1001 Bunkernacht

21. August 2010, 06:54
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Bruno Max inszeniert mit "Maikäfer flieg" ein extravagantes, märchenhaftes und zugleich schauriges Stationentheater im "Theater im Bunker"

Mödling - Als vor dem Eingang zum ehemaligen Luftschutzbunker plötzlich die Sirene ertönt, fällt einem fast die Zigarette aus der Hand. Auf einmal finden wir uns inmitten kofferbepackter Frauen und Kinder in 40er-Jahre-Garderobe wieder. Unsanft werden wir von einem Offizier mit Hakenkreuzbinde am Oberarm hineingedrängt: Fliegeralarm!

Unter den verschreckten Theaterbesuchern und -protagonisten sitzt ein Siebenjähriger, der von seiner Mutter zum Stillsitzen verurteilt wird. Er hat ein Märchenbuch dabei und beginnt, darin zu lesen.

Im flackernden Schein der Notausgangslichter löst sich das Kriegspanik-Szenario auf und vermischt sich mit den Geschichten der Brüder Grimm, den Sagen von Deutschen Helden und dem legendären Kaiser, der, wie jetzt die Kinder, im Berg wohnen soll.

Michel, sein Märchenbuch fest in der Hand, avanciert zu unserem Touristenführer durch die Unterwelt.

So wie Alice durch den Kaninchenbau ins Wunderland fällt, fallen wir in eine schillernd-schummrige Märchenwelt. Am Eingang zum Bunkerlabyrinth steht der "Zaa-werg" Alberich und weist die Richtung.

Klassisches und Schönes ist dabei in dem Mix aus Grimms und Hans Christian Andersens Geschichten, die an zwanzig Stationen auf teils bunt-prinzessinnenhaft, teils angsteinflößend-realen Mini-Bühnen dargeboten werden.

Aber auch Schlimmes: "Als Gott die Welt gemacht, hat er die Rassen sich erdacht" werden die Zuschauer belehrt. Ein Kasperl und eine blondbezopfte junge Frau im Hitler-Jugend-Outfit zitieren "Trau keinem Fuchs auf grüner Heid" von Judenhasserin Elvira Fuchs.

So schön Michels Phantasie-Märchenkosmos auch sein mag, Krieg und Schrecken bleiben präsent. Das aus fünfzig Schauspielern bestehende Ensemble vermag es, die Verbindung zwischen romantischem Märchen und Bombennacht-Realität der im Bunker Verbarrikadierten zu ziehen. Mal tritt die Eiskönigin, mal zwei Soldaten als Erzähler auf.

Und wenn der Architekt vom "finsteren Fürsten, der sich sogar für größer als Gott hält" spricht, meinen wir zu wissen, von wem die Rede ist, obwohl Andersen diese Worte bereits vor 200 Jahren geschrieben hat.

Es ist kalt und dunkel im Stollen. Es tropft von den Wänden. Und man erschrickt regelrecht beim Echo der eigenen Schritte. Besser und authentischer hätte man dieses schaurig-schöne Stück nicht gestalten können. (Veronika Kössler, DER STANDARD - Printausgabe, 21./22. August 2010)

Bis 4. 9., Theater im Bunker in Mödling, gestaffelte Beginnzeiten ab 18.30, www.theaterzumfuerchten.at

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