Literaturnobelpreisträgerin: "Schlingensief war einer der größten Künstler, die je gelebt haben"
Wien - "Schlingensief war einer der größten Künstler, die je
gelebt haben", schreibt Elfriede Jelinek in einer
ersten Reaktion auf den Tod des deutschen Regisseurs und
Filmemachers. "Mit einer so unglaublichen Kraft hat er alle um sich
geschart, seine Gruppe Behinderter, dann auch Schauspielerinnen,
Schauspieler, Menschen, die wie von einer umgekehrten Fliehkraft
buchstäblich an ihn herangerissen wurden (die er an sich gerissen
hat), und mit ihnen hat er hat seine Projekte durchgezogen,
vorangepeitscht, auch das Projekt seines Opernhauses in Afrika - ich
dachte immer, so jemand kann nicht sterben. Das ist, als ob das Leben
selbst gestorben wäre."
Und die Nobelpreisträgerin, deren Stück "Bambiland"
Schlingensief
2003 im Burgtheater uraufgeführt hatte, weiter: "Er war nicht
eigentlich Regisseur (trotz Bayreuth und Parsifal), er war alles, ich
weiß kein andres Wort dafür: Er war DER Künstler schlechthin. Er hat
eine neue Gattung geprägt, die sich jeder Einordnung entzogen hat. Es
kann keinen wie ihn mehr geben. Ein furchtbar trauriger Tag."
Daniel Barenboim und Jürgen Flimm haben Christoph Schlingensief als einen "außerordentlichen Künstler" gewürdigt. "Die Staatsoper Unter den Linden trauert um Christoph Schlingensief", erklärten der Generalmusikdirektor und der Intendant des Berliner Traditionshauses am Sonntag gemeinsam mit allen Mitarbeitern. "Sein beispielloser Erfindungsgeist schuf immer wieder neue Vorhaben, Ideen und Pläne - auch langfristige - hier bei uns und in Burkina Faso." Schlingensief sollte am 3. Oktober mit der Uraufführung der Oper "Metanoia" die neue Spielzeit der Staatsoper in ihrem Ausweichquartier im Schiller Theater eröffnen. Das Haus der Staatsoper in Berlins Mitte wird derzeit umgebaut.
"Lebensspendender
Anarchist"
Für den Intendanten der Wiener Festwochen, Luc Bondy,
war Schlingensief "ein lebensspendender
Anarchist, eine große Figur in der deutschen Kultur", wie er in einem
Statement schreibt. "Auch wenn Montaigne
empfiehlt, man müsse sich mit dem Tod sein ganzes Leben lang
anfreunden, tut man es nicht. Christoph Schlingensief hat sich
intensiv (leider war mir manchmal das Zusammenspiel mit den Medien
ein wenig viel) mit seiner Krankheit auseinandergesetzt, aber sterben
wollte er nicht. Und wir freilich auch nicht", so Bondy.
Auch die Österreichischen Bundestheater trauern "um einen großen
Künstler". Für Bundestheater Holding-Chef Georg Springer verliert
die
Kunstwelt mit Schlingensief "nicht nur eine ihrer kreativsten und
schillerndsten Persönlichkeiten, sondern vor allem einen
außergewöhnlichen Menschen, der mit Hingabe für die Kunst und für
seine Träume lebte". Seine schwere Krankheit sei für ihn kein Grund
zur Selbstaufgabe gewesen, sondern vielmehr ein Antrieb, seine
unaufhörlich sprudelnden Ideen in einer Geschwindigkeit umzusetzen,
die den Betrachter zeitweilig schwindlig werden ließ.
"Finger immer in Wunde gelegt"
Für die Schauspieldirektorin der Wiener Festwochen,
Stefanie Carp, die mit Schlingensief seit vielen Jahren
kontinuierlich
zusammengearbeitet hat, war Schlingensief "einer der herausragendsten
und vor allem originär kreativsten und sich einmischenden Künstler,
die es in den letzten 20 Jahren gegeben hat", wie sie am Sonntag
betonte. Schlingensief habe "immer den Finger in
die Wunde gelegt und mit einem unglaublichen Engagement für die
Menschen gearbeitet".
"Großartiger Wachrüttler"
Der Theatermacher und ehemalige
Intendant unter anderem der Münchner Kammerspiele, Frank Baumbauer
(64), hat Schlingensief als
"großartigen Wachrüttler" gewürdigt. "Er war ein unglaublich
wichtiger Kollege und Partner für die Theaterleute und hat wohl bei
allen Menschen, die seine Arbeit verfolgten, einen bleibenden
Eindruck hinterlassen", sagte Baumbauer. "Schlingensief war ein großartiger
Wachrüttler und hat uns alle irritiert, wenn wir es uns mal wieder so
richtig bequem gemacht hatten."
Schlingensiefs Tod sei ein unglaublicher Verlust. "Er ist mit
49
Jahren gestorben - viel zu jung. Er hatte viel zu wenig Zeit, um uns
alle so richtig zu schütteln und zu irritieren", sagte Baumbauer, der
als Intendant des Deutschen Schauspielhauses Hamburg in den 90er
Jahren mit Schlingensief das mehrtägige Theaterprojekt "Passion
Impossible - 7 Tage Notruf für Deutschland" gemacht hatte.
"Schlingensief war ein ganz großer Menschenfreund - und ein
charmanter Filou. Kaum hatte er einem die Hand gegeben, schon hatte
er einen aufs Kreuz gelegt", sagte Baumbauer.
