Hinter schottische Gardinen gebracht

22. August 2010, 16:44
  • Rebus-Romane sind wie eine Karussellfahrt: Man steigt irgendwo ein, dreht eine Runde und hat dann ein vages Bild von Edinburgh.
    foto: aumüller

    Rebus-Romane sind wie eine Karussellfahrt: Man steigt irgendwo ein, dreht eine Runde und hat dann ein vages Bild von Edinburgh.

Mit seinen Rebus-Krimis hat Ian Rankin auch touristische Ermittler nach Edinburgh gelockt

"Es war einer dieser kühlen, dämmerigen Tage, die es in Schottland in mindestens drei Jahreszeiten geben kann: der Himmel, ein schiefergraues Dach ..." Den Wetterbericht stellt der britische Autor Ian Rankin erst an den Anfang zweiter Kapitel, als Edinburgh-Einstieg wählt er zum Glück facettenreichere Bilder für den Tatort. Sein Inspektor John Rebus setzt die - auch touristisch relevanten - Puzzlesteine der Krimis dann zu einem stimmigen Ganzen zusammen. Ermittler in Eigenregie wiederum greifen gerne auf die Romane als Reiseführer zurück, um einen eigentlich glasklaren Fall zu lösen: Wo ein Inspektor mit dreißig Jahren Edinburgh-Erfahrung hingeht, gibt es etwas zu sehen.

Die Oxford Bar in der Young Street ist dafür ein gutes Indiz. Rankin wollte ursprünglich ihren Namen in den Romanen ändern, nicht zuletzt, um die eigene Privatsphäre zu schützen. Der Autor, der ebenfalls seit dreißig Jahren in der Stadt lebt, ist nämlich in diesem Pub noch öfter Kunde als sein Inspektor. Dass Heimlichtuerei andererseits nichts nützt in Edinburgh (Rankin: "eine Großstadt von der Größe einer Kleinstadt, die wie ein Dorf funktioniert"), war ihm klar - er beließ es bei den echten Namen. Wenn Rebus- wie Rankin-Jäger hier dennoch kein leichtes Spiel haben, liegt das an Harry, dem mürrischen Barkeeper der Rebus-Welt und des fiktionsfreien Raumes. Wer ihn als Informanten gewinnen will, muss erst einmal ein Glas Glen Ord bestellen - seinen besten, also auch teuersten Malzwhisky.

Der Arthur's Seat ist mit und ohne Rebus ein toller Schauplatz: Von einem Tafelberg quasi in der Innenstadt können reisende Leser weder in Donna Leons Venedig noch in Henning Mankells Ystad über den Tatort blicken. Und dennoch gewinnt die Kulisse dieser urbanen Highlands - mit drei Lochs und einem Moor - an Reiz durch die Nachlese in Rankins Puppenspiel. Dort oben wurden von seinen fiktionalen und zuvor von realen Archäologen siebzehn Miniatursärge für Holzpuppen entdeckt. Für Inspektor Rebus sind sie Beweisstücke der exzentrischen Ankündigungspolitik eines Serientäters, für die echt ermittelnden Ethnologen des Schottischen Nationalmuseums blieben sie ein unlösbarer Fall.

Mit den ersten schweren Regentropfen am Arthur's Seat lernen wir Rankins literarische Wetterwarnung zu schätzen - weil der Autor niemals zu erwähnen vergisst, wo sich Rebus dann unterstellt. "Da wären wir also. Das hier ist die Abteilung Glaube - Aberglaube - Jenseits", sagte die Ausstellungsleiterin zu Rebus und zeigte ihm die Holzpuppen. Aber da nun wir - wir umfassender ermittelnde Touristen - schon einmal im Museum of Scotland sind, lassen wir auch die drei anderen Stockwerke nicht aus: Welcher Lurch hier wann und welchem Loch ausgestorben ist, bringen wir in Erfahrung, und warum der schottische Energydrink Irn-Bru so erfolgreich ist. Wie gesagt: Die Auswahl relevanter Schauplätze in Edinburgh, sollte man einem erfahrenen Inspektor überlassen.

Dass Rebus' erster Fall - Verborgene Muster - auch den Autor Rankin immer wieder ins Writer's Museum am Lawnmarket führte, ist ein gutes Zeichen für die Relevanz von Informationen: Rankins Interpretation des klassischen Dr.-Jekyll-und-Mr.-Hyde-Stoffes passt nämlich tatsächlich nach Edinburgh wie Nessie ins Loch. Der Autor der Urfassung, Robert Louis Stevenson, führte erwiesenermaßen selbst ein Doppelleben in Edinburgh - stets pendelnd zwischen der heilen Welt einer Neustadt nördlich der Burg und der offensichtlich inspirierenden Halbwelt von Bordellen in der nunmehr retuschierten Altstadt. Dennoch gab Stevenson lieber an, von der Geschichte eines anderen Edinburgher Halbweltenbummlers beeinflusst gewesen zu sein - von William Brodie, der hier tagsüber als ehrbarer Tischler arbeitete und gleichzeitig Pläne für spektakuläre, nächtliche Einbrüche zusammenzimmerte. Auch ihm ist im Writer's Museum ein eigenes Kabinett gewidmet.

Bemerkenswert bei all diesen literarischen Indizien für eine Vorgeschichte als Tatort, der nun zuhauf von touristischen Sonder- ermittlern untersucht wird: Völlig entnervte, aber eigentlich unschuldige Bewohner, die von Dan-Brown-Lesern anderorts schon als dringend tatverdächtig oder zumindest als wertvolle Informanten eingestuft wurden, scheinen Edinburgh bisher weitgehend erspart geblieben zu sein. (Sascha Aumüller/DER STANDARD/Printausgabe/21.08.2010)

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1 Posting
Bilder aus Edinburgh, eine tolle Stadt

http://www.sturmlechner.at/britannie... /index.php

Viel Vergnügen.
A

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