Aktiv sparen mit Herrn Horst und Doktor Vitamin

20. August 2010, 19:34
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Bei der Überraschungsfahrt zu einer Produktinformation in Ungarn kann man kaufen und gewinnen

Matratzen, Lachsölkapseln, Reisegutscheine: Bei der Überraschungsfahrt zu einer Produktinformation in Ungarn kann man kaufen und gewinnen. Die in der Einladung angekündigten 5000 Euro freilich stecken im Stau. Leider.

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Wien/Sopron - "Haben Sie auch 5000 Euro gewonnen?" "Na sicher, deshalb fahren wir mit", antwortet man der Dame, die diese Frage mit schelmischem Unterton stellte. Die Szene spielt an einer Bushaltestelle im siebenten Wiener Gemeindebezirk. Pünktlich um 7.20 Uhr kommt der im Gewinnbrief versprochene Luxusreisebus. Dass die Klimaanlage nicht funktioniert, wird erst bei der Heimreise am Nachmittag spürbar. Dass es eine Toilette gibt, die man aber nicht benützen darf, ist nicht weiter schlimm. Bei den Gepäcksfächern, die leicht kaputt gehen, wenn man anreißt, was laut Chauffeur 700 Euro kostet, passt man auf.

Die Dame hat sich zwar vorgenommen, nie wieder an einer Werbefahrt teilzunehmen. Schließlich war sie zuletzt 700 Euro für Getränkedosen losgeworden, die sie entsorgte. "Die 5000 Euro sind wahrscheinlich ein Schmäh", sagt sie. Doch er macht neugierig.

27 Menschen zumeist fortgeschrittenen Alters sitzen nach mehreren Stationen im Bus. Sie alle haben ein Schreiben von Herrn Kurt Meiners in Händen, in dem garantiert wird: "Liebe(r) Frau (Herr) soundso, wir verpflichten uns hiermit zur Abgabe aller Geschenke, und zur Auszahlung der 5000,00 Euro in Bar!"

"Das ist eine Überraschungsfahrt. Ich sag nur, dass wir nach Sopron fahren", informiert der Chauffeur, ehe er die Fahrzeit mit, nun ja, nicht immer gelungenen Witzen vertreibt. Gegen neun hält er in einem Gewerbegebiet von Sopron. Ein junger Mann steigt ein. Anzug, Krawatte, Gel, deutsches Idiom. Björn, wie er sich später vorstellen wird, begrüßt artig und begleitet seine Gäste in das "Restaurant il Grande". Dort sind im kahlen Veranstaltungssaal drei Tischreihen aufgebaut.

Die superste aller Matratzen

Auftritt Herr Horst. Er sagt, er sei 63, komme aus Norddeutschland. Wer will, könne den Raum verlassen. Hereingelassen werde man freilich nicht mehr. Niemand geht. Wer will schon 5000 Euro aufs Spiel setzen. Von diesen spricht Herr Horst nicht, sondern vom Rückgrat. Denn: Die "aktuelle Medizinstudie 2009" berichte, dass Probleme der Wirbelsäule für 90 Prozent aller Krankheiten und Beschwerden zuständig sind.

Gott sei Dank kann man sein Rückgrat mit der richtigen Matratze retten. Bei einem Test hat das "Dosummed Kliniksystem mit der Uniklinik Wirkungsgarantie und dem medizinischen Prüfsiegel" am besten abgeschnitten. Dass sie wirkt, zeigt der "Medizinische Abschlussbericht der Professoren für Medizin". Leider gibt es die erste "Reis/Kaktus/Reismilch Matratze" erst ab November 2011 im freien Verkauf. Um 1998 Euro.

Doch wer heute zu den sechs Glücklichen gehört, die eine "Klinikbewilligung" zugeteilt bekommen, kann sie schon jetzt haben. Zu einem günstigeren Preis, den er noch nicht verrät. Das dazugehörige Pflegemittel "Doktor Vitamin" kostet jedenfalls heute nur 60 statt 100 Euro.

