Je reicher das Stadtviertel, desto höher die Vogelvielfalt

23. August 2010, 11:54
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Die Verbindung liegt im Vorhandensein von Grünanlagen - Vögel werden zu Indikatoren für den "Wohlfühl-Faktor"

Leipzig - Die Lage ist im Immobiliengeschäft bekanntlich alles - die Kostenfrage und der auf der Umgebung beruhende Wohlfühlfaktor sind dabei untrennbar miteinander verbunden. Letzterer ist aber nicht nur beim Menschen von Stadtviertel zu Stadtviertel unterschiedlich hoch, sondern auch bei Tieren. Wissenschafter des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig nahmen Vögel als Indikatoren heran und führten eine Untersuchung zur Brutvogelverteilung in ihrer Stadt durch. Diese Daten verglichen sie anschließend mit solchen zu Landnutzung, Einwohnerdichte, Haushaltsgröße, Durchschnittsalter, Wohnungsleerstand und Durchschnittseinkommen der Bevölkerung.

Das eindeutige Ergebnis, veröffentlicht im Fachblatt "Ecology and Society": Die größte Vielfalt an Vogelarten lässt sich häufig in den Stadtgebieten finden, deren Einwohner gleichzeitig ein höheres Durchschnittseinkommen beziehen. Die Verbindung ist einfach: Diese Gebiete sind durch große Anteile von qualitativ hochwertigen Grünflächen charakterisiert.

Städtevergleich

Für ihre Studie untersuchten die Wissenschafter die Anzahl der Brutvogelarten in einem Radius von 500 Metern rund um Wohnstandorte. Je nach Stadtviertel leben im betrachteten Radius zwischen 12 und 73 Arten. Besonders wenige Vogelarten gibt es im Leipziger Osten in den Stadtteilen Volkmarsdorf und Neustadt-Neuschönefeld sowie im Westen in der Plattenbausiedlung Grünau. "Die meisten Arten können die Bewohner dagegen in den zentraler gelegenen nord- bis südwestlichen Bereichen der Stadt, beispielsweise in Schleußig oder im Waldstraßenviertel erleben", wie Michael Strohbach vom UFZ erläutert. "Dort befinden sich mehr und hinsichtlich der ökologischen Bedeutung qualitativ höherwertigere Grünflächen als in anderen Teilen der Stadt. Dazu kommt noch, dass diese Viertel nahe am sehr artenreichen Leipziger Auenwald liegen." Bereits in den 1980er Jahren hatten Wissenschaftler festgestellt, dass Leipziger Villenviertel wesentlich mehr Pflanzenarten enthalten als Plattenbauviertel (insgesamt 212 gegenüber 139).

Zwei Drittel der Leipziger leben der Studie zufolge in Gebieten, in denen die Vielfalt unter dem Durchschnitt liegt. Dies ähnelt der Situation in anderen bereits untersuchten Städten: Nordamerikanische Wissenschafter hatten vor wenigen Jahren festgestellt, dass Stadtviertel mit höherem sozialen Status häufig auch durch eine höhere Artenvielfalt gekennzeichnet sind als Viertel mit niedrigerem. "Die Ähnlichkeit mit Leipzig ist überraschend, da die Unterschiede in Lebensstil, Einwohnerdichte und Bebauung im Vergleich zu Nordamerika erheblich sind", sagt die Landschaftsökologin Dagmar Haase.

Relevant sind die Ergebnisse nicht allein aus biologischer Sicht, sondern auch aus soziologischer - sie geben Denkanstöße in Sachen Stadtplanung und Lebensqualität. Die Wissenschafter fordern, dass in sozial benachteiligten Stadtteilen mehr Anstrengungen zur Verbesserung der Grünflächen unternommen werden müssten. Eine Reihe von Studien weist bereits darauf hin, dass ein positiver Zusammenhang zwischen artenreichem städtischen Grün und der Gesundheit der menschlichen Bewohner besteht. (red)

  • Eine Bachstelze im Stadtgebiet: Die Vögel nutzen gerne menschliche Bauwerke zum Nisten.
    foto: dirkr, www.fotolia.com

    Eine Bachstelze im Stadtgebiet: Die Vögel nutzen gerne menschliche Bauwerke zum Nisten.

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