Sie sagen einfach nur mehr "Leck mich!"

20. August 2010, 18:47
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Zehntausende Kinder brauchen die Hilfe von Sozialarbeitern, Jugendämtern und Psychiatern

Immer mehr Eltern kommen mit ihren Kindern nicht allein zurecht - und umgekehrt: 27.261 Minderjährige erhielten im Vorjahr "Unterstützung bei der Erziehung" durch Sozialarbeiter, ein Plus von fünf Prozent gegenüber 2008. Noch einmal 10.659 Kinder und Jugendliche sind fernab des Zuhause untergebracht, bei Pflegeeltern, in Heimen oder sozialpädagogischen WGs. Auch psychiatrische Einrichtungen verzeichnen wachsenden Zulauf, berichtet Werner Leixnering, Primar an der Linzer Wagner-Jauregg-Nervenklinik, der die Wurzeln in den "Lebenswirklichkeiten" der Patienten sucht. Die Grenze vom kleineren Entwicklungsproblem zum handfesten Krankenbild ist fließend, das Spektrum breit. Jugendliche kapseln sich ab, versagen in der Schule, leiden unter Aggressionsschüben oder sagen den Eltern einfach nur mehr "Leck mich!"

Was macht Familien heutzutage so zu schaffen? Experten vertreten ein Sammelsurium mitunter widersprüchlicher Thesen.

  • Isolation Der Spruch, es brauche ein Dorf, um ein Kind aufzuziehen, enthalte viel Wahres, meint die Familienforscherin Gisela Erler. Doch in der heutigen "Stubenhockerkultur" lebten immer mehr Familien isoliert, müssten Mütter ihre Sprösslinge "allein zähmen" . Freiräume würden zubetoniert, Eltern fürchteten die Gefahren der Straße, Kindern mangle es an Spielkameraden. "Es fehlt das soziale Korrektiv durch Freunde und Verwandte" , sagt Erler und fordert Nachbarschaftsräume, Ganztagsschulen und andere Gemeinschaftseinrichtungen.
  • Medienrevolution Internet, Video, Spielkonsole laden zum Abkapseln ein, sagen Kritiker. Oft sind die Inhalte für die Eltern unzugänglich und werden folglich nicht besprochen - Fiktion und Realität vermischen sich. Der Kriminologe Christian Pfeiffer führt Phänomene wie Lernschwäche und fehlende Sensibilität für Gewalt auf brutale Computerspiele zurück.
  • Überforderung "Viele Kinder stehen unter großem Erwartungsdruck, sich möglichst kompetent zu entwickeln" , sagt der Psychiater Leixnering. Gleichzeitig frisst wachsender Arbeitsstress Vätern und Müttern die Zeit weg, sich mit ihrem Nachwuchs auseinanderzusetzen. Dass oft beide Elternteile arbeiten, bedeutet eine zusätzliche Herausforderung. Leixnering will kein Heim-an-den-Herd, aber bessere Kinderbetreuungseinrichtungen, die nicht unter Überlastung leiden.
  • Verwöhnkultur Die Knute sei glücklicherweise auf dem Rückzug, doch ungewollt schlage das Pendel mitunter zu stark in die andere Richtung aus, meint die Familienexpertin Erler. Statt sie "mit Überfluss zu erschlagen" , müssten Eltern ihren Kinder auch beibringen, sich anzustrengen und Bedürfnisse aufzuschieben.
  • Konfusion "Große Verunsicherung" erkennt die Kinderärztin Barbara Burian-Langegger angesichts unzähliger Ratgeber und noch mehr Internettipps. Doch Stellen, an die sich Eltern wenden können, seien rar, sagt die Leiterin des Instituts für Erziehungshilfe: "Einrichtungen wie die unsrige sind allein mit den schwierigen Fällen ausgelastet."

Trotz der alarmierenden Zahlen warnen die Expertinnen aber vor einem Abgesang auf die angeblich unerziehbaren Kinder. "Auch das Problembewusstsein ist gewachsen" , sagt Burian-Langegger, und Erler meint: "Früher hat man Kinder mit einem Alkoholzutz ruhiggestellt und bei sexuellem Missbrauch weggeschaut." (jo, DER STANDARD, Printausgabe, 21./22.8.2010)

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