Wie Krankheiten entworfen und verworfen werden

22. August 2010, 17:00
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Den vielfältigen Erkrankungen der Seele war ein Schwerpunkt der Gesundheitsgespräche gewidmet

Alpbach - Was ist krank? Und was ist gesund? So ganz genau lässt sich das in vielen Fällen nicht sagen - nicht einmal von der Medizin selbst. Denn Krankheiten sind im "Normalfall" beides: Eine physische Realität, aber auch eine soziale Konstruktion, wie Richard Smith sagt, international renommierter Gesundheitsexperte und Leiter der UnitedHealth's Chonic Disease Initiative in Großbritannien.

Der frühere Herausgeber des British Medical Journal hielt den Eröffnungsvortrag der diesjährigen Gesundheitsgespräche des Europäische Forum Alpbach und illustrierte seine These mit zwei Beispielen: Einer in den letzten Jahren konstruierten und einer des konstruierten Krankheit: der sexuellen Dysfunktion bei Frauen und der Homosexualität.

Während Homosexualität zumindest in unserer Gesellschaft längst nicht mehr als Krankheit gelte, obwohl sie früher als solche angesehen wurde, sei die weibliche sexuelle Dysfunktion in den letzten Jahren vor unseren Augen zu einer solchen gemacht worden - nicht zuletzt deshalb, weil Pharmafirmen mit Medikamenten dagegen Geld verdienen wollten.

Aber Smith brachte auch noch andere Beispiele, bei denen die Initiative nicht von den Pillenerzeugern, sondern von den Betroffenen selbst ausgeht: "In Großbritannien streitet man sich darüber, ob das chronische Erschöpfungssyndrom als Krankheit anerkannt werden soll oder nicht. Die Betroffenen drängen darauf, weil ihnen das entsprechende Unterstützungszahlungen bringen würde."

Konstruierte Wirklichkeiten

"Entwurf und Wirklichkeit", so lautet das diesjährige Generalthema des Europäischen Forum Alpbach. Für die bis heute dauernden Gesundheitsgespräche erwies sich dieses begriffliche Gegensatzpaar als sehr produktiv, zumal es auch zum Nachdenken darüber anregte, ob wir es mit unseren heutigen Definitionen von chronischen Krankheiten nicht auch übertrieben, wie Smith argumentierte. "Bluthochdruck gilt, wenn er nur einen bestimmten Wert überschritten hat, ebenfalls als Krankheit."

Der erste inhaltliche Schwerpunkt der Gesundheitstage in Alpbach war dann den psychischen Krankheiten gewidmet. Und auch da wurde das Spannungsverhältnis von Konstruktion und Realität offenbar: Denn noch mehr als beim Blutdruck sind bei seelischen Befindlichkeiten und negativen Stimmungslagen die Grenzen zwischen gesund und krank oftmals fließend, und gerade auch hier kommt es immer wieder zu "Dekonstruktionen" von Krankheitsbildern.

Ein anschauliches Beispiel dafür brachte auch Gabriele Fischer von der Medizinischen Universität Wien (siehe Interview). Die Professorin für Psychiatrie und Suchttherapie-Expertin verwies in ihrem Vortrag auf die "Psycho-Pathologisierung" von Frauen unter besonderer Berücksichtigung der Menopause hin: Entgegen früheren Annahmen bringt das Ende der reproduktiven Phase der Frau kein erhöhtes Depressionsrisiko mit sich.

450 Millionen Leidende

Faktum ist allerdings, dass psychische Erkrankungen zusammengenommen das wohl größte Gesundheitsproblem weltweit darstellen, wie Thomas Bornemann, Direktor eines avancierten Programms für "Mental Health" in Atlanta (USA), anhand konkreter Zahlen belegte: 450 Millionen Menschen weltweit leiden daran, die meisten ohne Behandlung.

Im Zentrum von Bornemanns Ausführungen stand freilich eine andere "soziale Konstruktion", die den Umgang mit psychischen Erkrankungen und ihre Behandlung besonders erschwert: nämlich die Stigmatisierung der Betroffenen und ihrer nächsten Angehörigen. Aber Bornemann hatte auch Beispiele parat, wie insbesondere durch Medienkampagnen viel zur Verbesserung des öffentlichen Bewusstseins getan werden kann.

Dass freilich auch die Fachvertreter dagegen nicht immun sind, illustrierte Paul Hoff, Chefarzt der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich, anhand einer Studie, die seine Kollegen machten. Sie fragten die Teilnehmer, ob sie einem ehemals psychotisch Kranken, der seit einem Jahr völlig gesund ist, das eigene Kind zum Babysitten anvertrauen würden. Diejenigen, die am häufigsten mit "Nein" antworteten, waren die Psychiater. (Klaus Taschwer, DER STANDARD, Printausgabe, 23. August 2010)

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