Im Dezember 2000 war Christoph Schlingensief zu Gast im derStandard.at-Chat.
foto: epa/soeren stache
Wien/Berlin - Der Theater- und Filmregisseur Christoph Schlingensief ist tot. Er starb im Alter von 49 Jahren am Samstag in Berlin, wie seine Ehefrau Aino der Nachrichtenagentur dpa bestätigte. Schlingensief gehörte zu den bedeutendsten Regisseuren der Gegenwart und hat wie nur wenige die deutschsprachige Film- und Theaterwelt beeinflusst. Schlingensief war Anfang 2008 an Lungenkrebs erkrankt. Nach einer Operation ging es ihm zunächst wieder besser.
2009 gehörte der Regisseur auch zur Jury der Internationalen Filmfestspiele in Berlin. Im Mai 2010 inszenierte er das Opernprojekt "Via Intolleranza II" nach Luigi Nono in Brüssel und anderen Orten. Im kommenden Oktober stand eine Inszenierung zur Wiedereröffnung des Berliner Schillertheaters als Ausweichspielstätte von Daniel Barenboims Staatsoper auf seinem Terminkalender. Zuletzt hatte Schlingensiefs überraschende Berufung zur künstlerischen Gestaltung des deutschen Pavillons bei der Biennale in Venedig 2011 Aufsehen erregt. An der Pressekonferenz zur Vorstellung seiner Pläne hatte er Anfang Juli in Frankfurt am Main aber krankheitsbedingt nicht teilnehmen können.
Von "Rocky Dutschke, 68" bis Anti-Schwarz-Blau
In den 1990er Jahren gehörte Schlingensief zu Frank Castorfs Hausregisseuren an der Berliner Volksbühne. Bekannt wurde Schlingensief vor allem mit seinen frühen Filmen "Das deutsche Kettensägenmassaker" (1990), "Terror 2000 - Intensivstation Deutschland" (1992) und der TV-"Talkshow 2000" sowie mit seinen Theaterinszenierungen, Kunstperformances und Installationen wie "100 Jahre CDU", "Rocky Dutschke, 68", "Passion Impossible - 7 Tage Notruf für Deutschland" (in Hamburg), und "Hamlet" in Zürich. Von 2004 bis 2007 gab er sein spektakuläres Debüt als Opernregisseur bei den Bayreuther Festspielen mit Richard Wagners "Parsifal".
In Österreich sorgte er nach der umstrittenen schwarz-blauen Regierungsbildung für Aufsehen, als er im Mai 2000 in Anlehnung an die damals beliebte Fernsehsendung "Big Brother" einen Container mit Asylbewerbern vor der Wiener Staatsoper aufstellen ließ. Die Bewohner wurden gefilmt, die Aufnahmen ins Internet live übertragen. Jeden Tag mussten dann zwei der "Asylwerber" nach einer Internet- und Telefonabstimmung ausscheiden und wurden "abgeschoben".
Trailer zur Dokumentation "Ausländer raus - Schlingensiefs Container", Quelle: Youtube
Schlingensief inszenierte auch mehrere Male am Wiener Burgtheater. Dort wurde die Todesnachricht am Samstagnachmittag mit Bestürzung aufgenommen. Burgtheater-Sprecherin Konstanze Schäfer sagte, man habe noch auf eine Koproduktion mit den Wiener Festspielen im kommenden Jahr gehofft. "Das war ja das Wichtigste: Daran zu glauben, dass es weitergeht!" Schlingensief sei "einer der angesehensten Künstler" gewesen, "die am Haus gearbeitet haben" Daher sei es keineswegs bloß eine Phrase, wenn sie sage: "Das ganze Burgtheater ist in tiefer Trauer."
Schlingensief setzte sich in jüngster Zeit vermehrt künstlerisch mit seiner Krebserkrankung auseinander, etwa mit seinen letzten Inszenierungen "Mea Culpa" (sie hatte im März 2009 am Wiener Burgtheater Premiere), "Kirche der Angst" oder "Sterben lernen". Im Frühjahr 2009 veröffentlichte Schlingensief sein "Tagebuch einer Krebserkrankung", das große Beachtung gefunden hatte. Der Erscheinungstermin seiner Memoiren wurde kürzlich ohne Angabe von Gründen verschoben. Sie hätten Ende September, rechtzeitig vor dem 50. Geburtstag Schlingensiefs, in die Buchhandlungen kommen sollen. (APA)
Gastspiel beim steirischen herbst und "Anti-Kanzler-Baden" - Aufregung um "Ausländer raus"-Container - Uraufführung von "Bambiland", "Aera 7" und "Mea culpa" an der Burg
Finstere Tage. Dennoch das Gefühl, dass der Dialog mit ihm einfach weitergeht. Weil es eine Schande wäre, wenn etwas "abreißen" würde. Claus Philipp über Christoph Schlingensief
Mit der verwirrend dichten Opern-Revue "Mea Culpa" gelingt es Christoph Schlingensief auf hinreißende Weise, die "Burg" in eine Therapiestation zu verwandeln
offenbar ist es für die standardschmöcke bereits zensurwürdig, wenn man sich erlaubt, den großteil der peinlich-kitschigen "jetzt-geht's-dir-besser"-postings als verkappte bigotterie, die einem schlingensief garantiert zuwider gewesen wären, zu bezeichnen.