"Aus seinen Arbeiten sind viele wichtige Impulse entstanden,
denn
er hat die Dinge benannt, den Finger in die Wunden gelegt - und das
mit enormer künstlerischer Verve, mit Charme und Intelligenz."
Schlingensief sei ein unglaublicher Glücksfall für das
Gegenwartstheater gewesen. "Mit seinen neuen Theaterformen und
veränderten Wertigkeiten hat er uns durch seine Verhaftungen in der
Wirklichkeit wieder und wieder aus unseren netten Nestern
herausgeworfen. Er hat wirklich Großartiges gemacht und etwas
bedeutet - ob in Hamburg, in Berlin, in Bayreuth, in Wien oder in
Afrika."
"Ein ganz Großer"
Opernregisseurin Katharina Wagner hat
Christoph Schlingensief als einen großen Künstler gewürdigt. "Ich bin
tief erschüttert, schockiert und traurig", sagte die Bayreuther
Festspielleiterin zum Tod Schlingensiefs. "Es tut mir wahnsinnig
leid, vor allem weil er so gekämpft hat", ergänzte die 32-Jährige am
Rande der Live-Übertragung der Wagner-Oper "Die Walküre" auf dem
Bayreuther Volksfestplatz. Schlingensief hatte bei den Bayreuther
Festspielen von 2004 bis 2007 Wagners Werk "Parsifal" inszeniert. "Er
war einer der wirklich Großen in unserem Milieu", sagte Katharina
Wagner am Samstag.
Berlinale-Direktor Dieter Kosslick bezeichnete Schlingensief
als
großen Filmemacher und politischen Künstler. Schlingensief habe im
wahrsten Sinne gemacht, was er wollte. Er sei ein Mensch gewesen, der
sich aus einer tiefen moralischen Überzeugung heraus über
Ungerechtigkeiten aufgeregt habe, sagte Kosslick am Samstag im
rbb-Inforadio. Mit seiner Kunst habe sich Schlingensief gegen
Abschiebungen, Rassismus und Menschenrechtsverletzungen engagiert.
Reaktionen aus der Politik
Der Wiener Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny hat
sich tief betroffen vom Tod Christoph
Schlingensiefs gezeigt. Dieser habe "mit seiner Radikalität und
Bedingungslosigkeit dem Theater neue Räume und Mittel eröffnet",
betonte der SPÖ-Politiker am Samstagabend in einer Aussendung.
Schlingensief habe "kaum einen Unterschied zwischen Kunst und Leben
gekannt". "Mit ihm verlieren wir einen Ausnahmekünstler, der in
allem, was er tat, kompromisslos aufging."
"Er war einer der bedeutendsten und eigenwilligsten Künstler:
Weit
über den deutschsprachigen Raum hinaus hat er mit seiner Radikalität
und Bedingungslosigkeit dem Theater neue Räume und Mittel eröffnet",
so Mailath-Pokorny. "Durch sein ganzes Schaffen zogen sich eine
Leidenschaft und Entschlossenheit, die jede seiner Arbeiten, so
rücksichtslos avantgardistisch sie auf den ersten Blick scheinen
mochten, mit großer Menschlichkeit und Wärme erfüllten." Kunst und
Theater seien seine Art gewesen, sich den Dingen zu nähern und mit
ihnen umzugehen, "sei es mit Fremdenhass, mit der Ausbeutung des
Südens, sei es mit seiner eigenen Krebserkrankung".
"Dieser verdammte Krebs!"
Die Chefin der deutschen Grünen, Claudia Roth, äußerte sich
zutiefst erschüttert: "Dieser verdammte
Krebs! Mit Christoph Schlingensief verliert die Bundesrepublik einen
der kreativsten, vielseitigsten und radikalsten Künstler", erklärte
Roth am Samstag in Berlin. "Er hat unser Land mit seinen Arbeiten in
aller Welt vertreten - von Bayreuth bis zum Amazonas, von der Ruhr
bis nach Burkina Faso. Die Vollendung seines Traumes von einem
Operndorf in Afrika konnte er nicht mehr miterleben, aber die
Hoffnung bleibt, dass dieses Projekt in seinem Sinne realisiert
wird."
"Tief betroffen" reagierte auch der Berliner Bürgermeister
Klaus
Wowereit. "Ein großer Theatermann verlässt die Bühne", sagte Wowereit am Samstag. Schlingensiefs Name sei mit
dem Ruf der Berliner Volksbühne als einem großen gesamtdeutschen
Theater verbunden. Der Berliner Kulturstaatssekretär André Schmitz,
der als früherer Verwaltungsdirektor der Volksbühne mit Schlingensief
zusammengearbeitet hatte, würdigte Schlingensief als wunderbaren
Menschen und herausragenden Künstler: "Ein Theatermacher, dessen
Provokationen uns fehlen werden."
Der deutsche Kulturstaatsminister Bernd Neumann hat den
verstorbenen Christoph Schlingensief als einen der
vielseitigsten und innovativsten Künstler der Kulturszene gewürdigt. Schlingensief habe die deutschsprachige Film- und
Theaterwelt stark beeinflusst, erklärte Neumann am Samstag. "Zu seinen
Stilmitteln gehörte nicht selten die Provokation, mit der er ganz bewusst auch
über den Kulturbereich hinaus Kontroversen auslösen und irritieren wollte."
Schlingensiefs Schaffen und seiner Kreativität
habe der Respekt vieler Kritiker gegolten. (APA)