliches Beispiel dafür brachte auch Gabriele Fischer von der
Medizinischen Universität Wien (siehe Interview). Die Professorin
für Psychiatrie und Suchttherapie-Expertin verwies in ihrem Vortrag auf
die "Psycho-Pathologisierung" von Frauen unter besonderer
Berücksichtigung der Menopause hin: Entgegen früheren Annahmen bringt
das Ende der reproduktiven Phase der Frau kein erhöhtes
Depressionsrisiko mit sich.
450 Millionen Leidende
Faktum ist allerdings, dass psychische Erkrankungen zusammengenommen das
wohl größte Gesundheitsproblem weltweit darstellen, wie Thomas
Bornemann, Direktor eines avancierten Programms für "Mental Health" in
Atlanta (USA), anhand konkreter Zahlen belegte: 450 Millionen Menschen
weltweit leiden daran, die meisten ohne Behandlung.
Im Zentrum von Bornemanns Ausführungen stand freilich eine andere
"soziale Konstruktion", die den Umgang mit psychischen Erkrankungen und
ihre Behandlung besonders erschwert: nämlich die Stigmatisierung der
Betroffenen und ihrer nächsten Angehörigen. Aber Bornemann hatte auch
Beispiele parat, wie insbesondere durch Medienkampagnen viel zur
Verbesserung des öffentlichen Bewusstseins getan werden kann.
Dass freilich auch die Fachvertreter dagegen nicht immun sind,
illustrierte Paul Hoff, Chefarzt der Psychiatrischen Universitätsklinik
Zürich, anhand einer Studie, die seine Kollegen machten. Sie fragten die
Teilnehmer, ob sie einem ehemals psychotisch Kranken, der seit einem
Jahr völlig gesund ist, das eigene Kind zum Babysitten anvertrauen
würden. Diejenigen, die am häufigsten mit "Nein" antworteten, waren die
Psychiater. (Klaus Taschwer, DER STANDARD, Printausgabe, 23. August 2010)