dafür darf man hier den "schlechteren" ersatzweise für ihn einen frühen tod wünschen.
standardmoral.
schlingensief hat früh erkannt wie man gezielt provoziert und die aufmerksamkeit der medien auf sich lenkt. manche seiner aktionen waren eher plump, andere durchaus amüsant. insofern ist es schade, daß er tot ist.
schlingensief zum überragenden künstler hochzustilisieren, an den man sich in >50 jahren noch erinnern wird, ist natürlich lächerlich, um nicht zu sagen peinlich.
aber man hat den rechten damals ihre hysterie in bezug auf haider gelassen, also muß man den linken auch eine ähnliche hysterie in bezug auf schlingensief zugestehen - jedem seine persönliche lady di.
Petzi Jelinek schreibt erschütternde Worte. Und besonders nett das Postig. Es gibt kein Theater mehr nach Schligensief. Bitte ernst nehmen. Sperrt die unrentablen Theater zu!
Das ist sehr traurig, es berührt mich wirklich. Ich habe Schlingensief stets für sein Selbstvertrauen und seinen Mut bewundert (so wie ich auch jede andere Person, die Selbstvertrauen und Mut besitzt, bewundere). Was der immer wieder für Töne angeschlagen hat - herrlich.
Lungenkrebs ist eine so verdammt tückische Krankheit, leider war mit diesem tragischen Ausgang zu rechnen.
namen sind schall und rauch, an ihren taten sollt' ihr sie messen, an jenen momenten die nahe gehen, wenn man sich darauf einlassen will. dieser mann hat viele bewegt, kaum jemand hat so viel gewaltfreien schrecken verbreitet, der einem die eigene kleingeistigkeit derartig vor augen führte. dafür gebührt ihm respekt!
für die zukunft hat er sich pathos gewünscht. daran wird gearbeitet, schade dass er es nicht mehr erleben durfte.
Viel Platz ist hier ja nicht. Als ich kürzlich von Wien nach Berlin flog, war der C.S. und ein paar Eingeweihte auch im Airbus. 40-Something: Schön war das damals, auf der Burgtheater Treppe, mit Patti Smith, C.S. & Co, dachte ich. Sein Vater fiel mir ein und meine Mutter auch. Kein Haar dazwischen. Möglich/Unmöglich: Geht ja! Leben, Weisheit, Tod? Komplexität und alle 8 Varianten. Jetzt steht in der NYT schon gar nichts von mir und von C.S. eben auch nicht. Aber 100 Jahre sind eine Instanz, die ich schlucke: „Wenn wir bedenken, dass wir alle verrückt sind, ist das Leben erklärt“ (Mark Twain). ? Respekt, Danke Christoph!
Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.
Alle Rechte vorbehalten. Nutzung ausschließlich für den privaten Eigenbedarf. Eine Weiterverwendung und Reproduktion über den persönlichen Gebrauch hinaus ist nicht gestattet.
Bitte geben Sie eine E-Mail-Adresse an.
Aktualisierung Ihrer E-Mail-Adresse
Ihre aktuelle und korrekte E-Mail-Adresse ist Voraussetzung für alle Benachrichtigungen, die Sie von derStandard.at erhalten (z.B. Antworten auf Ihre Postings, Hilfe bei vergessenem Passwort). Zusätzlich werden Sie Ihre E-Mail-Adresse künftig für das Login benötigen.
Daher bitten wir Sie um eine kurze Überprüfung und Bestätigung Ihrer E-Mail-Adresse. Ihre E-Mail-Adresse wird dadurch nicht für Dritte sichtbar!
Die von Ihnen angegebene E-Mail-Adresse ist bereits mit einem anderen Account verknüpft. Bitte geben Sie eine andere E-Mail-Adresse an.
Diese E-Mail-Adresse ist leider ungültig. Bitte verwenden Sie eine dauerhafte E-Mail-Adresse!
Eine E-Mail-Adresse kann nicht für mehrere Accounts verwendet werden!
Aktualisierung Ihrer E-Mail-Adresse
Danke für die Bestätigung Ihrer E-Mail-Adresse. Es wurde ein Bestätigungslink an die angegebene Adresse gesendet.
Aktualisierung Ihrer E-Mail-Adresse
Ein unbekannter Fehler ist aufgetreten. Die E-Mail konnte nicht gesendet werden. Bitte versuchen Sie es noch einmal.