Sieben Wochen vor seinem Tod musste Regisseur eine Ruhrtriennale-Produktion kurzfristig absagen
Berlin/Gelsenkirchen - Sieben Wochen vor seinem Tod
musste der an Lungenkrebs erkrankte Regisseur Christoph Schlingensief
die Produktion "S.M.A.S.H.", die für das Kulturfestival Ruhrtriennale
geplant war, kurzfristig absagen. In einem Brief an sein Team und die
Festivalleitung bedauerte er die Entscheidung. Die Nachrichtenagentur
dpa dokumentiert Auszüge aus dem Schreiben, die das Festival am 2.
Juli veröffentlichte.
"Es gibt jetzt leider ein paar harte Neuigkeiten, denen sofort
nachgegangen werden muss! Meine Ängste während unserer letzten
Produktion 'Via Intolleranza II' haben sich leider bestätigt, und
schon diese Arbeit war ein harter Kampf, den ich nur mit Eurer Hilfe
bewältigen konnte.
Bitte versteht mich, wenn ich jetzt Zeit brauche und eben nicht
darüber phantasieren möchte, ob ich in dieser Situation nicht die
Möglichkeiten mich künstlerisch auszudrücken, gerade nutzen sollte.
Die Zeit verlangt aber gerade den reinen Realismus, und der Ausdruck
kommt so oder so. Ob durch mich oder andere, die darüber ihre eigenen
Existenzfragen beantworten wollen. Vielleicht kann 'S.M.A.S.H.' sogar
später noch stattfinden. Die Erfahrungen gehen doch weiter, und die
damit verbundenen Gedanken werden sowieso einfließen ... Aber bitte
lasst (meiner Frau) Aino, meinen Freunden und mir jetzt diese Zeit,
und Willy Decker und Ulrich Khuon haben das auch sofort verstanden.
Es ist für uns alle sehr bitter ... aber ich sehe nach sehr
gründlichen und traurigen Überlegungen: diese Arbeit zu diesem
Zeitpunkt würde keine Kraftspende, sondern nur ein höchstriskantes
'Spielchen' werden, das nur den einen Zweck hätte, nämlich so zu tun,
als wäre die beste Therapie: Augen zu und durch. Und das darf jetzt
auf keinen Fall passieren.
Aino und ich haben uns unglaublich auf diese Arbeit gefreut.
Wieder bei der Ruhrtriennale arbeiten zu können, die mir schon vor
zwei Jahren zu Beginn dieser nicht enden wollenden Krise sehr
geholfen hat, wäre für mich eine große Ehre gewesen! Aber nun heißt
es, schnell auf die neuen Befunde reagieren, und dann erst sehen wir
weiter. Ich danke Euch allen und vermisse Euch schon jetzt! Ich hoffe
sehr, dass wir die jetzt entstandene Situation bewältigen werden.
Euer Christoph!"(APA/dpa)