Wer am schnellsten aufzeigt, bekommt eine "Klinikbewilligung". Sechs schaffen es. Dass kurz darauf ein siebtes Zertifikat ausgeteilt wird, geht unter. Kein Wunder, denn: "Das haben sie noch nicht erlebt, das werden sie nicht mehr erleben." Herr Horst ist begeistert. Senkt den Preis auf 998 Euro. Kleiner Nachteil: Der muss schon am nächsten Tag bei Lieferung bezahlt werden. "Ich habe 800 Euro Lehrlingsentschädigung, ich dachte, das kann man später zahlen", sagt eine 22-Jährige, die ihre Oma begleitet. Sie storniert. Wie eine Mindestpensionistin. Herr Björn ist gnädig, zerreißt zwei Kaufverträge, sagt etwas böse: "Das hätten sie sich auch früher überlegen können."

"Sorglos-Paket" um 59 Euro

Nach dem Gratis-Mittagessen bietet er die gesunden "reinen Lachsölkapseln" an. Zum Superpreis von 20 Euro. Ende des Jahres erst sollen sie in die Apotheken kommen und 49 Euro kosten. Viele erbarmen sich. "So eine Reise kostet ja ein Heidengeld", hat Björn vorher verraten. Der Apotheker in Wien verrät, dass derartige Kapseln 15 Euro kosten. Dann verlost Herr Roland Reisegutscheine. Die Gewinner müssen nur ein "Sorglos-Paket" um 59 Euro dazukaufen.

Trotzdem kommt Unruhe auf. Denn Herr Björn hat die "Gewinnbenachrichtigungen" eingesammelt. Die Menschen wollen wissen, was mit den 5000 Euro ist. Leider, er verkaufe nur die Medizinprodukte, sagt Herr Björn, und Visitenkarten habe er keine. Herr Meiners habe das Geld, aber der stecke im Stau. Dafür sei alles mit dem Busfahrer geregelt.

Der weiß nichts vom Geld. Und verteilt Rubbellose. Zwei Damen gewinnen jeweils einen Euro fünfzig. Zurück in Wien kriegt jeder ein Plastiksackerl. Es muss sich um den versprochenen, zehn Kilo schweren Schlemmerkorb handeln. Zum Schlemmen gibt's ein Packerl Nudeln, drei Dosen (Ananas, Mais, Makrelen), eine Schokolade, zwei Baguettes zum Aufbacken. Zum Glück hat man, wie im Gewinnbrief geraten, vorher nicht eingekauft. (Michael Möseneder, Benno Zelsacher, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21./22.8.2010)

Wissen: Werbefahrten und das Gesetz

Dass Werbefahrten immer ins benachbarte Ausland führen, ist kein Wunder: In Österreich sind sie praktisch verboten, heißt es beim Verein für Konsumenteninformation, wo man täglich Anfragen und Beschwerden bekommt. Rechtlich gesehen ist es möglich, versprochene Gewinne einzuklagen. Die Arbeitkammer Niederösterreich rät davon dennoch ab, obwohl bereits Musterprozesse gewonnen wurden. Denn wenn der Veranstalter überhaupt ausforschbar ist, geht er nach verlorenem Prozess meist in Konkurs. Und man selbst bleibt auf den Prozesskosten sitzen. Delikte wie Betrug und Wucher sind schwer nachzuweisen.

  • Nur durch die Interpunktion wird klar, dass man gewonnen hat. Was, steht
 in Grau auf Grau über den Geldscheinen: Man ist ein 
"Rubbellosgewinner". Und die bekommt man in Sopron.
    foto: standard/möseneder

    Nur durch die Interpunktion wird klar, dass man gewonnen hat. Was, steht in Grau auf Grau über den Geldscheinen: Man ist ein "Rubbellosgewinner". Und die bekommt man in Sopron.

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